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Der Coach mit dem guten Gespür

Was haben ein Hamburger in Glasgow, eine Party in Santo Domingo und die Pfnüselküste mit den Erfolgen des Schwimmklubs Uster zu tun? Viel, wie Pablo Kutscher weiss.

Pablo Kutscher in einem Training am Rand der EM in Belgrad.

Foto: Patrick B. Kraemer

Der Coach mit dem guten Gespür

Ustermer Schwimmtrainer

Sein Name ist eng mit den Erfolgen von Maria Ugolkova und Antonio Djakovic verknüpft: Pablo Kutscher ist seit über zehn Jahren Trainer im SC Uster – und steigt im Herbst zum Chefcoach auf.

Am Samstag startet Antonio Djakovic in Paris zum zweiten Mal an Olympischen Spielen. Für seinen Coach Pablo Kutscher, der ihn seit sechs Jahren beim Schwimmclub Uster trainiert, ist es bereits die fünfte Teilnahme. Auch vor drei Jahren in Tokio und 2016 in Rio war Kutscher als Coach mit dabei, als Schwimmer startete er 2000 in Sydney und 2004 in Athen für Uruguay.

Pablo Kutschers Schützling Antonio Djakovic ist heute Samstag der erste von drei Schwimmern des SC Uster, die an den Olympischen Spielen in Paris an den Start gehen. Über 400 m Crawl will sich der 21-Jährige für den Final qualifizieren. Seine Meldezeit (3:44,22 Minuten) ist die achtbeste im 38-köpfigen Feld – und Djakovic weiss, dass er für einen Finalplatz in die Nähe seiner persönlichen Bestzeit schwimmen muss. Die beträgt 3:43,93 – und Djakovic schwamm sie an der EM 2022 in Rom, als er Silber gewann.

Ebenfalls in Uster, aber unter den Fittichen von Gerard Moerland, trainieren Josif Miladinov und Lena Kreundl. Für beide gilt es am 2. August ernst. Der Bulgare wird über 100 m Delfin für einen Finalplatz wohl seine Bestleistung (50,93) verbessern müssen. Für die Österreicherin ist über 200 m Lagen der Final wohl ausser Reichweite – eine Halbfinalteilnahme wie an der WM in Doha liegt für Kreundl aber drin. (zo)

Über die Vorläufe hinaus reichte es ihm damals nicht. «Ich war ein fauler und ein schwerer Schwimmer», sagt der 47-Jährige, «und nicht so talentiert.» Sein Interesse galt nicht nur dem Sport, sondern Kollegen, Freunden, dem Wirtschaftsstudium. Und doch brachte er es als aktiver Athlet zum zweifachen Olympia-Teilnehmer – und als Coach so weit, dass er ab September im SC Uster, einem der grössten und erfolgreichsten Vereine der Schweiz, Cheftrainer wird.

Dass Kutscher das Amt des abtretenden Gerard Moerland übernehmen soll, musste sich SCU-Präsident Philippe Walter nicht lange überlegen. «Es war für mich völlig selbstverständlich. Er hat in all den Jahren hier bewiesen, dass er nicht nur ein sehr guter Trainer ist, sondern auch das Administrative im Griff hat.»

Der Blick von der Pfnüselküste tat es ihm an

Drei Länder spielen im Leben und in der Schwimmkarriere Kutschers eine besondere Rolle: Deutschland, wo er geboren wurde und wohin er als 18-Jähriger mit seiner Familie zurückkehrte. Uruguay, seine Heimat, wo er aufwuchs und zur Schule ging – es ist das Land, für das er als Schwimmer aktiv war. Und die Schweiz. Er lernte sie bereits als Athlet kennen, als er noch für den VfL Sindelfingen in der Nähe von Stuttgart schwamm. Vor 15 Jahren wurde er dann hier sesshaft – und erzählt eine fast kitschig anmutende Episode dazu: «Immer wenn wir zu einem Wettkampf ins Tessin gefahren sind den Zürichsee entlang an der Pfnüselküste, schaute ich auf die andere Seite und sagte mir: so ein wunderschönes Land. Ich will einmal hier leben.»

Dass er 2009 dann ausgerechnet beim Schwimmclub Meilen begann, war ein Zufall. Der Anruf des Präsidenten kam in einem Moment, in dem Kutscher vor der Entscheidung stand, ob er einen Job als Profitrainer suchen oder in die Wirtschaft gehen soll. «Meine Frau war schwanger, und ich wusste: Jetzt ist fertig lustig, jetzt muss ich Geld verdienen.»

Uster geärgert, nach Uster gewechselt

In Meilen lebt Kutscher mit seiner Frau und den beiden 12- und 14-jährigen Kindern noch immer – seit 2013 aber ist das Hallenbad Uster sein berufliches Zuhause. Nicht auf seine Initiative hin, sondern auf jene von SCU-Präsident Philippe Walter. «Es hat ihm nicht gepasst, dass wir mit Meilen recht erfolgreich waren und angefangen haben, Uster zu ärgern», erzählt Kutscher. Walter lacht, als er davon hört. «Das stimmt zu einem Teil schon. Aber wir kannten Pablo vorher schon, weil er als Spitzenschwimmer immer wieder am Internationalen Meeting Uster teilnahm. Ich wusste, dass er ein guter Trainer werden würde, bevor er in Meilen Erfolg hatte.»

