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Und immer diese Sprüche: «Ist doch nur eine Phase»

Leichtathletin Lilly Nägeli aus Uster und Fussballerin Aurélie Csillag sind ein Paar. Was sie zu hören bekommen, wo der Frauenfussball weiter ist als die Gesellschaft – und warum sie sich nicht verstecken wollen.

Seit zweieinhalb Jahren ein Paar: Fussballerin Aurélie Csillag (l.) und Leichtathletin Lilly Nägeli beim Fototermin in einem Zürcher Restaurant.

Foto: Urs Jaudas

Und immer diese Sprüche: «Ist doch nur eine Phase»

Die Liebe zweier Sportlerinnen

Leichtathletin Lilly Nägeli aus Uster und Fussballerin Aurélie Csillag sind ein Paar. Was sie zu hören bekommen, wo der Frauenfussball weiter ist als die Gesellschaft – und warum sie sich nicht verstecken wollen.

Marcel Rohner

Manchmal spüren Aurélie Csillag und Lilly Nägeli die Blicke – an der Bushaltestelle in der Stadt nach dem Ausgang. Oder auf dem Bauernhof, wo sie eine Glace holen möchten. Dann löst sich der Griff an der Hand der anderen.

Es ist nicht so, dass eine der beiden das entscheidet. Es passiert instinktiv, und es wird auch nicht darüber geredet. So normal ist das.

Csillag und Nägeli, beide 21-jährig, sind ein Paar, seit zweieinhalb Jahren. Csillag kommt aus dem Fussball, sie ist Schweizer Nationalspielerin, Nägeli läuft als Leichtathletin über 800 und 1500 Meter. Kennen gelernt haben sie sich an der United School of Sports, einer Schule, die KV-Lehren für Leistungssportler und -sportlerinnen anbietet.

An der United waren die zwei oft zusammen im Krafttraining, aber es dauerte, bis sie sich näherkamen. Csillag wusste schon, dass sie auf Frauen steht, Nägeli hatte einen Freund – und war zu Beginn eingeschüchtert von Csillag, der Stürmerin vom FC Basel. «Man musste sie nicht kennen, um zu wissen, wer sie ist», sagt Nägeli.

Die Frauen lernen sich kennen, als Nägelis Beziehung endet. Und sie lernen sich lieben, mittlerweile wohnen sie zusammen in Zürich, sie gehen offen mit ihrer Beziehung um. Auf Instagram teilen sie vieles: Zürcher Sommerabende, den Briefkasten mit ihren Namen drauf, Ferien in der Elfenbeinküste, Csillags Mutter stammt von dort.

Das einzige Outing, das Überwindung kostete? Das vor der Mutter

Die Beziehung ist auch ein Aufeinanderprallen zweier Welten. Hier Csillag, die im Frauenfussball sozialisiert wurde, sich immer an bi- oder homosexuellen Spielerinnen orientieren konnte und sich in einem Umfeld bewegt, in dem sie sich nie erklären muss. Dort Nägeli, die genau diese Selbstverständlichkeit in der Leichtathletik vermisst.

Der Fussball der Frauen ist im Sport ein Safe Place für gleichgeschlechtliche Liebe. Viele wichtige Figuren der Szene sind nicht heterosexuell und leben das offen. Megan Rapinoe aus den USA ist das leuchtende Beispiel. Die Pionierinnen hierzulande heissen Ramona Bachmann und Lara Dickenmann, sie gehören zu den besten Schweizer Spielerinnen je.

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Nägeli und Csillag erzählen offen von ihrem Kennenlernen und ihrer Beziehung.

Anders ist es bekanntlich bei den Männern, wo Homosexualität ein grosses Tabuthema in den Kabinen ist. Bei den Frauen allerdings scheint der Faktor, dass Fussball ein Teamsport ist, mitentscheidend für den lockeren Umgang zu sein. Man trifft auf Menschen mit gleichen Vorlieben und ist unter sich. Ein Team mit Individuen, von denen einige ähnliche Geschichten erlebt haben, kann ein Fangnetz sein oder sogar ein Rückzugsort.

In Einzelsportarten, wo man oft ein möglichst perfektes Bild von sich abgeben will, auch wegen der Sponsoren, auf die man schlicht angewiesen ist, ist das anders. «Wir sind ausgestellter und zum Teil ganz alleine», sagt Nägeli. «Wenn die Nati 0:7 verliert, verliert sie als Team. Vielleicht hängt es mehr damit zusammen, als man denkt.»

Auch Csillag sagt: «Ich wüsste nicht, wie ich mich geoutet hätte, hätte ich nicht meine Leute aus dem Fussball hinter mir gehabt. Das Gefühl, zu wissen, dass es okay und nicht abnormal ist, hat mir Mut und Kraft gegeben. Als Einzelsportlerin wäre es mir wohl wichtiger, überhaupt keine Angriffsfläche zu bieten.» Das einzige Outing, das Csillag Überwindung kostete, war das vor ihrer Mutter. Aber die Sorgen waren unbegründet.

Die Unsicherheit, wenn die Partnerin vor Ort ist

Insgesamt wirken Teile des Weltsports Leichtathletik in dieser Frage konservativer als der Fussball der Frauen. Das Paar drückt es so aus: «Wenn eine Fussballerin mit einer Frau zusammen ist, sagt niemand: ‹Oh, mein Gott!›», sagt Csillag. «In der Leichtathletik ist es eher: ‹Oh, krass›», sagt Nägeli.

