Auf Teufel komm raus war gestern – jetzt setzt er auf Gelassenheit
Hürdenläufer mit neuem Ansatz
Andere hätten nach diesem Olympia-Frust wohl die Karriere beendet, Dany Brand aus Rüti aber hat die Lust noch nicht verloren. Er löst sich jedoch von den ganz grossen Zielen.
Der eine oder andere in der Szene mag sich gefragt haben: Ist Dany Brand leise abgetreten? Der Wettkampfkalender auf der Website des Rütners ist leer, die letzten sportlichen Neuigkeiten auf seinen sozialen Kanälen sind über ein halbes Jahr alt. Der vierfache EM- und zweifache WM-Starter über 400 m Hürden lacht beim Gedanken daran, dass man ihn vermisst hat. Um dann festzuhalten: «Ich bin noch da!»
Der Sport nahm bei ihm in den letzten Wochen allerdings keine Hauptrolle ein. Brand heiratete, reiste in die Flitterwochen und schloss sein Bachelorstudium ab.
Das alles führt dazu, dass er sich heuer mehr Zeit in der Vorbereitung nimmt als in der Vergangenheit. Noch hat er nicht einmal den Saisoneinstieg festgelegt. Und erst jetzt geht er in sein erstes Trainingscamp des Jahrs, in die Türkei nach Belek.
Brand macht also weiter – eine Selbstverständlichkeit ist das aber nicht, wie er gleich selber sagt. Der Langhürdler ist im Februar 29 geworden. Er hat damit ein Alter erreicht, in dem man sich als Leistungssportler durchaus Gedanken macht, wie lange die Laufbahn noch dauert. Das hat Brand ebenfalls getan. Kommt hinzu, dass er nach Abschluss der letzten Saison realisierte: «So platt ging ich noch nie in die Pause.»
Letzteres hat seiner Ansicht nach primär mit den geplatzten Olympia-Hoffnungen zu tun. Die komplizierte Geschichte grob zusammengefasst: Brand blitzte vor dem internationalen Sportgerichtshof mit seinem Begehren ab, für die Spiele in Paris als Nummer 41 im Olympia-Ranking nachrücken zu können. Besonders bitter für ihn: Letztlich waren in Frankreich über 400 m Hürden nur 39 der 40 Startplätze besetzt.
Die Entscheidung bis zum endgültigen Nein zog sich damals hin. Und der Hickhack trieb ihn selbstredend um. Nach seinem letzten Rennen im Herbst stellte sich Brand darum wenig überraschend zur sportlichen Zukunft die Grundsatzfrage: «Was passiert jetzt?» Und liess die Antwort vorerst bewusst offen.
Nach seiner Rückkehr aus den Flitterwochen merkte Brand indes schnell: «Ich bin im Sport noch daheim.» Und die Erfahrung – in seiner Disziplin kein zu unterschätzender Faktor – spielt ihm in die Hände. Oder wie er sich ausdrückt: «Die 29 Jahre kommen mir positiv rein.»
Die Folgen des Fiaskos
Brands Umstände haben sich derweil verändert. Die Dreifachbelastung mit Studium, Teilzeitarbeit und Sport fällt weg, «was zu ganz anderen Möglichkeiten führt», wie er findet.
Auch sein Ansatz ist neu. So plant er nicht mehr über einen längeren Zeitraum, sondern lediglich diese Saison.
Die Spiele 2028 in Los Angeles? Sind weit weg. Auch weil Brand verständlicherweise sagt: «Nach dem letztjährigen Fiasko haben die Olympischen Spiele etwas an Reiz für mich verloren.»
Der Rütner ist keineswegs ein schlechter Verlierer, was man ihm allenfalls unterstellen könnte. Und mag sich auch gar nicht in der Opferrolle sehen. Im Gegenteil. Brand vertritt eine sehr differenzierte Meinung. Und ist sich bewusst, dass es grundsätzlich so ist: Wer schnell genug läuft, ist dabei.
Er gibt aber auch zu: «Es wäre gelogen zu behaupten, ich hätte das alles schon zu hundert Prozent verarbeitet.»
Ein alles andere als spektakuläres Ziel
Die dritte Saison ist Brand nun Teil der deutschen Trainingsgruppe von Volker Beck. Zuletzt war alles auf Olympia ausgerichtet. Jetzt will er sich nicht mehr von einem einzigen grossen Ziel abhängig machen. Nicht mehr sein ganzes Selbstwertgefühl als Athlet damit koppeln, wie er sagt.
So tönt es denn auch wenig spektakulär, wenn Brand die Schweizer Meisterschaften im August zu seinem wichtigsten Wettkampf erklärt. Er macht dies nicht ohne Hintergedanken. Einerseits tritt der Oberländer in Frauenfeld am Wochenende vom 23./24. August als Titelverteidiger an.
Andererseits endet am 24. August die Qualifikationsperiode für die Mitte September stattfindende WM in Tokio.
«Tokio wäre cheibe nice», meldet er seinen WM-Hunger an. Um gleich darauf klarzumachen: «Es ist für mich aber kein auf Teufel-komm-raus-Ziel mehr.» Einen der 40 Plätze in Japan sichern kann er sich via Weltrangliste, in der er derzeit an 35. Stelle liegt. Oder er unterbietet die Limite von 48,50 Sekunden. Dafür müsste Brand eine deutliche persönliche Bestzeit erzielen, seine aktuelle liegt bei 48,96 Sekunden.
Was auf dem Papier nach einer fast unlösbaren Aufgabe aussieht, ist auf der Bahn kein Ding der Unmöglichkeit. Denn Brand hat mit seiner Konstanz die Grundlage dafür gelegt. Achtmal blieb er letzte Saison unter 50 Sekunden, an der SM kratzte er an einer 48er-Zeit.
Brand mag nicht an diesem für die WM nötigen Ausreisser herumstudieren. Stattdessen lässt er alles auf sich zukommen. Er wirkt entspannt. Und unterstreicht seine Gelassenheit mit der Aussage: «Ich gehe mit einem anderen Mindset an.»
Brand hat gelernt: Wenn man etwas zu sehr will, funktioniert es meistens nicht. «Es klappt häufig erst, wenn man sich davon löst.» Insofern stehen die Zeichen gut, dass der Rütner im Herbst zum dritten Mal an eine WM reist.
