Rodlerin aus Hinwil nimmt zu 7 Thesen Stellung
Mehr Risiko für den Sieg
Den Saisonauftakt bestreitet Natalie Maag nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Aber grundsätzlich hat sie gute Gründe, zuversichtlich in den Weltcup-Winter zu steigen.
Einen Startverzicht zog sie nie in Betracht. Aber die WM-Medaillengewinnerin muss am Wochenende ihre Ansprüche beim Weltcup-Auftakt im norwegischen Lillehammer runterschrauben. Vor einigen Tagen stürzte Natalie Maag eine Treppe hinunter.
«Das war richtig dumm», ärgert sich die Wernetshauserin, die nichts weniger als die beste Vorbereitung ihrer Karriere hinter sich hat, wie sie glaubt. Maags Missgeschick hatte angerissene und gerissene Bänder im Fuss zur Folge. Immerhin: Der Arzt gab der im deutschen Team integrierten Rodlerin grünes Licht.
Am Samstag steht das Einzel an, tags darauf das anstelle des Sprints neu eingeführte Mixed-Rennen, das sie mit dem Australier Alexander Ferlazzo bestreitet. Maag muss auf die Zähne beissen, die Schläge im Eiskanal «tun brutal weh».
Warum sie sich das antut? «Jeder Punkt zählt», sagt die Olympia-Neunte von Peking 2022 mit Blick auf den Gesamtweltcup. Und nimmt zu sieben Thesen Stellung.
1. These: Nach zwei 10. Plätzen im Gesamtweltcup wäre alles andere als ein einstelliger Rang eine Enttäuschung.
«Es gurkte mich letzten Winter an, wieder Zehnte geworden zu sein. Ich hatte viel mehr Punkte gesammelt als im Jahr zuvor, die anderen wurden aber auch besser. Mein Ziel ist, auf einem einstelligen Platz abzuschliessen. Um das zu schaffen, brauche ich konstant gute Rennen. Darum bin ich trotz meiner Verletzung in Lillehammer dabei. Ich will da einige Punkte sammeln.»
2. These: Sie standen bereits auf dem Podest, darum ist die Zeit reif für den ersten Weltcupsieg.
(Lacht.) «Dazu würde ich sofort Ja sagen. Ich möchte unbedingt, dass irgendwann mal nach einem Rennen die Schweizer Hymne abgespielt wird. Aber es braucht viel für einen Sieg. Für mich ist jeweils besonders wichtig, im zweiten Lauf ruhig bleiben zu können, wenn ich mit einer guten Ausgangsposition starte.»
3. These: Die Startzeiten bezeichnen Sie als Baustelle. Die Entwicklung in diesem Bereich ist nun immerhin positiv.
«Es geht wirklich ‹fürschi›. Ich bin aber noch nicht da, wo ich hin will, auch wenn ich zuletzt einmal Fünftschnellste beim Start war. Meine deutschen Trainer sagten: «Jetzt kommts langsam.» Ich bin daran, den ganzen Ablauf zu ändern, pröble dafür zusammen mit dem deutschen Biomechaniker. Mein Problem war bisher, dass ich die Spannung nicht halten konnte. Obwohl ich athletisch grosse Fortschritte gemacht habe, verpuffte meine ganze Kraft. Darum die Umstellung. Stand jetzt bin ich mit meinem üblichen Reaktionsstart und dem Neuen bereits gleich schnell. Das stimmt mich positiv, wenn ich daran denke: Den einen habe ich wohl 10’000-mal gemacht, den anderen vielleicht 40-mal.»
4. These: Mit fortschreitendem Alter nimmt Ihre Bereitschaft ab, ein Risiko einzugehen.
«Definitiv nicht. Weil ich merke, dass die Sicherheit beim Fahren da ist, bin ich bereit, mehr Risiko einzugehen. Wenn die Spur passt, ist meine Fahrlage und Aerodynamik besser. Auch wenn das heisst, dass mein Gesichtsfeld stärker eingeschränkt ist.»
5. These: Ihre WM-Silbermedaille im Sprint von letzter Saison ist die Messlatte für die WM 2025 im kanadischen Whistler.
«Mein Ziel war ursprünglich, im Weltcup die Sprintkugel zu holen. Die Disziplin ist aber gestrichen worden, der Plan damit geplatzt, das gilt auch für Whistler. Nun gehe ich davon aus, dass es eine harte WM gibt. Das Rennen dürfte megaeng sein. In Whistler lebt man vom Start, die Bahn ist zu kurz, um aufzuholen. Beim letzten Rennen machten fünf Tausendstel vier Ränge aus.»
6. These: Im Weltcup fehlen heuer die Stationen in Übersee, dafür macht der Tross gleich zweimal Halt in Oberhof. Dieser Kalender trübt Ihre Freude.
«Überhaupt nicht. Im Gegenteil. In der letzten Saison fuhren wir sogar zweimal in Sigulda und zweimal in Oberhof. Dieser Kalender ist also abwechslungsreicher. Dazu bin ich gerne in Oberhof. Es ist für mich ein Vorteil, sind wir mehr als einmal da.»
7. These: Die Rodlerin Natalie Maag von heute ist nicht mehr mit der jungen Athletin vergleichbar, die vor knapp zehn Jahren im Weltcup debütierte.
«Definitiv. Es hat sich megaviel getan. In jener Saison, in der ich debütierte im Weltcup, fuhr ich nur in Königssee und Altenberg. Da war ich jung und unerfahren, hatte eigentlich keine Ahnung, was ich da mache. Über all die Jahre bin ich ehrgeiziger geworden, aber auch entspannter. Und seit ich mich auf den Sport konzentriere, kann ich alles viel professioneller anpacken.»
