Der Weltklasse-Judoka aus Uster pausiert, um wieder hungrig zu werden
Nach der Enttäuschung in Paris
«Das war bisher keine Liebesgeschichte», sagt Nils Stump zu seiner Beziehung zu Olympia. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich daran etwas ändert.
Er hat sein Lachen wieder gefunden. Und auch seine sportliche Zukunft geklärt. Aber Nils Stump brauchte ein paar Tage Zeit, um mit der enormen Enttäuschung an den Olympischen Spielen klarzukommen. Diese ist zwar weiterhin da. Der Ustermer weiss aber auch: «Ich kann nun nichts mehr daran ändern und muss nach vorne schauen.»
Am Montag vor zwei Wochen kauerte Stump in der Arena Champ de Mars, unweit des Eiffelturms, auf der Matte. Fassungslos darüber, was ihm soeben widerfahren war und das Gesicht in den Händen verborgen. Die in ihm herrschende Leere war in diesem Moment fast mit Händen greifbar.
Als einer der aussichtsreichsten Schweizer Medaillenkandidaten nach Paris gereist, verlor der in der Kategorie bis 73 Kilogramm antretende Stump bereits seinen ersten Kampf. Der aktuelle WM-Dritte, der Weltmeister von 2023, die Weltnummer 4, der vor Olympia ein so starkes Jahr hingelegt hatte, wurde vom Mongolen Erdenebayar Batzaya in der Verlängerung völlig unerwartet erwischt. Nach einem Kampf, den Stump bis zum fatalen Fehler dominierte und über den er sagt: «Ich fühlte mich gut.»
Ein Gedanke lastete danach auf ihm. «Ich hatte das Gefühl, ich hätte nicht nur mich selber enttäuscht, sondern die ganze Judo-Schweiz und all die Leute, die mitgefiebert haben und wegen mir nach Paris kamen», sagt er.
Die Hoffnungen auf einen Exploit waren tatsächlich gross gewesen. Bei den Fans, aber auch bei Stump selber, nachdem dieser in seiner Kategorie seit Längerem zur Weltspitze zählt. Es ist nicht so, dass der Athlet des Judoclubs Uster die mit ihm verknüpften Erwartungen im Vorfeld nicht mitbekommen hätte. Einen Grund fürs Scheitern aber sieht er darin trotzdem nicht.
Stump ist erfahren. Und verfährt seit Langem nach einem ganz bestimmten Prinzip. «Ich versuche jeweils, nur darauf zu schauen, was ich beeinflussen kann.» Und welche Rolle spielte, dass Stump gegen den Gegner noch gar nie gekämpft hatte? Keinen relevanten, findet er.
Überhaupt hat er sich bisher nicht im Detail mit seinem Olympia-Aus beschäftigt. Nicht einmal den Kampf hat er sich nochmals angeschaut. Warum sollte er auch? Fehler sind ebenso Teil seines Alltags wie Enttäuschungen, findet Stump. Und sagt: «Das gehört zum Sport dazu.»
Natürlich wiegen Enttäuschungen an einem kleineren Turnier nicht so schwer wie an Grossanlässen wie Olympia. Zweimal war Stump nun dabei, zweimal scheiterte er in seinem Auftaktkampf. «Das ist bisher keine Liebesgeschichte», sagt er trocken. «Vielleicht braucht es auch noch etwas mehr Zeit. Aller guten Dinge sind schliesslich drei.»
Das Alter wäre im Rahmen
Stumps Aussage macht klar: Seine Karriere ist nicht zu Ende. Im Gegenteil, noch bevor der Frust aus Paris vollständig abgebaut ist, denkt Stump schon an die Spiele 2028 in Los Angeles. Da will er hin, um eine weitere Chance für eine Olympia-Medaille zu haben.
Der dreifache Grand-Slam-Turniersieger sagt: «Ich weiss sicher, dass ich vier weitere Jahre weitermachen werde.» Für ihn liegt dieser Entscheid auf der Hand. «Ich liebe Judo, ich liebe das Leben als Spitzensportler, und ich bin noch einigermassen jung.»
27 ist Stump jetzt, bei seinen dritten Olympischen Spielen wäre er dann also 31. Und damit in einem Alter, «das noch immer im Rahmen wäre», wie er sagt.
Jetzt ist ein guter Moment, um mir die Zeit zur Erholung zu nehmen.
Nils Stump
So motiviert Stump bereits wieder tönt, vorerst legt er eine längere Trainingspause ein, die bis Ende Oktober oder gar noch etwas länger dauern könnte. «Es waren intensive drei Jahre», blickt der Ustermer auf den jüngsten Olympiazyklus zurück, der nach den Spielen in Tokio begonnen hatte.
Der Judoka hat realisiert, er braucht ein paar Wochen, in denen Judo keine Rolle spielt. Er sagt: «Jetzt ist ein guter Moment, um mir die Zeit zur Erholung zu nehmen.» Mit dem Ziel, wieder hungrig zu werden.
