Dieser WM-Titel soll erst der Anfang sein
Schmerzhafter Erfolg
Die höchste Thaibox-Liga ist ihr Ziel. Einen ersten Schritt dahin haben der Wetziker Trainer Michi Fäh und sein Schützling Mattia Sutherland nun gemacht.
Es sind Nachwehen, die sie gerne in Kauf nehmen. Trainer Michi Fäh kämpft auch einige Tage nach dem gewonnenen WM-Kampf seines Schützlings Mattia Sutherland noch etwas Mühe mit seiner Stimme. Nicht wegen des Einsatzes am Ring, sondern wegen der Feierlichkeiten danach, wie der Wetziker lachend sagt.
Und Kämpfer Sutherland? Er hat eine mit wenigen Stichen genähte Wunde am Hinterkopf, geschwollene Oberschenkel, Muskelkater und spürt seine Schienbeine.
Keine grosse Geschichte findet der 21-Jährige das. Denn er weiss: «Ob man gewinnt oder verliert, man hat Schmerzen. Aber wenn am Ende der Ringrichter deinen Arm zum Sieg hochreisst, ist alles vergessen. Dieses Gefühl ist unbezahlbar.»
Sutherland und Fäh haben eben erst ihren grössten gemeinsamen Erfolg erzielt. Nach einem einstimmigen Punktsieg über Gegner Armin Pour darf sich Sutherland im Muay Thai jetzt AFSO-Weltmeister in der Kategorie bis 70 Kilogramm nennen.
Was aber ist Muay Thai genau? Wie ist die Sportart organisiert? Und wohin soll der Weg des in Pfäffikon trainierenden Duos Fäh/Sutherland noch führen?
Was ist Muay Thai?
Muay Thai hat seine Ursprünge in Thailand, ist im ostasiatischen Land tief verwurzelt und dasselbe wie Thaiboxen. In der Vollkontakt-Sportart nutzen die Kämpferinnen und Kämpfer unter anderem Hände, Füsse, Ellbogen und Knie. Weil im Muay Thai acht verschiedene Körperteile eingesetzt werden können, um den Gegner zu traktieren, wird die Sportart auch als «Kunst der acht Gliedmassen» bezeichnet.
Anders als etwa im Kickboxen darf im Thaiboxen weitergearbeitet werden, wenn einer der Kämpfer klammert, weil er vielleicht keinen anderen Ausweg aus der Situation mehr sieht. Oder zu Atem kommen möchte. Das Klammern ist auch ein taktisches Mittel. Ellbogentechniken, Kniestösse und Würfe in der Umklammerung sind erlaubt. Unterbrochen wird jeweils, wenn einer der Kämpfer am Boden liegt. Für den ehemaligen Kämpfer Michi Fäh ist der zentrale Aspekt des Muay Thai der Respekt, der sich auf vielfältige Weise zeigt – beispielsweise auch im Umgang mit dem Gegner. Titelkämpfe gehen über fünf Runden, die jeweils drei Minuten dauern.
Wie ist die Sportart organisiert?
Es ist nicht einfach, den Überblick zu behalten – weder national noch international. In der Schweiz gibt es nicht einen einzigen und zentralen Verband. Michi Fäh sagt denn auch: «Diese vielen Verbände sind das grösste Problem.» Mit seinen Amateurkämpfern setzt er vorwiegend auf die Organisationen SMTL (Swiss Muaythai League) und SCOS (Swiss Combat System). Deren Vorteile aus seiner Sicht: mehrere über die Saison verteilte Wettkämpfe mit einem Final für die Punktbesten.
Wie im Boxen gibt es im Muay Thai verschiedene Weltverbände. Darunter die Association of Muay Thai for South East Asia oder kurz AFSO, in der Sutherland nun in seiner Gewichtsklasse Weltmeister nach einem Kampf in Deutschland geworden ist. Laut Fäh ist die AFSO entgegen ihrem Namen nicht nur in Südostasien sehr präsent, sondern ebenfalls in Europa. Fäh bezeichnet sie als die weltweit zweitgrösste Muay-Thai-Organisation, entsprechend wertvoll ist der Titel. Der grösste Verband ist die WBC (World Boxing Council).
Wer ist Mattia Sutherland?
Der in Männedorf wohnende Mattia Sutherland feilt 15 bis 20 Stunden pro Woche in Fähs Kampfsportcenter in Pfäffikon an seinen Fähigkeiten. Zum Thaiboxen fand der ehemalige Fussballer erst vor wenigen Jahren, jetzt aber sagt er: «Ich lebe diesen Sport.» Was ihn daran fasziniert? Das ist für ihn einfach zu beantworten: «Ich messe mich gerne.»
Sutherland hat einen schnellen Aufstieg im Ring hinter sich. Er wurde in den letzten zwei Jahren in seiner Gewichtsklasse Schweizer Amateurmeister, nahm an der WM in Thailand teil und ist auch heuer an der WM im Juni in Italien dabei. Der AFSO-WM-Titel ist laut seinem Trainer und Mentor Michi Fäh vergleichbar mit der zweithöchsten Stufe in anderen Sportarten. Oder anders gesagt: Es ist ein Titel für Halbprofis.
Was zeichnet Sutherland aus? Michi Fäh lobt die aussergewöhnliche Athletik seines Schützlings. Und sagt, bezogen aufs Thaiboxen: «Er hat ein sehr gutes Auge und eine starke Reaktionsfähigkeit.» Der Coach findet aber auch: «Mattia ist noch zu lieb.» Und meint damit ausschliesslich jene Momente zwischen den Gongs.
Wohin soll der Weg führen?
Mit 21 steht Sutherland erst am Anfang seiner Karriere, das ideale Kämpferalter dürfte zwischen 27 und 32 liegen. «Man muss seinen Namen aufbauen», sagt Fäh über Sutherland. Weitere Duelle austragen, verschiedene Gürtel holen, das ist stark vereinfacht gesagt der Fahrplan. Er habe zahlreiche Anfragen für Kämpfe, sagt Fäh. «Aber wir warten auf die besten Möglichkeiten.»
Was ist das Ziel der Aufbauarbeit? «Irgendwann werden dann die ganz Grossen auf ihn aufmerksam», ist der Trainer überzeugt. Zu diesen zählt der Ur-Wetziker, wie sich Fäh nennt, etwa den Veranstalter One Championship. Der bezeichnet sich als weltgrösste Kampfkunst-Organisation. Über elf Millionen haben den Youtube-Kanal von One abonniert, 13’500 Videos sind darauf zu finden.
Sutherland ist jedenfalls motiviert, den steinigen Weg zu gehen Richtung höchste Liga. Monatelang hat er sich auf den letzten Kampf vorbereitet, darunter mehrere Wochen in Thailand. «Da pushte ich meinen Körper ans Limit», sagt Sutherland, der in jener Zeit eigentlich nur drei Dinge tat: trainieren, essen, schlafen. Im kommenden Jahr ist der nächste längere Thailand-Aufenthalt geplant.
Und in welchem Bereich muss sich Sutherland als Nächstes entwickeln? Trainer Fäh sagt: «Ab jetzt ist jeder Gegner stark. Man ist nervöser vor einem Kampf. Das braucht viel, viel Mentaltraining.»
