Hier kennt kaum jemand das Hinwiler Ehepaar – im Gegensatz zu Namibia
Vera und Konny Looser
Sie sind Tausende von Kilometern entfernt voneinander aufgewachsen – und ticken dennoch gleich. Die Passion für den Radsport eint Konny und Vera Looser.
Am Ursprung dieser Geschichte stehen sechs Flaschen Wein. Die gewinnt Konny Looser einst bei einem Rennen in Südafrika. Was aber soll er, der kaum Alkohol trinkt, damit machen?
Der Oberländer Bike-Profi entdeckt Teilnehmerin Vera Adrian und denkt sich: «Vielleicht hat sie gerne Wein?» Etwas mehr als zehn Jahre später sitzen die zwei, die seit 2020 verheiratet sind, in einem Hinwiler Café und erzählen ihre Geschichte.
Sie sprechen über ihr Leben als Spitzensportler-Paar, ihre unterschiedliche Herkunft – er aus der Schweiz, sie aus Afrika – und auch über den Umstand, dass sie an unterschiedlichen Punkten ihrer Radkarrieren stehen.
Vera Looser ist nach den Erfolgen der letzten zwei Saisons hungrig. 2023 siegte sie etwa am Cape Epic in Südafrika, dem wohl bekanntesten Mountainbike-Wettkampf, und auch in einem Weltcup-Marathonrennen.
Im Sommer nimmt die 30-Jährige als Strassenfahrerin zum dritten Mal an Olympischen Spielen teil. «Ich habe mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft», sagt sie. «Wenn ich jetzt aufhöre, würde ich es wahrscheinlich bereuen.»
Konny Looser ist mit 35 hingegen im Herbst der Laufbahn. Er hat fast jedes Langdistanzrennen gewonnen, das er gewinnen wollte. Die Entwicklung in der Szene macht ihm Mühe. Nicht mehr die Leistungen stehen im Vordergrund, sondern eine möglichst grosse Präsenz in den sozialen Medien.
Dazu muss er sich als Einzelfahrer – wie seine Frau – stets um alles kümmern. Allein die Finanzierung einer Saison ist aufwendig. All das ist ein Mix, der Looser umtreibt. Und ihn auf die Frage nach den sportlichen Ambitionen ehrlich sagen lässt: «Die fehlen mir momentan.»
«Entscheidungsschwierigkeiten» als treuer Begleiter
Konny Loosers Zerrissenheit ist nicht neu. Man findet sie auch in den Rennberichten auf seiner Website, in denen er seine Gefühle offenlegt. Manch anderer hätte sich vom Spitzensport wohl längst verabschiedet. Er aber hat Mühe, den Schlussstrich zu ziehen. Was Vera Looser nicht überrascht. Entscheidungsschwierigkeiten sind laut ihr ein treuer Begleiter ihres Ehemanns.
Der wiederum fährt auch weiter, weil er den mit seiner Ehepartnerin gelebten Lifestyle überaus schätzt. Das Velofahren, diese Ungebundenheit, die gemeinsamen Reisen. «Das ist halt schon ganz speziell», ist sich Konny Looser bewusst.
Die zwei Radsportler dürften sehr viel mehr Zeit miteinander verbringen als in gängigen Berufen arbeitende Ehepaare. Und was das Zusammenleben erleichtert: Sie müssen beim Gegenüber nicht um Verständnis werben, alles dem Sport unterzuordnen. «Wir essen gesund, gehen früh schlafen, trinken nicht viel Alkohol», sagt Vera Looser. «Für uns ist das selbstverständlich. Für andere nicht.»
Die Passion für den Radsport eint die Loosers. Doch gibt es keine Situationen, in denen sie merken, auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen zu sein? Kaum.
«Es ist erstaunlich, wie ähnlich unsere Familien ticken», sagt Vera Looser, die auch einen deutschen Pass besitzt und in ihr Deutsch immer wieder Schweizer Ausdrücke einstreut.
Meistens ist es dann Konny, der ausruft: ‹Wir zügeln weg!›
Vera Looser
Nach sportlichen Enttäuschungen fragt sie sich: «Was kann ich verändern?» Und hakt das Erlebte ab. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der von sich sagt: «Ich kann schon lange hadern.»
