Sein Feuer ist erstickt
Mountainbiker aus Hinwil
Konny Looser war über 15 Jahre lang Profi. Doch seine Motivation nahm zusehends ab, und der 35-Jährige hat erkannt: Er ist mental ausgebrannt.
Er hat geahnt, dass es so herauskommen könnte. Und ist trotzdem überrascht. «Es ist krass, wie schnell der Sport weit weggerückt ist», sagt Konny Looser.
Mitte Juli absolvierte der langjährige Bike-Profi mit dem Mehretappenrennen Transalp seinen letzten Wettkampf als Leistungssportler. Mit Teampartner Fadri Barandun wurde er Gesamtvierter. Es war vom Resultat her ein versöhnliches Ende. Vor allem aber fühlte es sich richtig an, wie Looser sagt: «Wie ein Mix aus Erleichterung und Erlösung.»
Spass hatte Looser zuletzt an seinem Beruf nicht mehr wirklich. Der Marathon-Spezialist, der seit 2021 keinem Team mehr angehörte und sich als Privatfahrer um alles selber kümmerte, hat einen langen und belastenden Abnabelungsprozess hinter sich.
Dass er schliesslich mitten in der Saison die Reissleine zog, war so nicht vorgesehen. Rein körperlich hätte er es noch drauf, ist Looser überzeugt. Die mentale Müdigkeit aber ist zu gross geworden. Anfang Juni verkündete der Oberländer darum per E-Mail und auf den sozialen Kanälen, nach der Transalp zurückzutreten.
Er schrieb damals: «Mit 35 und über 15 Jahren Profisport bin ich nun leider an einem Punkt angekommen, an dem ich es ganz einfach nicht mehr schaffe. Das Feuer ist sprichwörtlich erstickt, und es ist auch nicht mehr genügend Holz vorhanden, um es nochmals anzuzünden.»
Über 17’000 Zeichen lang ist sein Text zum Rücktritt, das sind rund sechseinhalb A4-Seiten. «In einem Schnurz» hat er diese verfasst. Looser hat sich zu einem geübten Schreiber entwickelt durch all die Texte, die er für seine Website verfasste.
Er ist dabei nicht einfach mit Belanglosigkeiten hausieren gegangen, der Hinwiler hat immer alle Facetten seines Profisportlerlebens ausgeleuchtet. Die Hochs ebenso detailliert wie die Tiefs. Er zeigte auf, wie es ist, wenn man sich permanent unter Druck fühlt, sich ausschliesslich mit sich selber beschäftigt und alles unternimmt, um Erfolg zu haben.
Looser machte nie ein Geheimnis um seine Gefühle. Mit seiner Offenheit liess er die Leserinnen und Leser so nahe an sich heran, wie es andere Leistungssportler kaum machen.
So passt nicht nur das lange Ringen ums Karriereende zu ihm, der von sich selber sagt: «Ich tue mich schwer mit Entscheidungen.» Es passt ebenfalls, dass er sich nicht mit einem dürren Zweizeiler verabschiedet, sondern seine Profizeit zum Abschluss nochmals detailliert Revue passieren lässt.
So vieles ist ihm verleidet
Looser schreibt logischerweise auch über die Gründe, warum er die Saison nicht mehr zu Ende fahren kann: «Was ich dieses Jahr so richtig spürte, war die Tatsache, dass mir unzählige Dinge verleidet sind. Ich könnte an dieser Stelle wohl 100 kleine Dinge aufzählen, mit denen ich einfach nicht mehr zurechtkomme und die mich so sehr beeinflussen und runterziehen, dass ich zu keinen Topleistungen mehr in der Lage bin.»
Die Packerei und die vielen Reisen gehören dazu. Ebenso der Fakt, dass er einige der Rennen so häufig absolviert hat, dass sich der Oberländer dafür nicht mehr motivieren kann. Dazu kommen all die Veränderungen im Langstreckenbereich, die ihm Mühe bereiteten. Die Strecken in Klassikern wie etwa dem Cape Epic sind kürzer und intensiver geworden. Es wird aggressiver gefahren, «von Beginn weg Vollgas», so Looser.
Und er ärgerte sich massiv darüber, dass bisweilen fahrende Influencer mehr Wertschätzung als gestandene Bike-Profis erhalten. Der seit Langem ohne Coach arbeitende Looser hat sich in all den Jahren sportlich selbstredend weiterentwickelt. Dennoch ist er ein Fahrer geblieben, der auch auf sein Körpergefühl hört, nicht rein datenbasiert arbeitet.
Nun gesteht er sich ein: «Ich sehe, dass mein Wissen nicht mehr ausreicht, um mit der neusten Trainingswissenschaft und den Besten mitzuhalten.»
Keine Diskussionen mehr
Schon in der Vergangenheit hatte Looser Rücktrittsgedanken gewälzt. Am ernsthaftesten während der Pandemie. Warum er doch weiterfuhr? «Der Hauptgrund war ganz einfach die Tatsache, dass ich meinen privilegierten Lifestyle noch nicht aufgeben wollte.»
Der Hinwiler genoss das Umfeld, in dem er sich zusammen mit Ehefrau Vera Looser bewegte. Die Radsportlerin ist dreifache Olympia-Starterin und führt die Weltrangliste in der Disziplin Marathon an. «Für sie ist mein Rücktritt auch eine Erleichterung», sagt Konny Looser offen. «Sie musste all die Diskussionen ertragen.»
Diese längere Findungsphase greift der Hinwiler in seiner Abschieds-E-Mail auf. «Dass mir das Loslassen und der Rücktritt vom Spitzensport einmal dermassen schwerfallen, hätte ich nicht gedacht, und trotzdem ist es irgendwie logisch, schliesslich war ich extrem lange mit dabei.»
Der Radsport hat ihn fraglos geprägt. «Er war mein Leben», sagt Looser gar.
Nun sieht der 35-Jährige die grosse Herausforderung darin, etwas zu finden, «was meinen Alltag in derselben Form ausfüllt». Ob ihm das gelingt?
Längst arbeitet der gelernte Dachdecker wieder im familieneigenen Betrieb. Im Stundenlohn, um weiterhin seine Freiheiten zu haben, die er während der Karriere so genoss. Er sei sich immer bewusst gewesen, als Profisportler in einer Blase zu leben, sagt Looser zum Schluss. Und findet: «Ich bin ziemlich schnell im normalen Leben angekommen.»
