Und plötzlich ist der Trainer weg
Wechsel bei Ustermer Spitzen-Judoka
Nils Stump will 2028 in Los Angeles eine Olympia-Medaille gewinnen. Über den Weg dorthin hatte er mit Nationalcoach Aleksei Budolin schon gesprochen. Doch nun wurde dieser vom Verband ausgewechselt.
Nils Stump ist nicht einfach irgendjemand. Derzeit kommt im Schweizer Judo niemand an ihm vorbei. Als erster und bisher einziger Schweizer wurde er 2023 Weltmeister. Als einziger aktiver Athlet ist er in der Hall of Fame des Schweizer Judos. Der Verband bezeichnet ihn als «Ausnahme-Judoka», Stump selber hat längst nicht genug – er will weitere Medaillen gewinnen.
Man könnte meinen, dass der Verband eine Ausnahmeerscheinung wie Stump zumindest konsultiert, bevor er wegweisende Entscheidungen fällt, die unter anderen auch Stump direkt betreffen. Doch das geschah nicht, als die Weichen für den neuen Olympia-Zyklus gestellt wurden.
Nationaltrainer Aleksei Budolin erhielt nach sechs Jahren keinen neuen Vertrag mehr. Seit Anfang Februar ist der Schwede Robert Eriksson sein Nachfolger. Die Verpflichtung geschehe «im Rahmen der neuen Organisation» für den nächsten Olympia-Zyklus, schreibt der Verband. Für Budolin gab es einige nette Worte und das Versprechen, man werde ihn für seine «herausragenden Erfolge» bei passender Gelegenheit angemessen ehren.
Für ihn hätte es keinen Wechsel gebraucht
Stump hatte sich schon einige Tage zuvor öffentlich mit einem Instagram-Beitrag von Budolin verabschiedet. «It’s not the way we wanted to end this journey», schrieb er da («auf diese Weise wollten wir diese Reise nicht beenden»).
Jetzt sagt der Ustermer: «Für uns Athleten kam das überraschend. Wir hatten es alle sehr gut mit dem Nationaltrainer und waren zufrieden.» Zu Budolin hatte er ein enges Verhältnis. «Er ist extrem kompetent, ein super Trainer, und wir haben es auch menschlich sehr gut», sagt Stump. Für ihn hätte es keinen Wechsel gebraucht – «wir hatten ja Erfolg». Mit Budolin hatte Stump auch schon über den weiteren Weg gesprochen, an dessen Ende eine Olympia-Medaille in Los Angeles in dreieinhalb Jahren stehen soll.
Dass Stump diesen Weg nun mit einer anderen Bezugsperson absolvieren muss, damit hat er sich abgefunden. «Es ist ja das gute Recht des Verbands, einen Wechsel vorzunehmen. Schliesslich stellt er den Trainer an.» Um die Zusammenarbeit mit Eriksson zu beschreiben, ist es noch zu früh, zumal Stump Anfang des Monats noch in Japan war und nun erst seit knapp zwei Wochen wieder im Nationalen Leistungszentrum in Brugg weilt. Gekannt haben sich die beiden vorher nur flüchtig. «Er ist ein guter Typ», sagt Stump, «es hat gut begonnen.»
Er brauchte Abstand vom Judo
Stump kann den Wechsel auch mit einer gewissen Gelassenheit angehen. Schliesslich ist er ein gestandener Athlet, bei dem der Coach nicht auf dieselbe Art wichtig ist wie bei einem jüngeren Judoka. «Ich weiss, was ich brauche und was ich tun muss – ich mache mein Ding», sagt er. «Bei jungen Athleten ist es wichtig, dass sie ihr Judo entwickeln können.»
Er hingegen ist gewissermassen ein «fertiger» Judoka – und dazu gemacht hat ihn nicht Budolin, sondern dessen Vorgänger Giorgio Vismara. «Er hat mein Judo sehr geprägt und am meisten entwickelt. Mit Alex verfeinerte ich dann vieles und fügte weitere Elemente hinzu.» Letzteres hofft er auch mit Eriksson tun zu können. «Man kann immer von allen Trainern etwas lernen», sagt Stump, «es ist wichtig, mit einem offenen Mindset heranzugehen.»
Zeitlich reicht sein Horizont bis 2028. Dass er seine dritten Olympischen Spiele in Angriff nehmen möchte, das war für ihn kurz nach den Spielen in Paris klar, die für ihn schon nach dem ersten Kampf und deshalb mit einer grossen Enttäuschung geendet hatten. Danach nahm er Abstand vom Judo – nicht aus Frust, sondern, um sich zu erholen. «Die letzten drei Jahre waren streng», sagt er – mental, aber auch körperlich tat ihm die Pause gut. Stump ging auf Reisen, verbrachte Zeit in Kanada und in Bolivien – «ich konnte gut abschalten», sagt er.
Doch es kamen auch jene Momente, in denen er das Judo zu vermissen begann. «Da freute ich mich darauf, ins Training zurückzukehren und wieder zu kämpfen.» Seit November trainiert er nun wieder. Auf internationalem Level gekämpft hat er allerdings seit dem 29. Juli nicht mehr. Einzig für die Schweizer Mannschaftsmeisterschaften kehrte er auf die Matte zurück, «ich wollte dem Judoclub Uster helfen», sagt Stump.
Aufbausaison mit Medaillenambitionen
Auf eine detaillierte Analyse der Olympia-Saison verzichtete er, «wir haben nicht mehr gross darüber geredet». Im Bewusstsein, dass nicht alles schlecht war: In den Monaten vor den Spielen holte Stump einen Grand-Slam-Sieg und WM-Bronze. Und dies, nachdem er sich zu Beginn des Jahrs noch von einer Schulteroperation erholen musste. «Das Jahr war eigentlich ganz okay, abgesehen von den Olympischen Spielen. Aber die Enttäuschung ist grösser als die Erfolge. Schliesslich hatte ich mich vier Jahre lang auf die Spiele vorbereitet.»
Der nächste Anlauf beginnt also jetzt. Sein wettkampfmässiger Wiedereinstieg ist noch nicht fix geplant. Er will mit einem kleineren Turnier beginnen, dann auf Grand-Slam-Stufe wieder eingreifen, ehe im Juni mit den Weltmeisterschaften bereits der Saisonhöhepunkt folgt.
Und obwohl Stump von einer Aufbausaison spricht, ist sein Ziel klar: Eine WM-Medaille soll her, es wäre seine dritte nach Gold 2023 und Bronze 2024. Im Hinblick auf 2028 beginnt der Countdown aber erst ein Jahr später. Ab 2026 gilt es wieder, Rankingpunkte für die Olympia-Qualifikation zu sammeln.