«Doppel-Weltmeister, das tönt wie ein Märchen»
Interview mit Ustermer Orientierungsläufer
Der Ustermer Riccardo Rancan (28) avancierte an den OL-Sprint-Weltmeisterschaften in Edinburgh (GBR) zum Überflieger.
Riccardo Rancan, am Sonntag Sprint-Staffel-Weltmeister und jetzt als Supplement K.-o.-Sprint-Weltmeister, wie tönt das in Ihren Ohren?
Riccardo Rancan: Grossartig, ich kanns nicht glauben. Doppel-Weltmeister, das tönt wie ein Märchen. Ich reiste mit dem Gedanken nach Schottland, dass ein Medaillengewinn etwas Superschönes wäre ...
Doppel-Gold: ein Traum also. Wie beschreiben Sie Ihre Gefühle nach diesen Erfolgen?
In mir macht sich eine riesige Genugtuung breit. Diesen Traum von Weltmeisterschaften, einer WM-Medaille, WM-Gold träumte ich seit mehr als einem Dutzend Jahren. Jetzt habe ich das alles realisiert in drei Tagen. Und habe mehr als die Optimalvariante verwirklicht.
Sind Sie überrascht?
Ja. Eine solche Ausbeute hat sich nicht abgezeichnet. Zwar bin ich meinem Traumziel in den letzten Jahren immer näher gekommen. Aber der Winter war zuerst schlecht, was zu einer eingeschränkten Ausgangsposition führte. Ich war krank. Anschliessend fühlten sich zwar die Fortschritte im Training toll an. Bei den beiden Weltcup-Stationen in Olten und Genua Mitte und Anfang Juni war ich aber noch nicht top. Zudem hemmten Schmerzen im Knie ...
Aber?
Den Glauben an mich liess ich mir nicht nehmen.
Dennoch, gerade im K.-o.-Sprint hing alles an einem dünnen Faden: Im Viertelfinal wären Sie schier ausgeschieden …
In der Tat. Es war ein Fotofinish um die Ränge 2, 3 und 4 zwischen Jonas Hubacek, Miika Kirmula und mir. Einer schien zum Ausscheiden verdammt. Die Zielfilmauswertung sprach nach nervenaufreibenden Minuten zuerst zu meinen Gunsten. Finnland legte Protest ein. Schliesslich kamen wir alle drei weiter.
Welche Rolle spielte für den Einzelerfolg der Mixed-Staffel-Sieg zwei Tage zuvor?
Das Staffel-Gold und mein wichtiger Beitrag dazu vermittelten Zuversicht. Dieses Gefühl konnte ich mitnehmen.
Was war die Hauptrezeptur für den Sieg im K.-o.-Sprint?
Ich hatte einen klaren Rennplan im Kopf. Diesen setzte ich bei aller Hektik eines solchen Rennens (im K.-o.-Sprint laufen in jeder Runde sechs Athleten gegeneinander) um.
Das heisst?
Relaxed beginnen. Zuerst abwarten, die Initiative anderen überlassen. Sich in Geduld üben. Das bedeutet aber nicht, dass ich in eine passive Rolle tauchte – im Gegenteil. Ich arbeitete sehr konzentriert und plante voraus. Ich nahm mir jenen Rennabschnitt vor, in dem ich attackieren wollte.
Das war im Final etwas früher als ursprünglich angedacht.
Richtig. Ich befürchtete, dass ich meine Sprint-Qualitäten im leicht ansteigenden Zielsprint nicht würde optimal ausspielen können. Ich bin zwar spurtstark, aber bergan gibts Abstriche. Also attackierte ich bereits um die vielen Ecken des Schlussteils. Ich spielte also mein Ass früher aus. Ich tat das voller Überzeugung, glaubte voll und ganz an mich und meine neue Strategie.
Wie konnten Sie das umsetzen?
Vielversprechend. Meine erste andere Routenwahl als die Spitzengruppe zeigte mir, dass meine Überlegung richtig war. Plötzlich befand ich mich in Führung. Ich zog aber nicht durch, sondern hielt nochmals zurück – bis zu meinem finalen, genau vorausgeplanten Angriff beim drittletzten Kontrollposten. Zuerst positionierte ich mich ideal, dann kickte ich mit vollen Kräften.
Welches Gefühl zeigte sich in Ihrem Innern, als Sie realisierten, dass Sie mit Vorsprung unterwegs sind?
Dieser Gedanke kam nicht auf. Ich befand mich im Wettkampfmodus. Die Konzentration lag ganz auf der Leistung.
Und jetzt, nach dieser höchst erfreulichen WM mit den sechs Medaillen, müssen Sie und Ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen eine Wette erfüllen …
Richtig. Wir vereinbarten mit einem schottischen Kollegen, dass wir pro Medaille je ein Battered Mars Bars essen. Dabei handelt es sich um die schottische Spezialität eines im Bierteig frittierten Mars-Riegels. Mit unseren sechs Medaillen wissen wir, was auf uns zukommt. Das wird eine fettige Sache.