Wie erfolgreich Kutscher in Uster arbeitet, das spürt der Klub. «Seit Jahren wechseln Ende Saison immer einige Eliteschwimmer aus anderen Vereinen zu uns», sagt Walter, «weil sie wissen, dass sie hier noch einen Schritt weiterkommen können, weil sie eine Mannschaft haben, die sie im Training fordert.» Das sei das Verdienst des abtretenden Chefcoachs Gerard Moerland, aber auch jenes von Kutscher.

Andere sind fachlich 100-mal besser. Aber ich kann das bisschen herauskitzeln, was ein anderer vielleicht nicht kann.

Pablo Kutscher

Sein Name steht für die Erfolge der mittlerweile zurückgetretenen Maria Ugolkova, die über 200 m Lagen zweimal EM-Silber und einmal EM-Bronze gewann, aber auch für jene von Antonio Djakovic, dem bereits vierfachen EM-Medaillengewinner. «Offenbar habe ich das Glück, die Fähigkeit zu haben, solche Schwimmer weiterzubringen», sagt er mit fast schon entschuldigendem Unterton, «ich habe ja nicht Sport studiert. Andere sind fachlich 100-mal besser. Aber ich kann das bisschen herauskitzeln, was ein anderer vielleicht nicht kann.»

Ugolkova und der Burger

Sein Gespür dafür, was eine Athletin oder ein Athlet braucht, lässt sich mit einer Episode illustrieren von der EM 2018 in Glasgow. Maria Ugolkova war laut Kutscher am Tag vor dem Wettkampf schon zu fokussiert. «Lass mal los und geniess es», sagte er zu ihr und überredete sie zu Hamburger und Pommes frites. Sie war anfänglich schockiert von der Idee, willigte dann aber doch ein – und gewann am anderen Tag Bronze über 200 m Lagen.

Auch Antonio Djakovic streicht dieses Gespür heraus. «Er hört auf den Athleten und gibt einem, was man braucht, das zeichnet ihn aus», sagt der 21-Jährige. Kutscher sei extrem freundlich und hilfsbereit, «er ist wie ein zweiter Vater für mich. Ich kann ihn immer anrufen, und er ist für mich da, egal, in welcher Situation.»

Trainer Paul Kutscher und sein Schweizer Schwimmer Antonio Djakovic bei einer Trainingseinheit an den Olympischen Spielen am Donnerstag, 25. Juli 2024, in Paris, Frankreich. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)
«Er ist für mich da, egal, in welcher Situation»: Antonio Djakovic und Pablo Kutscher im Training vor den Olympischen Spielen in Paris.

Kutscher sagt über sich selber: «Das Zwischenmenschliche ist das gewisse Extra.» Und er fragt sich gleichzeitig: «Aber hat man das? Lernt man das?»

Vielleicht hat es mit seiner Erfahrung zu tun: 20 Jahre lang schwamm er, seit 21 Jahren ist er Trainer. «Ich rede gerne, höre gerne zu und beobachte gerne. Wenn meine Schwimmer ins Training kommen, sehe ich an ihrem Gesicht und ihrer Körpersprache, was für ein Tag es wird. Ich täusche mich sehr selten.»

Vielleicht hat diese Fähigkeit aber auch damit zu tun, dass Kutscher ein geselliger Typ ist. «Ich war ein typischer Staffel-Schwimmer», sagt er, «den Adrenalinkick, wenn man als Vierter in einer Staffel startet, habe ich im Einzel nie gespürt.» Stolz ist er auf seine Staffel-Meistertitel mit Sindelfingen in Deutschland – und unvergesslich bleibt für ihn die Teilnahme an den Panamerikanischen Spielen 2003 in Santo Domingo – «das war ein Riesenfest». Gruppendynamiken mag er. «Es ist spannend zu sehen, was aus einer Masse entstehen kann, wenn alle miteinander eine Dynamik entwickeln.»

Er will den Ehrgeiz vermitteln

Es überrascht deshalb nicht, dass Kutscher mit Blick in die Zukunft sagt: «Als Cheftrainer im Schwimmclub Uster kann ich nicht mehr über 100 Tage im Jahr weg sein, wie es jetzt der Fall ist. Sonst kann ich den Job nicht so machen, wie ich mir das vorstelle.» Die Problematik ist, dass die meisten Trainer der nationalen Spitzenschwimmer zwar bei den Klubs angestellt sind, aber viele internationale Einsätze für den Verband absolvieren, dem die finanziellen Mittel fehlen, die Klubs dafür zu entschädigen.

Doch Kutscher will in Uster präsent sein, Gespräche führen, das Trainerteam und die Schwimmerinnen und Schwimmer voranbringen. «Wir erwarten einen richtigen Push», sagt SCU-Präsident Walter. Kutscher klingt gleich ambitioniert wie Walter – und es wirkt, als wäre er als Trainer ehrgeiziger, als er es als Schwimmer war. «Guter Punkt», sagt er dazu. «Vielleicht habe ich mich damals nicht getraut, mutig zu sein und einen anderen Weg zu gehen, noch mehr auf den Sport zu setzen. Ich bereue das nicht, aber ich versuche jetzt weiterzugeben: Geht den Weg. Es lohnt sich.» Seine Worte scheinen Gehör zu finden – das dürfte sich auch mit der neuen Funktion nicht ändern.

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