So will der Gibswiler Langläufer sich unter die Leute bringen
Er postet witzige Videos
Nicola Wigger möchte sich aufdrängen – sportlich, aber auch per Social Media.
Eigentlich ist er einer von vielen. Einer von 25 Langläufern in einem Swiss-Ski-Kader. Darunter einer von 21, die nicht an den Weltcup-Auftakt nach Ruka reisen durften, sondern sich in nächster Zeit für Weltcup-Einsätze aufdrängen müssen. Eine Ausgangslage, die Nicola Wigger kennt. Neun Weltcup-Starts hat der 23-jährige Gibswiler auf seinem Konto und dabei mit zwei Rangierungen in den Top 40 bewiesen, dass er sich unter den besten der Welt zurechtfinden kann.
In einem ist Wigger aber spitze – zumindest im nationalen Vergleich. 4745 Follower hat er auf Instagram. Damit ist er noch um Welten beispielsweise vom norwegischen Superstar Johannes Klæbo (440’000) entfernt. Doch unter den Schweizern ist er auf dem Podest.
Wer sich seine Inhalte anschaut, weiss auch, warum. Sofort fällt auf: Wigger teilt nicht in erster Linie statische Bilder mit seinen Fans – sondern vor allem bewegte. Und die sind selten einfach neutral, sondern meistens witzig, oft spontan, manchmal aufwendig – und eigentlich immer originell.
Das meistgeklickte bringt es auf 1,5 Millionen Zuschauer. Wigger rast im Sommer auf Rollski an einem Blitzer der Polizei vorbei – und löst ihn aus.
Jüngst zeigte er, wie eine Gruppe von trainierenden Langläufern auf einer verschneiten Strasse in Davos von einem Auto angehupt wird, und schrieb dazu: «Du musst zur Arbeit fahren, und einige Idioten blockieren die Strasse – willkommen in der Schweiz.»
Hauptsache, authentisch
Was manchmal wie eine «Chalberei» wirkt, ist mehr als das. «Es ist wichtig für einen Sportler, sich auch als persönliche Marke unter die Leute zu bringen», sagt Wigger. «Ich bin da ganz ich selber, mache das sehr gerne, und es funktioniert auch ziemlich gut im Moment.» Positiv überrascht ist er nicht nur von seiner Anzahl Follower, sondern vor allem auch davon, wie viele Leute regelmässig die Videos anschauen. «Diese Zahlen sind extrem stark.»
Sie sind mindestens fünfstellig, manchmal auch sechsstellig. Knapp 400’000 Views hat etwa jenes Video aus dem letzten Januar, für das Wigger den grössten Aufwand auf sich nahm. Auf Langlaufskiern springt er über ein fahrendes Auto, das Ganze aus verschiedenen Perspektiven gefilmt. «Das war ein grösseres Projekt, eigentlich mein Lieblingsvideo», sagt Wigger.
Etwas Ähnliches hat er derzeit nicht in der Pipeline. Doch viele Videos entstehen ohnehin recht spontan und ziemlich im Alleingang, mal davon abgesehen, dass jemand filmen muss. Die Nachbearbeitung erledigt der Gibswiler aber selber. «Immer», wie er sagt. Auch da ist es ihm wichtig, authentisch zu wirken.
«Ich bin ein aufgestellter Typ, der lustige Sachen macht. So will ich mich auch präsentieren. Denn Langlauf ist ja nicht per se der auffälligste Sport. Wenn ich so mehr Leute aufs Langlaufen aufmerksam machen oder einen Sponsor finden kann, dann ist das Ziel erreicht.»
Diese Art der Vermarktung beginnt sich für Wigger zu lohnen, auch wenn potenzielle neue Sponsoren ihm nicht gerade die Bude einrennen. Die eine oder andere Partnerschaft hat er ausschliesslich auf Instagram. Und sein Hauptsponsor setzt in eigenen Videos oft auf Wigger. «Es wäre cool, wenn ich mit noch mehr Leuten zusammenarbeiten könnte», sagt er. «Ich habe das Gefühl, ich könnte mit fast jeder Marke ein cooles Video mit Langlauf und einem lustigen Twist verbinden.»
Nicht nur in der Wintersaison: Im letzten Juni etwa nahm Wigger vom Training auf dem Gletscher extra Schnee mit ins Tal – er fliegt ihm am Ende ins Gesicht, als er auf dem Sofa sitzt und gedankenverloren auf sein Handy blickt.
Wigger, der dieser Tage die Bachelorarbeit für sein Wirtschaftsstudium abgeben muss, kann sich vorstellen, künftig auch beruflich kreativ tätig zu sein, beispielsweise im Marketing. «Das Organisatorische mache ich gar nicht gerne», sagt er.
Der «coole» Kampf
Von sich reden machen möchte Wigger nun aber wieder vermehrt mit Resultaten in der Loipe. Aufdrängen will er sich für weitere Weltcup-Starts – dieses Wochenende im Continental-Cup in Italien, eine Woche später dann am Heimweltcup in Davos. Danach wird entschieden, wie es weitergeht.
Dass die zweite Garde auf diese Weise um Startplätze kämpft, ist neu – und Wigger findet es «extrem cool, dass alle genau die gleichen Chancen haben. Es geht ums Leistungsprinzip und nicht ums Kaderprinzip.»
Bereit für diesen Kampf ist er. «Ich fühle mich extrem gut, habe im Training einen riesigen Schritt gemacht und war in den Testrennen weit vorne. Darum habe ich das Gefühl, dass die Ausgangslage perfekt ist.» Auch gesundheitlich kam er bisher «extrem gut» durch – was nicht selbstverständlich ist, schliesslich bremsten ihn in den letzten Wintern oft Erkältungen und Infekte. Mit bewusster Ernährung, viel Schlaf und gut dosiertem Sozialleben probiert Wigger das Krankheitsrisiko zu reduzieren.
Seinen Saisonauftakt im Swiss Cup im Goms hat der Gibswiler bereits hinter sich – und war «gar nicht zufrieden» mit dem 14. Rang im Einzelstartrennen über 10 km Skating. «Shit Race = Passenger» steht in der letzten Szene eines Videos, mit dem Wigger den Renntag anhand von Musikstücken erzählt.
Anders gesagt: Da ist noch Luft nach oben.