Seine Chance kommt gleich zu Beginn
Handbiker aus dem Grüt
Gold und Silber dürften im Zeitfahren seiner Kategorie vergeben sein, vermutet Benjamin Früh. Um Platz 3 aber redet er an den Paralympics ein Wörtchen mit.
Viele seiner Teamkolleginnen und Teamkollegen verpassen sich den letzten Schliff in Höhentrainingslagern. Benjamin Früh aber verzichtet auf ein solches. Der Handbiker aus dem Grüt bleibt in den letzten Tagen vor seinen Starts an den Paralympics in Paris lieber in vertrauter Umgebung.
Hier im Oberland kennt er sich bestens aus. Und hat genau das, was er braucht – coupiertes Gelände.
«Ich schaue, dass ich Strecken im Training einbaue, die jener von Paris ähneln», sagt Früh. Wie da der Parcours aussieht, weiss er seit seiner Stippvisite im Frühling. Zur Freude des 32-Jährigen gibt es in der 14,2 km langen Runde neben vielen flachen Passagen auch zwei Steigungen.
«Das sind Challenges», sagt er, «aber die habe ich gerne.» Dass er auch nichts gegen ein paar zusätzliche Höhenmeter gehabt hätte, kommt derweil nicht von ungefähr. Man hat Früh auch schon als «Oberländer Bergfloh» bezeichnet – eine Charakterisierung, die ihm durchaus gefällt.
Für ihn ist es die Premiere
2015 debütierte Früh, der in der Kategorie MH1 der körperlich am stärksten eingeschränkten Handbiker startet, im Weltcup. Seither hat er zahlreiche internationale Erfolge eingefahren, gewann EM- und WM-Medaillen, primär im Zeitfahren.
Die Teilnahme in Paris ist gleichwohl ein Meilenstein, ist es doch Frühs Premiere an Paralympics. «Vom Anlass her ist das ein Höhepunkt, da er eine Grösse hat, die ich noch nie erlebte», sagt er. Früh freut sich. Wobei sich in seinem Gefühl die Anspannung immer etwas stärker bemerkbar macht, je näher die Wettkämpfe rücken.
Vor drei Jahren hatte er den Sprung nach Tokio knapp verpasst. Die Enttäuschung darüber sass tief. Sie beschäftigte ihn selbstredend eine Zeit lang. «Aber ich musste mir auch sagen: Die Situation ist nun mal so», erinnert sich Früh.
Er war sich zudem im Klaren, dass die Zeit drängte. Zwischen den zwei Grossanlässen lagen für einmal nur drei Jahre, nach Tokio begann schnell die Qualifikationsphase für Paris. «Es gab nicht wie üblich ein Zwischenjahr», sagt Früh, «ich musste den Fokus also sofort wieder neu richten.»
Der Oberländer ist einer von drei Schweizer Para-Cycle-Männern in Paris. Drei Einsätze stehen ab dem 4. September innerhalb von vier Tagen auf Frühs Programm. Dieses beginnt mit dem Zeitfahren – es ist seine wichtigste Disziplin. Im etwas mehr als 14 km langen Rennen gehört er zu den Medaillenkandidaten.
Gold und Silber dürften seiner Ansicht nach der Belgier Maxime Hordies sowie Fabrizio Cornegliani aus Italien unter sich ausmachen. Früh gehört zu einem Quartett, das Chancen auf die Bronzemedaille hat. «Ich hoffe, ich lande auf der glücklichen Seite», sagt er zur Ausgangslage.
In den drei Weltcup-Zeitfahren dieser Saison klassierte sich der Sportler aus dem Grüt auf den Rängen 2, 4 und 8. Was braucht es in Paris, um seine Konkurrenten um Platz 3 hinter sich zu lassen? Früh sagt: «Ich muss den besseren Tag haben als sie.» Auf zwei Punkte runtergebrochen heisst das für ihn: «Die ‹Höger› gut erwischen und in der Fläche nicht zu viel Zeit verlieren. Es hat gute Roller unter den anderen.»
Früh hat für seinen Medaillentraum viel investiert. Nicht nur ins Training, mit dem Material hat er sich ebenfalls einmal mehr ausgiebig beschäftigt, um das Handbike bestmöglich auf ihn anzupassen. Die neuen Fusshalterungen sind beispielsweise leichter. Und er hat die Liegeposition verbessern können. Zusammenfassend hält Früh fest: «Wir haben alles versucht.»
Zwei Rennen in einem
Jetzt muss es am Tag X nur noch aufgehen. Trotz einer gewissen Erwartungshaltung – unter Druck will er sich nicht setzen. «Ich gebe mein Bestes», lautet sein Credo. Klar ist, eine Medaillenchance hat Früh lediglich in seiner Paradedisziplin.
Im knapp 57 km langen Strassenrennen starten die zwei Kategorien MH1 und MH2 gemeinsam. Der Oberländer sagt: «Gegen Fahrer der anderen Kategorie habe ich keine Chance.» Jene haben mehr Kraft, und sie fahren durchschnittlich rund zehn Kilometer pro Stunde schneller als er und die weiteren Fahrer aus dem MH1.
Es gibt also quasi zwei Rennen in einem. Früh geht davon aus, sich in der zweiten Ranglistenhälfte wiederzufinden. Ebenfalls nicht in den vordersten Positionen anzutreffen sein dürfte der Oberländer mit der Schweizer Staffel, mit der er am 7. September seinen dritten Einsatz in Frankreich absolviert.
Unabhängig von den sportlichen Resultaten wird Früh mit vielen Eindrücken ins Zürcher Oberland zurückkehren. Viel Zeit, um die Erlebnisse zu verarbeiten, hat der Handbiker nach seiner Paralympics-Feuertaufe indes nicht. Mit der WM in Zürich (21. bis 29. September) steht für ihn gleich der nächste Höhepunkt an.
