So professionell war sie noch nie unterwegs
Vom ZSC zum SC Bern
Sinja Leemann aus Gossau steht an der Frauen-WM im Einsatz – und vor einem bemerkenswerten Klubwechsel.
In der Komfortzone sind die Schweizerinnen nur auf den ersten Blick. An der Fraueneishockey-WM in Tschechien, die für das Team von Colin Müller am Mittwochabend mit dem Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen beginnt, sind die fünf Teams der Gruppe A schon vor Turnierbeginn für den Viertelfinal qualifiziert.
Doch zuletzt waren die Schweizerinnen das schwächste Team dieser Gruppe und landeten auf dem fünften WM-Rang. Eigentlich wollen sie aber stets viel mehr. «Ziel ist eine Medaille», sagt die Gossauerin Sinja Leemann.
Sie gehört zu den Teamstützen – und weiss deshalb auch: «Meine Linie muss performen, auf uns wird gesetzt.» Die USA und Kanada dürften den Titel einmal mehr unter sich ausmachen. Dahinter buhlen die Schweizerinnen mit Finnland und Tschechien um die weiteren Plätze.
«Die anderen Teams haben etwas mehr Breite und mehr Spielerinnen, die in Übersee oder in Schweden spielen. Wir müssen uns erst noch ans internationale Level gewöhnen», sagt Leemann.
Sich selber nimmt sie dabei nicht aus – obschon sie im Ligaalltag zu den absoluten Topspielerinnen gehört. Zweimal in Serie war sie zuletzt Topscorerin der ZSC Lions, mit denen sie drei Meistertitel in Serie feierte und deren Captain sie in den letzten drei Saisons war.
Der Wunsch nach etwas Neuem siegte
Die Vergangenheitsform ist bewusst gewählt – denn Leemann spielt künftig nicht mehr für die Zürcherinnen. Plakativ gesagt, wechselt die bald 23-jährige Oberländerin vom entthronten zum neuen Meister. Doch ihr Wechsel zum SC Bern hat mit dem sportlichen Misserfolg der Lions, die als 5. nach der Qualifikation im Play-In gegen Ambri den Halbfinaleinzug verpasst hatten, weniger zu tun.
Zumal sie sich den Zürcherinnen verbunden fühlt und deshalb auch mit dem Entscheid gehadert hat. «Es liegt mir am Herzen, dass sich der Klub weiterentwickeln kann. Doch ich wollte im Hinblick auf Olympia eine Entscheidung treffen.»
Deshalb war der Wunsch nach einer Veränderung stärker als ihr Pflichtgefühl. «Ausbrechen, etwas Neues sehen, einen Schritt vorwärtskommen», nennt sie als Gründe. Ihre Destination konnte sie auswählen, fast alle Klubs der Women’s League interessierten sich für sie.
Für Bern entschied sie sich schon, bevor sich die Bernerinnen den Meistertitel sicherten. Sie sieht dort schlicht die besten Voraussetzungen für sich, um mehr auf den Sport zu setzen.
Beim SCB wird sie so professionell unterwegs sein wie noch nie bisher in ihrer Karriere. «Ich würde mich zwar noch nicht als Halbprofi bezeichnen, aber ich kann dort erleben, wie es als Profi sein könnte.» Die besten Voraussetzungen diesbezüglich herrschen zwar beim EV Zug, doch auch in Bern findet sie infrastrukturell und punkto Trainingszeiten Verhältnisse vor, von denen sie sich viel erhofft.
Keine Rolle beim Entscheid spielten die Finanzen. Schon bei den Lions verdiente sie etwas Geld. Um den Fokus noch mehr auf den Sport zu legen, reduziert sie ihr Arbeitspensum. Aufgeben kann (und will) sie ihren Job in der Finanzabteilung der Rapperswil-Jona Lakers aber nicht. Mindestens mit einem 50-Prozent-Pensum rechnet sie weiterhin, «mir ist es auch wichtig, dieses Standbein zu behalten».
«Es wurde ein gutes Fundament gelegt»
Leemann will in Bern ihre Karriere vorantreiben – ihr Wechsel ist aber auch ein Beweis dafür, dass im Schweizer Frauenhockey die Professionalisierung vorangetrieben wird. «Es hat sich sehr viel getan. Ich habe auch noch nie so viele Interviews gegeben wie in den letzten beiden Jahren», sagt Leemann lachend.
Tatsächlich hat sich die Ligalandschaft verändert, die Grossklubs sind nun auch auf oberster Frauenstufe präsent – das aber nicht überall mit organischem Wachstum. Der HC Davos etwa übernahm die aus dem SC Weinfelden entstandenen Thurgau Indien Ladies, die SCB-Frauen hiessen bis 2023 Bomo Thun.
Die Profiklubs investieren in die Frauen und locken gute Ausländerinnen an, die wiederum dem Niveau der Liga förderlich sind. Die Postfinance, Ligasponsorin bei den Frauen und den Männern, unterstützt sogar nur noch Klubs, die in den beiden höchsten Ligen ein Team stellen.
«Es sind die richtigen Leute am Werk, die pushen», sagt Leemann. «Es wurde ein gutes Fundament gelegt.»
Ein Fundament, das auch Basis für ihre eigene Weiterentwicklung sein soll. Sie muss sich in Bern wieder neu aufdrängen. «Das Team ist in der Breite über drei oder vier Linien stark. Mich da zu beweisen, wird mir persönlich und sportlich weiterhelfen.»
Zwar beinhaltet so ein Wechsel auch ein Risiko – doch Leemann verlässt die Komfortzone bewusst. «Eine Garantie, dass es gut kommt, habe ich nicht. Aber der Wechsel ist Ansporn, mehr zu machen. Ich weiss: Wenn ich ‹die Hindere füre nime›, kann ich auch dort eine gute Rolle spielen.»