In diesem Bereich mögen sie völlig unterschiedlich sein, grundsätzlich aber sind sie auf einer Wellenlänge, vertreten dieselben Werte. Und ergänzen sich auch im Alltag gut, wie Konny Looser findet. «Sie arbeitet 50 Prozent, ich bin neben dem Sport noch Hausmann.»
Zu seinen Aufgaben zählt etwa, die Velos in Schuss zu halten. Einst war er sogar Veras Coach – es war keine ideale Lösung. Auf ihre Karriere hatte der Hinwiler dennoch einen positiven Einfluss. Als sie sich kennenlernten, war der gelernte Dachdecker bereits Profi. Vera Looser steckte damals im Studium und sagt: «Durch Konny wurde mein Training professioneller.»
Die talentierte Fahrerin konnte letztlich auch dank ihm den Schritt nach Europa machen. «Schafft man diesen nicht, gibt man irgendwann auf», sagt sie.
Sie verbringen nur wenig Zeit in der Basis
Hierzulande ist weder Vera Looser noch ihr Mann einer grossen Öffentlichkeit bekannt. In Namibia aber ist das anders. Da wird auch Konny Looser um Autogramme gebeten, schliesslich hat er das bekannte Nonstop-Rennen Desert Dash von Windhoek nach Swakopmund schon siebenmal für sich entschieden.
Vera Loosers Status in Namibia lässt sich erahnen, ohne dass man sich die Mühe machen muss, all ihre nationalen Titel zu zählen. 2023 ist sie zum zweiten Mal als Sportlerin des Jahres geehrt worden. Gleichzeitig war sie an ihrem jetzigen Wohnort nicht einmal nominiert bei der Wahl zur Hinwiler Sportlerin des Jahres.
Ihr Mann schüttelt darüber den Kopf. Sein Unverständnis ist gut aus seinem Gesicht ablesbar. «Das finde ich schon krass.»
In der Hinwiler Aussenwacht Girenbad haben die Loosers derzeit ihre Basis. Allzu häufig sind sie jedoch nicht hier anzutreffen. Zusammengezählt sind es wohl um die zwei Monate im Jahr. Und doch haben sie sich vorerst fürs Oberland und gegen Namibia entschieden. Nahe am Flughafen und zentral in Europa zu leben, hilft ihnen bei der Anreise zu Rennen.

Und die Trainingsumgebung ist ideal. «Das Züri Oberland ist megagut zum Trainieren», schwärmt Vera Looser. «Wenn es nicht grad sieben Tage am Stück regnet, ist es in der Schweiz halt schon sehr schön.» Nicht etwa sie tut sich in Schlechtwetterphasen schwer, wie man vermuten könnte. «Meistens ist es dann Konny, der ausruft: ‹Wir zügeln weg!›», sagt sie mit einem Blick zu ihrem Mann.
Dieser nickt und lächelt kurz. Er ist in Hinwil aufgewachsen, die Eltern leben in der Gemeinde, auch der familieneigene Betrieb ist da, in den er nach dem Karriereende einsteigen könnte. Aber ob er das überhaupt will? Wo lassen sich die Loosers einst definitiv nieder? Und wann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Familie zu gründen?
Es sind alles Fragen mit viel Gewicht, die zu Diskussionen führen, vorerst allerdings offenbleiben. Einfach klären kann Vera Looser dafür zum Schluss, wie sie damals aufs Weinangebot reagierte. Hat sie die Flaschen angenommen? Sie lacht. «Ja sicher – als Studentin.»
Wenn es in der Familie bleibt
Im Zürcher Oberland gibt es einige erfolgreiche Spitzensportler-Duos. Entweder sind es Geschwister. Oder Liebespaare. Wir stellen sie in einer kleinen Serie vor. Bisher erschienen:
Die Ustermer Schwimmgeschwister Antonio und Vanna Djakovic: Ihr gemeinsamer Traum treibt sie an
Läuferin Fabienne Schlumpf und ihr Trainer und Freund Michael Rüegg: Wetziker Marathonläuferin liebt ihren Trainer: «Bis jetzt funktionierts»
Die Hinwilerinnen Anja und Jasmin Weber: Im Winter wird die Schwester zum Fan
Die Walder Biathleten Sebastian und Gion Stalder: Sie hören oft: «Schon krass, was ihr alles zusammen macht»
