Er legt ein irrsinniges Tempo hin
Nicola Funk aus Gibswil
Besser hätte sein Comeback nach anderthalb Jahren Verletzungspause kaum laufen können. Nicola Funk überrascht – auch sich selber.
Hibbelig? Nein, das ist Nicola Funk vor dem Nordostschweizer Schwingfest am Sonntag in Meilen nicht. Warum sollte er? «Es ist ein Teilverbandskranzfest wie jedes andere», gibt sich der Gibswiler entspannt. Und findet: «Weil es in der Nähe ist, kommt halt vielleicht noch der eine oder andere mehr, den man kennt.»
Klar, der Kranzgewinn ist immer sein Ziel. Gerade nach den zuletzt guten Leistungen. Funk vermeidet es aber, sich mit forschen Formulierungen gleich selber unter Druck zu setzen.
Auch von aussen will er sich nach seinem formidablen Abschneiden am Zürcher Kantonalen keine Erwartungen aufdrücken lassen. Als Dritter hatte das Mitglied des Schwingklubs Zürcher Oberland (SKZO) Anfang Juni ein Rindli gewonnen – und war mit dem ebenfalls drittklassierten Feldbacher Shane Dändliker bestklassierter Zürcher gewesen.
Sein bisher grösster Erfolg? Funk winkt dezidiert ab. Am Glarner-Bündner Kantonalschwingfest 2021 war er auch Dritter geworden, nur hatte Funk damals halt keinen Lebendpreis gewonnen. Überhaupt – der 25-Jährige versucht, die Rangliste nicht als einzige Währung zu sehen.
«Man kann auch mal mit einem schlechten Ergebnis zufrieden sein», ist er überzeugt und gibt ein Beispiel: «Wenn man jemanden bezwingt, der einem nicht liegt.»
Das Knie «verreist»
Funks Demut kommt nicht von ungefähr. Hätte ihm Anfang Jahr jemand prognostiziert, dass er sich nach dem Zürcher Kantonalen schon gegen übertriebene Erwartungen wehren muss – er hätte ihm kaum geglaubt. Schliesslich hat der achtfache Kranzgewinner verletzungsbedingt eine mehr als anderthalb Jahre lange Pause hinter sich.
Die Geschichte nimmt Anfang Juli 2022 ihren Anfang. Funk reisst sich am Klöntaler Bergschwinget das Kreuzband im rechten Knie. Ausgerechnet ein paar Wochen vor dem Eidgenössischen. Logisch, setzt der Sennenschwinger alles daran, um am Saisonhöhepunkt dabei zu sein. Und steht dann, weil er keine Beschwerden hat, in Pratteln tatsächlich im Sägemehl.
Im vierten Gang aber passiert es. «Das Knie ist verreist», erzählt Funk. Er reisst sich den Meniskus an und interpretiert das so: «Mein Körper hat mir die Grenzen aufgezeigt. Ich hatte trotzdem nie das Gefühl, das sei es jetzt gewesen mit meiner Karriere.»
Er hat sich wahnsinnig gesteigert und kann sein Potenzial schon wieder abrufen.
Daniel Spörri
Präsident Schwingklub Zürcher Oberland
Funk lässt sich operieren und nimmt sich die nötige Zeit für einen sorgfältigen Aufbau. Zugleich nützt er letztes Jahr die Möglichkeit, etwas von der Welt zu sehen. Er reist drei Monate durch die USA, arbeitet ein paar Wochen auf einer Farm in Kanada und ist später nochmals sechseinhalb Wochen in Nordamerika unterwegs.
Und der Schwinger schuftet fürs Comeback. In den vielen Trainingsstunden hilft ihm dasselbe wie im Sägemehl: der ausgeprägte Wille. «Ohne wäre ich nicht zurückgekommen», weiss Funk und sagt: «Wenn man ein Jahr lang im Kraftraum hockt, fragt man sich irgendwann: Warum mache ich das eigentlich?»
Was also gibt Schwingen dem Lastwagenchauffeur? Funk überlegt kurz, bevor er beginnt, übers Vereinsleben im SKZO zu schwärmen. «Wir haben es so geil miteinander, spornen uns gegenseitig an. Es ist einfach ‹huere› cool.»
Nur nichts überstürzen
Ende 2023 steht Funk erstmals wieder im Schwingkeller in Hadlikon, tastet sich langsam heran. Im Frühling gehts an den Festen dafür schnell vorwärts. SKZO-Präsident Daniel Spörri ist davon «megapositiv überrascht». Und beeindruckt: «Er hat sich wahnsinnig gesteigert und kann sein Potenzial schon wieder abrufen.»
Funk selber sagt übers Tempo: «Das ist irrsinnig.» Bei seinem Comeback Anfang April am Gibel-Schwinget trifft der Gibswiler früh mit Armon Orlik zusammen. «Ich fiel nicht gleich in der ersten Minute um, das gab Selbstvertrauen.»
An seinem ersten Kranzfest, dem Thurgauer Kantonalen, schwingt Funk schon wieder um das Eichenlaub mit, verpasst dieses aber. Das holt er bei seinem zweiten Kranzfest nach – dem Zürcher Kantonalen. Und jetzt? Nur nichts überstürzen, findet Funk. Eins nach dem anderen.
Und wie würde er eine Teilnahme am Eidgenössischen Jubiläumsschwingfest Anfang September in Appenzell werten, an dem 30 Schwinger aus dem Nordostschweizer Teilverband dabei sein können? «Wenn es reicht, wäre das sehr schön. Es wäre der Lohn für die ganze Arbeit.»
