Seine Topleistungen sorgen für Scherze
Bäretswiler Felix Stehli
Im Gesamtklassement der Tour de Suisse ist Felix Stehli auf den hintersten Rängen zu finden. Der Eindruck aber täuscht: Er hat das Schaufenster gut genutzt.
Die Ausbeute: Weit hinten, aber zufrieden
Nach dieser anstrengenden Premiere mit 840 Kilometern und mehreren tausend Höhenmetern benötigt er ein paar ruhige Tage, um sich zu erholen. Am Sonntag hat Felix Stehli seine erste Tour de Suisse (TdS) beendet. Der Bäretswiler hat sie fürs Schweizer Nationalteam bestritten. Eine Stunde und 48 Minuten länger benötigte er für die acht Etappen als Sieger Adam Yates, klassierte sich in der Rangliste als 139. weit hinten. Und doch: Anders als nach der enttäuschenden Tour de Romandie kann der junge Oberländer zu seinem zweiten World-Tour-Auftritt innerhalb weniger Monate sagen: «Ich bin zufrieden.»
Der beim auf dritthöchster Stufe angesiedelten Team Vorarlberg unter Vertrag stehende Stehli gehörte in der Anfangsphase des Rennens zu den positiven Überraschungen. Der 23-Jährige schaffte es einmal in die Fluchtgruppe, gewann zweimal eine Spezialwertung, war Interviewgast im SRF und liess sich in den schweren Bergetappen nicht zermürben.
Im Rampenlicht: Der Uhrensammler macht Schlagzeilen
Allein per Whatsapp erreichten ihn in den ersten zwei Renntagen über 100 Nachrichten. Vielleicht ein Viertel davon mit sehr ähnlichen Scherzen wie etwa diesem: «Machst du ein Uhrenmuseum auf?» Im Fahrerfeld musste sich Felix Stehli ebenfalls einige Sprüche anhören, nachdem er im Prolog und in der 2. Etappe jeweils eine Uhr gewonnen hatte. Im Zeitfahren hatte er sich den Preis mit dem schnellsten ersten Kilometer geschnappt, tags darauf die entsprechende Zwischensprintwertung für sich entschieden.
«Ich bin zufrieden damit», sagt Stehli über die Uhren und lacht. Was er mit ihnen macht, ist noch offen, wobei er sagt: «Eine behalte ich sicher.» Seine erfolgreiche Uhrenjagd spülte ihn kurzzeitig ins Rampenlicht – inklusive SRF-Interview, das er völlig entspannt absolvierte. «Ich erhielt dafür nur lobende Worte», sagt der immer erfrischend offen erzählende Stehli, «ich würde mich aber auch als Typ bezeichnen, der vor der Kamera ‹plodere› kann.»
Zwei Extreme: In der Fluchtgruppe und im Gruppetto
Mal ganz vorne, im zweiten Teil der Rundfahrt häufig aber auch ganz hinten: Felix Stehli hat an der Tour de Suisse beide Extreme erlebt. Schon im Vorfeld hatte er davon gesprochen, auf der 2. Etappe «All in» zu gehen. Was ihm gelang. Schon kurz nach dem Start riss er mit einer Handvoll anderen aus. Die Spitzengruppe mit Stehli fuhr rund 160 Kilometer vorneweg, ehe sie 10 Kilometer vor dem Ziel gestellt wurde. Kein Wunder, schwärmt der Bäretswiler von jenem Teilstück mit dem Abstecher ins Tösstal und Zürcher Oberland besonders. Und ist überzeugt: «Da hatte es auch mit Abstand am meisten Leute am Strassenrand.»
In den Bergetappen musste Stehli dann aber ein paarmal richtig beissen und war vom Feld abgeschlagen im sogenannten Gruppetto unterwegs. «Ich wusste von Anfang an, dass das kommen wird», nimmt es Stehli gelassen. Der Oberländer hängte sich meistens an Mark Cavendish und dessen «Türsteher», wie er die Helfer des Sprinters bezeichnet. «Die haben das Ganze mit dem Kontrollschluss ja im Griff.» Wirklich bibbern musste Stehli also in keiner der Bergetappen, ob er rechtzeitig im Ziel eintrifft. Wenig überraschend aber findet er: «An der Spitze zu fahren, ist dennoch sympathischer.»
Das Fernziel: Die Hoffnung auf die richtige Richtung
Stehlis Anspruch ist es, nächste Saison für ein höherklassiges Team zu fahren. Er glaubt, an der TdS Werbung für sich gemacht zu haben. «Ich habe meinen Namen verkauft und hoffe, ich konnte das Ganze in die richtige Richtung lenken.» Er gibt aber auch zu, sich in einem Punkt geirrt zu haben. So glaubte der Fahrer, die Landesrundfahrt biete ihm die eine oder andere Chance, mit Vertretern von höherklassigen Teams zu plaudern. Er musste aber einsehen: «Es war unmöglich. Man hat null Zeit, der Tag ist enorm durchgetaktet.»
Jetzt, wo die Eindrücke aus der Tour de Suisse noch frisch sind, will Stehli seine Zukunftsplanung vorantreiben. «Der Radsport hat ein kurzes Gedächtnis», ist der Fahrer sicher, dessen Interessen von TdS-Renndirektor Olivier Senn vertreten werden. Wie könnte ein nächster Schritt aussehen? Stehli hat eine klare Vorstellung für den Herbst. «Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, bis Ende Saison bei einem Profiteam als Stagiaire zu fahren.»