Sie ist dann schnell, wenn sie Spass hat
Profibikerin aus Laupen
Soeben ist Nicole Koller ihr bisher bestes Weltcup-Resultat gelungen. Der Erfolg kam unerwartet – wie der Sieg am Cape Epic. Es ist ein Fingerzeig, wie sie tickt.
Um die Augen, auf den Wangen und am Hals – die Dreckspritzer sind übers ganze Gesicht verteilt. Nicole Koller wirkt erschöpft. Doch da ist eben auch diese tiefe Zufriedenheit, die sie im Zielraum ausstrahlt.
Als Sechste hat die in Laupen lebende Fahrerin am Heim-Weltcup in Crans-Montana das Cross-Country-Rennen beendet. Auf einer aufgeweichten und dadurch schwierig zu fahrenden Strecke. Kollers Fazit: «Es war mega.»
Sie hatte sich für ihren Heimauftritt am vergangenen Wochenende nicht etwa ein Resultatziel gesetzt, sondern anderes in den Vordergrund gerückt: «Ich möchte den Flow finden, Spass haben und mir wieder selber mehr vertrauen.»
Sechste – so weit vorne war Koller zuvor im Weltcup noch nie klassiert gewesen.
Aus dem Nichts kommt der Bestwert nicht. Die 27-Jährige ist schon ein paarmal in die Top Ten gefahren. Es ist der Zeitpunkt, der überrascht, musste die Juniorinnen-Weltmeisterin von 2014 doch zuletzt mit Enttäuschungen klarkommen.
So platzten ihre Olympia-Hoffnungen. Und weiter hinten als mit Platz 41 Mitte Juni in Val di Sole hatte sich Koller letztmals vor zwei Jahren im Weltcup klassiert.
Der Erfolg ist mitschuldig
Dem rangmässigen Abschiffer zum Trotz, hatte Koller den Wettkampf in Italien bereits als Wendepunkt ausgemacht, gar «als richtig guten Schritt» bezeichnet. Andere an ihrer Stelle hätten damals vielleicht aufgegeben.
Die Weltranglisten-Nummer 21 aber fuhr das Rennen ohne Aussicht auf ein gutes Resultat zu Ende. Mit der Gewissheit, grundsätzlich physisch viel mehr leisten zu können. Aber auch der Erkenntnis: «Solange es im Kopf nicht stimmt, ist das schwierig.»
Vor dem Befreiungsschlag im Wallis erlebte Koller zähe Wochen. Was im ersten Moment eigenartig tönen mag: Einen der Auslöser dafür sieht sie im mental kräftezehrenden, weil erfolgreichen Saisonstart. Diesen krönte sie Mitte April am zweiten Weltcup-Wochenende in Brasilien mit den Plätzen 7 (Cross-Country) und 8 (Shorttrack).
«Danach wäre es wichtig gewesen, etwas Tempo rauszunehmen», ist sie im Nachhinein überzeugt. Um sich Zeit für die Verarbeitung zu nehmen.
Das Duo harmoniert perfekt
Vor allem die Tage am wohl bekanntesten Mountainbike-Mehretappenrennen der Welt waren «emotional strapazierend». Bei ihrer Cape-Epic-Premiere gewann Koller im März mit der Niederländerin Anne Terpstra gleich alle Etappen und so logischerweise die Hauptwertung.
Die zwei harmonierten perfekt, was keine Überraschung ist. Koller und Terpstra fahren seit vier Jahren im selben Team und weisen ein ähnliches Profil auf. Beide bringen in der Fläche ihre Kraft auf den Boden und agieren technisch auf hohem Niveau.
Der Staff der Fahrerinnen bestand derweil aus nur drei Personen. Damit gehörte das Team zu den kleinsten im Feld. «Das machte es megaintensiv für alle», erinnert sich Koller. Das Erlebte hat sich bei ihr tief eingeprägt. Zusammen mit dem nicht zu toppenden Ergebnis führte es zu einer interessanten Konstellation. So ist sich Koller nämlich überhaupt nicht sicher, ob sie jemals wieder am Cape Epic starten möchte.
Die Begründung dafür ist nachvollziehbar – sie könnte nur enttäuscht werden.
Dieser Sieg ist bezeichnend
Kollers Glanzleistung in Südafrika schlug hierzulande hohe Wellen. Für einmal rückte die sonst häufig in der zweiten Reihe stehende Fahrerin in den Fokus der Medien. Vom wichtigsten Sieg der Karriere möchte Koller aber nicht sprechen. Auch darum nicht, weil sie ihre Erfolge nicht kategorisieren mag.
Bezeichnend findet Koller indes: Der Triumph gelang ihr in einem Rennen, dass sie im Gefühl bestritt, «nicht performen zu müssen». Der Spass und ein freier Kopf zählen für sie zu den zentralen Erfolgsfaktoren.
Ich hatte mir wohl zu starke Hoffnungen auf Olympia gemacht.
Nicole Koller
Als Ende Mai Alessandra Keller und Jolanda Neff die zwei Schweizer Olympia-Plätze zugesprochen erhielten, verlor Koller ihre Unbeschwertheit. «Ich hatte mir wohl zu starke Hoffnungen auf Olympia gemacht», vermutet sie als Ursache.
Die starke Konkurrenz innerhalb des Schweizer Teams ist immer wieder ein Thema, ist Segen und Fluch zugleich. Bitter, wenn es um Selektionen geht, motivierend hingegen in der täglichen Arbeit. Koller siehts pragmatisch. «Am Ende wären viele von uns nicht so stark, hätten wir in der Schweiz keine solche Dichte.»
Ein Mensch, keine Nummer
Man merkt der EM-Vierten vom August an, dass sie schon viel erlebt hat. Und gelernt hat, mit schwierigeren Phasen umzugehen. Sie wirkt überlegt, analysiert präzise und spricht sehr offen.
Die Laupnerin dürfte in einigen Punkten nicht dem Bild entsprechen, das manche von einer Profifahrerin haben. Natürlich ist sich Koller bewusst, dass der Bikesport ein Business ist. Sie könnte dennoch nicht für eine Equipe fahren, für die sie lediglich eine Nummer ist und alles der Leistungsoptimierung untergeordnet wird.
Koller sagt: «Meinem Team ist es wichtig, dass es mir als Mensch gut geht.» Die persönlichen Beziehungen stehen in ihrem Rennstall an erster Stelle, Vertrauen und Offenheit sind zentrale Werte. «So, dass man nicht auf die Anklagebank kommt, wenn es einem mal nicht läuft.»
Wattzahlen, die Körpertemperatur, ja sogar der Schlaf – längst ist alles messbar. «Manchmal fühlt man sich gefangen, weil man den Werten zu viel Wichtigkeit beimisst», sagt Koller.
Was sie in solchen Phasen macht? «Auf den Körper hören, sich selber etwas Gutes tun, das Kontrollierte mal wieder verlassen.» Mit Yoga, Meditation oder indem sie Biketouren absolviert, in denen der Spass im Vordergrund steht.
Wie in der Woche vor dem Weltcup in Crans-Montana. Koller hat mit anderen zusammen lange Ausfahrten unternommen, aus denen Abenteuer wurden, wie sie die Profibikerin bezeichnet. Sie haben Koller Ruhe gegeben, vor allem aber sehr viel Spass bereitet. Ohne Letzteres gehts auch als Profi nicht, findet sie. Und sieht sich in diesem Glauben nach dem Topauftritt im Weltcup bestätigt.