Die Läuferin aus Uster merkt das, wenn ihre Partnerin einen Wettkampf von ihr vor Ort verfolgt. Sie hat festgestellt, dass sie sich nach einem Rennen schon Gedanken machte, wie sie Csillag begrüssen soll. Sie sagt: «Es ist eine Beklemmtheit da. Ich bin nicht sorgenlos.» Wer die abwertenden Blicke schon einmal spürte, wird automatisch vorsichtig. Schaut Nägeli einen Match von Csillag, spürt sie diese Unsicherheit nicht. «Vielleicht ist es einfacher für mich, weil ich dann Gast in ihrer Welt bin.»

Nägeli fragt sich, ob es in der Leichtathletik anders wäre, wenn eine Athletin mit nationaler Ausstrahlung lesbisch wäre. Sie wünscht sich, eine Debatte zu starten und in eine Vorbildrolle zu wachsen. Darum freut sie sich über Gespräche mit jungen Athletinnen, die sich ihrer Gefühle noch nicht sicher sind oder einfach von ihr wissen wollen, «wie das so ist». Nägeli sagt: «Es ist mir mega wichtig, junge Athletinnen zu unterstützen, wenn sie sich noch nicht wohlfühlen.»

Spitzensportlerinnen und Liebespaar Nägeli und Csillag.
Die eine hatte immer Vorbilder, der anderen fehlten sie – diese Selbstverständlichkeit vermisst Nägeli.

Nun hat die Leichtathletik natürlich auch ihre Beispiele. Die ehemalige südafrikanische Läuferin Caster Semenya, zweifache Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin, machte nie einen Hehl daraus, dass sie Frauen liebt. Hürdensprinter Kerron Clement, zweifacher Olympiasieger aus den USA, outete sich 2019 als schwul. Der britische Geher Tom Bosworth trat 2015 an die Öffentlichkeit und machte seinem Partner zwei Jahre später bei der WM einen Heiratsantrag. In der Schweiz ist Maja Neuenschwander bekannt, die ehemalige Marathonläuferin ist lesbisch.

Es tut sich also etwas, immer mehr Athleten und Athletinnen finden den Mut. Nägeli weiss das. Sie wird in der Szene auch nicht gemieden oder offen angefeindet. Aber im Umfeld von Csillag ist sie entspannter, kann sie mit ihrer Partnerin ganz sie selbst sein. «Du fühlst dich ja schon wohl bei uns, oder?», fragt Csillag. «Mega, das hat mir viel Halt gegeben», antwortet Nägeli. «Ich wüsste nicht, wie es gewesen wäre, hätte ich nicht all diese Leute kennen gelernt, die gleich sind oder Gleiches durchgemacht haben.»

«Eigentlich ist es erschreckend», sagt Nägeli über die Kotz-Emojis

Dass der Fussball der Frauen dabei nicht nur in der Welt des Sports, sondern auch gesellschaftlich eine fast schon einzigartige Stellung hat, merken Csillag und Nägeli, wenn sie diese Bubble verlassen. Wenn sie sich in der Gesellschaft bewegen, auf dem Bauernhof oder an der Tramhaltestelle. Die Blicke.

Und dann auch noch die Sprüche. Ausnahmslos von Männern. «Das ist doch nur eine Phase.» – «Dauert eh nicht lange.» – «Ihr braucht einfach wieder einmal einen Mann.» – «Wollt ihr einen Dreier?» Oder auf Instagram: «Ihr sündigt.» – «Was ihr macht, ist nicht richtig.» Kotz-Emojis unter ihren Bildern. Nicht immer, aber oft genug.

Natürlich macht das beide wütend. Aber es liegt keine Empörung in ihren Stimmen, eher eine bemerkenswerte Ruhe. Es ist klar: Hier reden Frauen, die lernen mussten, damit umzugehen, in Teilen der Gesellschaft als jenseits der Norm wahrgenommen zu werden. Frauen auch, die sich abgrenzen wollen von dieser Negativität und die sich schon gar nicht reinreden lassen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Reden sie über diese negativen Reaktionen, klingt es so, wie wenn andere von einem schlechten Arbeitstag erzählen. Passiert halt. Gehört dazu. «Dabei ist es eigentlich erschreckend», sagt Nägeli, als sie genauer darüber nachdenkt. «Die Leute akzeptieren uns wohl erst, wenn wir heiraten», ergänzt Csillag – und weiss gleichzeitig, dass ein Ring am Finger bei vielen wohl genau gar nichts ändern würde.

All das Negative haben Csillag und Nägeli lange ausgeblendet. «Am Anfang, als wir Hals über Kopf verliebt waren, war alles egal», sagt Csillag. Nach und nach merkten sie, dass gewisse Ansichten und Animositäten nicht einfach verschwinden. Dass es Menschen gibt, die ihre Beziehung nicht ernst nehmen, weil sie zwei Frauen sind.

Darüber wollen sie reden. Damit es gleichgeschlechtlichen Paaren vielleicht irgendwann nicht mehr so geht. Und für sie selbst. Zum Schluss sagt Nägeli noch: «Ich schlafe besser, wenn ich weiss, dass ich mich nicht verstecke.»

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