Für sie kann der Winter jetzt schon kommen
Das grosse Glück nach der Leidenszeit
Allegra Frei staunt selbst darüber: Der 19-jährigen Gockhauserin winkt nächste Saison die Feuertaufe im Europacup. Obwohl sie die letzten zwei Jahre kaum Rennen fuhr.
Hohe Temperaturen, viel Sonne und lange Tage: Die meisten freuen sich auf den Sommer. Allegra Frei tickt anders. Die junge Gockhauserin sitzt an diesem Nachmittag zwar in T-Shirt und kurzen Hosen da, sagt aber: «Der Winter kann kommen.»
Jüngst hat die 19-Jährige ausgerechnet, wie viele Tage sie noch warten muss, bis sie wieder Skifahren kann. Deren 40 sind es zum Zeitpunkt ihrer kurzen Erhebung. Oder nach ihrem Empfinden ganz einfach viel zu viele, bis im Juli die ersten Schneetrainings anstehen.
Wäre die Sehnsucht von Frei nur vorgegaukelt, sie wäre eine wirklich talentierte Schauspielerin. Talentiert ist sie fraglos – als Skifahrerin.
Richtiggehend verrückt nach Skifahren ist Frei seit der Kindheit. Die Leidenschaft für die Sportart ist in jüngster Vergangenheit noch ausgeprägter geworden. In den schwierigen, weil verletzungsgeprägten letzten zwei Jahren.
Eindrücklich ist, dass Frei jetzt trotzdem an einem Punkt steht, von dem sie dachte: «Der ist vielleicht in drei Jahren möglich.» Im Winter winkt ihr schon die Europacup-Premiere. Wie das?
Vor rund einem Monat erlebte Frei mit der Beförderung ins B-Kader von Swiss-Ski einen Freudentag. «Das ist schon krass», staunt sie selbst jetzt noch. Die Fahrerin war zuletzt dem nationalen Leistungszentrum Mitte in Engelberg zugeteilt. Es ist die Stufe zwischen den Regionalkadern und den C-Kadern von Swiss-Ski.
Das Pech findet sie zweimal
Zum Aufstieg ins B-Kader, den sie selbstredend nur dank erfüllten Kriterien schaffte, sagt Frei: «Er kam komplett unerwartet.» Überraschend primär darum, weil Frei die letzten zwei Saisons nicht annähernd dasselbe Trainings-und Rennprogramm bestritt wie andere Fahrerinnen am selben Punkt der Karriere. Im Jahr 2024 klafft gar ein Nuller in ihrer Wettkampf-Statistik.
Die junge Athletin hat eine Leidensgeschichte hinter sich, die schon beim Zuhören wehtut. Im Dezember 2023, kaum hat ihre Rennsaison angefangen, stürzt sie im Training. In ihrer Erinnerung völlig unspektakulär.
Später stellt sich heraus: Im rechten Knie sind das Kreuzband und der Meniskus gerissen. Auch die lange Rehabilitation verläuft nicht ohne Probleme, wie sie mit einem Anflug von Galgenhumor sagt: «Mir kam noch eine Schulterverletzung in die Quere.»
Frei kämpft sich zurück. Und notiert nach dem Comeback in ihrem Tagebuch, wie glücklich sie ist, wieder Skifahren zu können. Doch das Pech findet sie erneut. «Am nächsten Tag lag ich wieder im Spital. Das war schon sehr hart.»
Dieses Mal ist das linke Kreuzband gerissen. Andere an ihrer Stelle hätten sich wohl gesagt: Das wars. Hätten die Spitzensportpläne begraben und sich auf die Lehre konzentriert, in ihrem Fall als Metallbaukonstrukteurin. Nicht aber Frei. Sie nennt nicht ohne Grund Zielstrebigkeit als eine ihrer Stärken.

Quasi noch im Spitalbett erinnert sich die junge Sportlerin an die Glücksgefühle nach der ersten Rückkehr. «Jeden einzelnen Tag auf den Ski zelebrierte ich einen Monat lang», sagt sie. Das mag übertrieben tönen. Frei legt aber so viel Vehemenz in die Worte, dass man spürt: Es ist ihr ernst.
Beim erneuten Weg zurück lässt sie sich mehr Zeit. Und konzentriert sich nicht nur aufs Körperliche, sondern beschäftigt sich intensiv mit ihren Gedanken und Gefühlen. Frei arbeitet mit einem Mentalcoach, auch mit einer Hypnotiseurin.
Die Investitionen zahlen sich aus. «Ich habe mein Trauma verarbeitet. Da löste sich wirklich etwas», sagt Frei. Sie hat wieder Vertrauen in den eigenen Körper, denkt auf den Ski nie an mögliche weitere Verletzungen. «Ich hatte letzte Saison nie eine Sekunde Angst.»
Was dann passierte? «Völlig unfassbar»
Von einer wirklichen Saison kann man derweil nicht sprechen. Erst Anfang 2025 ist Frei überhaupt in der Lage, sportliche Pläne zu schmieden. Nicht nur hat sie bis dahin viele Rennen verpasst, auch unzählige Trainingskilometer fehlen ihr.
Was dann passiert? Ist in Freis Worten «völlig unfassbar».
Gleich ihr erstes Speed-Rennen des Winters – eine FIS-Abfahrt in Frankreich – gewinnt Frei. Notabene mit der Startnummer 40. Danach legt sie mit weiteren Siegen in Abfahrt und Super-G nach. Ist da also eine reine Speed-Spezialistin auf dem Weg nach oben?
Frei zögert für einmal kurz. Die Trainer sehen eine solche in ihr, sagt sie. «Aber ich finde, es ist mega schwierig zu sagen.» Die Erfahrungswerte fehlen ihr. Im U16-Bereich fährt man keine Speedrennen, danach war sie mehrheitlich verletzt.
Klar ist indes: Zwei wichtige Eigenschaften, um in Speed-Disziplinen erfolgreich zu sein, bringt sie mit. Frei liebt die Geschwindigkeit. Und ist mutig. Was sie als Skifahrerin sonst auszeichnet? «Ein gutes Vorstellungsvermögen und mein Körpergefühl.» Häufig decken sich die Rückmeldungen der Trainer mit Freis Eindrücken.
Unlängst hat sie mit dem Aufbau für die nächste Saison begonnen. Bis diese beginnt, dauert es zwar noch lange.
Frei hat allerdings bereits jetzt klare Vorstellungen, wie es für sie weitergehen soll. Bis im September ist sie nun im Elite-Nachwuchs. «Da kann ich mehr Riesenslalom trainieren und technisch aufholen», lautet ihre Begründung.
Danach wird Frei ins Europacup-Team wechseln. Mit dem Ziel, auf zweithöchster Stufe zu debütieren und da Speedrennen zu bestreiten. «Eine ganze Saison zu fahren, das wäre cool», sagt Frei. Um sich ans Niveau heranzutasten, Erfahrungen zu sammeln. Loslegen könnte sie sofort. Frei lächelt, ehe sie sagt: «Ich bin jetzt schon kribbelig.»
