«Es war superhart», sagt er – und weinte doch Freudentränen
Ultramarathon durch die Wüste
Hitze, Sandstürme und eine 250 Kilometer lange Strecke: Der Marathon des Sables in Marokko ist legendär. Benno Schöb aus Gossau hat ihn gemeistert – und ist begeistert.
Emotionen, Leistungsbereitschaft, Freude. Diese drei Begriffe charakterisieren für Benno Schöb den Marathon des Sables durch die marokkanische Sahara. Hunderte Personen aus der ganzen Welt absolvieren den 250 Kilometer langen Etappenlauf seit 1986 jährlich, an dem sie bis aufs Wasser und auf das Zelt fürs Nachtlager all ihre (wenigen) Habseligkeiten inklusive Nahrung mit sich tragen müssen.
Über 90 Prozent der bisher 30’000 Teilnehmenden erreichten das Ziel. Auch Benno Schöb, der es bei der jüngsten Ausgabe als 257. sogar ins erste Ranglistendrittel schaffte.
Auf welchem Platz er das Rennen genau beendete, ist dem Gossauer indes nicht so wichtig. Sein Hauptziel war dasselbe wie wohl bei vielen anderen – er wollte durchkommen. Wobei Schöb zugibt, mit Fortdauer des Rennens schon etwas auf die Rangierung «gespienzelt zu haben», weil es ihm so gut gelaufen war. Mit der teils enormen Hitze kam er gut klar.
Seine Bilanz fällt überaus positiv aus. «Megahappy» ist er und findet: «Es war superhart, aber aufgeben nie eine Option.» Schöb hat auf den sechs Etappen zahlreiche prägende Momente erlebt. Seine Begeisterung darüber ist gut hörbar.
Als er beispielsweise vom Beduinenzelt mit der Nummer 45 erzählt, das er sich in den Nächten mit anderen Teilnehmenden teilte, die schnell von Fremden zu Freunden wurden. Oder vom speziellen Augenblick, an dem er in der wohl grössten Nachmittagshitze plötzlich weinte. Und dennoch eine absolute Begeisterung verspürte, weil er realisierte: Es ist weder Stress noch Überforderung, es sind Freudentränen.
Vergnügt lacht Schöb bei der Erinnerung daran, wie er eine der Dünen beschimpfte, an denen loser Sand wie so häufig das Vorwärtskommen erschwerte. «Das Abrutschen war zermürbend.»
Nur noch Bouillon möglich
Was bei all den Strapazen erstaunt: Schöb hat nur ein Kilogramm abgenommen. Und kam mit zwei kleinen Blasen an den Füssen sowie blauen Zehennägeln davon. Sein grösstes Problem war eines, mit dem er schlicht nicht gerechnet hatte, wie er zugibt. Schliesslich hatte er alles akribisch geplant.
Genau 8,6 Kilogramm schwer war sein Rucksack, das komplette Material stellte er vorher ausgiebig auf die Probe. Den Schlafsack etwa, in dem er daheim unter freiem Himmel schlief. Auch die Ernährung testete der Gossauer ausgiebig. Trotzdem konnte er die letzten drei Tage keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, was beim hohen Kalorienverbrauch alles andere als ideal ist. «Ich habe mich nur noch von Bouillon ernährt», sagt Schöb.
Er hat beim Abenteuer in Afrika immer wieder realisiert, wie viel der Mensch eigentlich zu leisten imstande ist. «Das fasziniert mich unheimlich», sagt der dreifache Familienvater.
Die Königsetappe über 82 Kilometer am vierten Renntag ist für ihn das beste Beispiel. «So etwas macht man nicht auf einer Füdlibacke», sagt Schöb. Stattdessen geht man seiner Ansicht nach davon aus, dass, ohne vorher reichhaltig gegessen und sich genügend erholt zu haben, eine solche Strecke nicht zu bewältigen ist.
In seinem Fall sieht die Realität hingegen anders aus. Schöb vermutet, in der Nacht vor dem anspruchsvollsten Teilstück zusammengezählt wohl anderthalb Stunden geschlafen zu haben. Danach kann er das Morgenessen nicht bei sich halten und vermag während der Etappe nur rund 1000 Kalorien zu sich zu nehmen. «Verbraucht aber habe ich etwa 11’000 Kalorien», rechnet Schöb vor.
Und trotzdem: «Es wurde Abend, und es klappte. Es war reine Kopfsache», sagt Schöb. Im selben Atemzug weist er jedoch darauf hin, was beim Betrachten der Renneckwerte klar sein sollte: Ohne gute Grundlagenausdauer ist ein solcher Ultramarathon nicht zu schaffen. Oder wie er sich ausdrückt: «Man geht den Marathon des Sables nicht leichtfertig an wie einen Volkslauf. So ein Rennen absolviert niemand unvorbereitet.»
Mit 51 genau im Schnitt
Nachdem er schon länger damit geliebäugelt hatte, entschied Schöb sich vor rund zwei Jahren für einen Start. Danach zog er über einen langen Zeitraum ein intensives Vorbereitungsprogramm durch, um bereit zu sein. Eines, das neben seinem normalen 100-Prozent-Arbeitspensum vom Umfang her einer Teilzeitstelle entsprach, wie er ausgerechnet hat. Schöb bestritt dabei kaum Wettkämpfe, spulte bisweilen aber 100 bis 150 Laufkilometer pro Woche ab.
Was aber motivierte ihn überhaupt, den Marathon des Sables absolvieren zu wollen? Neben den klimatischen Herausforderungen vor allem auch die Frage: «Wie leistungsfähig bin ich noch?»
51 ist Schöb – es ist genau das Durchschnittsalter aller Startenden am Rennen durch die marokkanische Wüste.

Und was gönnte sich Schöb nach Rennende? Wer etwas Spektakuläres erwartet, ist ob der Antwort enttäuscht. Schöb stillte einerseits sein Verlangen nach einer Cola, obwohl er das Süssgetränk ansonsten kaum konsumiert. «Und ich genoss die wohl schönste Dusche meines Lebens», sagt er, «sie war wohl auch eine meiner längsten.»
Das Abenteuer hat seinen Hunger auf weitere intensive Herausforderungen an Läufen geweckt. Eine weitere Teilnahme am Marathon des Sables schliesst er allerdings aus. Der Grund dafür ist simpel und nachvollziehbar. Schöb sagt: «Ich will ihn vom Erlebniswert alleinstehend wissen.»
