Sein Mut hat sich ausbezahlt
Karrierehöhepunkt für Ian Raubal
Ian Raubal trainiert als einziger Turner des Schweizer Nationalkaders im Ausland. Jetzt kommt der junge Fällander zum EM-Debüt.
Vor zwei Jahren hat Ian Raubal die Zürcher Kunstturnertage souverän gewonnen. Bei der jüngsten Ausgabe vom Wochenende findet man den Fällander in der Gesamtwertung hingegen weit hinten – auf Platz 20. Und doch ist er zufrieden.
Wie das zusammenpasst? Raubal hat nur die Hälfte des Pensums absolviert. Er turnte an den Ringen, am Barren und Reck – genau an jenen Geräten, an denen er an den Europameisterschaften in Leipzig vom 26. bis 31. Mai im Einsatz steht.
Die Zürcher Kunstturnertage waren für ihn die Hauptprobe. Weil dem 23-Jährigen die Übungen gelangen, sagt er über den Wettkampf: «Er war gut fürs Vertrauen.»
Raubal ist im sechsköpfigen Schweizer EM-Aufgebot der einzige Neuling. Er ist auch der einzige Schweizer Turner, der nicht im nationalen Leistungszentrum in Magglingen trainiert, sondern im Ausland.
Im Herbst 2022 packte Raubal die Chance, die ihm die US-amerikanische Pennsylvania State University mit einem vierjährigen Sportstipendium bot. Raubals Entscheidung war nicht frei von Risiko. Er wählte mit dem Schritt an die Penn State, für deren Turnteam er seither antritt, einen neuen Ansatz.
Einen auch, bei dem er sich an keinem anderen Schweizer Turner orientieren konnte. Raubals Mut hat sich ausbezahlt, wie das EM-Debüt zeigt. Er sagt: «Ich konnte meinen Weg gehen und habe mich turnerisch entwickelt.»
Näher, als man denkt
Die EM in Deutschland markiert den Auftakt zum neuen Olympia-Zyklus. Von einem «zukunftsorientierten Team» hat der Schweizerische Turnverband nach der Selektion geschrieben. Die Spiele 2028 in Los Angeles sind denn auch für Raubal das Fernziel. Und laut ihm im Alltag präsenter, als man sich vorstellen würde für einen Anlass, der erst in drei Jahren stattfindet.
Der Turner, der als Kind einige Jahre in Kalifornien gelebt hatte, sagt: «Man plant eine Karriere um ein solches Ereignis.»
Raubal denkt darum nicht nur darüber nach, wie er die aktuellen Übungen verbessern kann. Er macht sich auch immer wieder Gedanken darüber, wo er turnerisch in drei Jahren stehen will.
Die EM-Feuertaufe ist ein gutes Zeichen dafür, dass Raubals Richtung stimmt. Mit der Penn State hat er die bisher beste Saison hinter sich. An den nationalen Meisterschaften klassierte sich das Team auf Rang 5 so gut wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr. Raubal hatte seinen Anteil daran und sagt: «Ich bin mit meinen Leistungen zufrieden.»
An den zwei internen EM-Qualifikationen packte das Mitglied des Nationalkaders dann die Chance. Er absolvierte die Wettkämpfe in den USA, schickte Videos davon in die Schweiz. Raubal hat die Qualität seiner Übungen in den letzten Monaten verbessert. Auch seine Stabilität in den Wettkämpfen sieht er als Pluspunkt.
Dass an den Ringen neu mehr Kraftelemente beherrscht werden müssen, spielte ihm in die Karten. An den Zürcher Kunstturnertagen zeigte Raubal die mit Abstand beste und schwierigste Ringübung.
Der schwierige Vergleich
Nun folgt für Raubal der bisherige Karrierehöhepunkt. Das zeigen nur schon die Eckwerte der EM: 177 Turner aus 38 Nationen sind in Leipzig gemeldet. Im Vorverkauf wurden für die sechs Wettkampftage über 20’000 Tickets verkauft.
Für Raubal ist es schwierig abzuschätzen, wo er im europäischen Vergleich steht. Auch weil es sein erster Grossanlass ist. Den Fokus hat er auf den Teamwettkampf vom Dienstag gelegt. Er sagt: «Das Team steht an vorderster Stelle. Ich will meine Übungen auf den Punkt bringen.»
Der Verband hat eine Top-8-Platzierung als Ziel herausgegeben. Raubal ist optimistisch. Er glaubt, es liegt auch noch mehr drin.
Für den Fällander, der die nächsten Monate in der Schweiz verbringt, soll der Wettkampf in Leipzig nicht der einzige Höhepunkt des Jahrs bleiben. Nach seiner wettkampfreichen Saison in den USA macht er nach der EM wohl eine Pause.
Raubal dürfte dadurch im Juni auf das Eidgenössische Turnfest in Lausanne verzichten. Im Juli möchte der 23-Jährige dafür an der Universiade starten, die wie die EM in Deutschland ist. «Das wird das zweite Highlight des Sommers», sagt Raubal.
Vor zwei Jahren war er an der Universiade mit dem Team Achter und in einem starken Feld im Mehrkampf-Final Zwölfter geworden. Es war das bisher letzte Mal, dass er für die Schweiz angetreten ist.