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Sie gewinnt, ohne einmal zu überholen

Auf dem Podest stand Natalie Schär im Europacup schon ein paarmal, jetzt aber erstmals zuoberst.

Nachdem sie in der Qualifikation trotz einem grossen Fehler Achte geworden war, glaubte Natalie Schär in Les Contamines: Hier liegt etwas drin.

Foto: Stephan Bögli/Swiss-Ski

Sie gewinnt, ohne einmal zu überholen

Grösster Karriereerfolg von Näniker Skicrosserin

Natalie Schär feiert in Frankreich ihren ersten Europacup-Sieg – auf einem Kurs, der eigentlich nicht auf sie zugeschnitten ist.

Vielleicht sei sie einfach auch noch ein wenig hässig gewesen, mutmasst Natalie Schär. Und ist darum mit der Wut im Bauch gefahren. So genau kann das die 23-Jährige zwar nicht mehr sagen. Es ist allerdings sowieso egal.

Fakt ist: Die Nänikerin hat auf ihren Sturz und das Ausscheiden beim letzten Rennen im bayrischen Grasgehren perfekt reagiert. Und im darauffolgenden Europacup ihren ersten Sieg auf dieser Stufe gefeiert.

Mehrfach stand die Oberländerin in den letzten Wintern schon auf dem Podest, zweimal schrammte sie als Zweite nur knapp am Triumph vorbei. In Les Contamines (FRA) hat es nun also geklappt. «Ich habe mich uh mega darüber gefreut», sagt Schär, die in dieser Saison zuvor zwei 4. Plätze als Bestresultate aufzuweisen hatte.

Auf eine ausgelassene Feier verzichtete die C-Kader-Athletin indes. Nach der offiziellen Siegerehrung, an der sie einen Preisgeldcheck über bescheidene 130 Euro erhielt, hat sie nicht einmal mit ihren Teamkolleginnen angestossen. Tags darauf stand das zweite Rennen an, bei dem die K.-o.-Läufe aber dem schlechten Wetter zum Opfer fielen.

Die Näniker Skicrosserin Natalie Schär in Les Contamines.
Grosser Check, kleiner Betrag: Natalie Schär (Zweite von links) bei der Siegerehrung.

Nach der Qualifikation zum ersten Rennen hatte Schär realisiert, dass etwas drinliegen könnte. Gute Achte war sie in dieser geworden – trotz einem groben Schnitzer. Es ist dennoch erstaunlich, glückte ihr der erste Sieg in ihrem 39. Europacup-Rennen ausgerechnet auf einem Parcours, der nicht auf sie zugeschnitten war.

Der Start zählt nicht zu Schärs Stärken. In Les Contamines aber war dieser ausschlaggebend. Wer am besten aus den Gates kam, war kaum mehr abzufangen. Es gab keine einzige lange Gleiterpassage auf dem Kurs, die acht Kurven waren sehr eng und folgten kurz aufeinander. Oder anders gesagt: überholen war schlicht nicht möglich.

Ich muss weiterhin liefern.

Natalie Schär

Es war allerdings auch gar nicht nötig, wie Schär gezeigt hat. Die 23-Jährige sicherte sich den Sieg ohne ein einziges Überholmanöver. Die erste Runde überstand sie als Zweite, im Halbfinal und im Final lag sie jeweils von Anfang an vorne.

Einmal profitierte Schär davon, dass die mit ihr gleichauf liegende Gegnerin ausschied. Nach Action und viel Spannung tönt das alles nicht. Der Siegerin könnte das im Prinzip egal sein. Schärs Meinung aber ist klar: «Wenn man nicht überholen kann, ist es kein richtiges Skicross-Rennen.» Und sie sagt, kaum jemand sei mit dem Kurs zufrieden gewesen.

Kampf gegen den Hattrick

Kurz hat Schär nun im Oberland durchgeatmet, schon am Dienstag reiste sie weiter nach Italien, wo in San Pellegrino die nächsten zwei Europacup-Rennen anstehen. Was bedeutet der Sieg für den Rest des Winters? «Grundsätzlich nichts», sagt Schär und ist sich bewusst: «Ich muss weiterhin liefern.»

Mit ihrer Siegpremiere und den dadurch gewonnenen 100 Punkten hat sie aus ihrer Sicht lediglich den Nuller aus dem Rennen in Grasgehren korrigiert. Sechs Rennen vor Schluss hat sich die Oberländerin in der Gesamtwertung bis auf 22 Punkte an die 3. Stelle geschoben. Ihr Ziel ist, diesen Platz zu erobern. In den letzten drei Jahren war sie zweimal Gesamtvierte.

Auf einen Hattrick hat sie verständlicherweise keine Lust, wie sie sagt: «Wieder der vierte Platz wäre bitter.» Zugleich würde ihr ein Rang in den Top 3 nächste Saison einen Startplatz im Weltcup verschaffen. Darauf arbeitet Schär hin.

Debütiert auf höchster Stufe hat die Nänikerin vor zwei Jahren. Diesen Winter absolvierte Schär vier Weltcups. Weitere kommen bis zum Saisonende hinzu. Sie wird an den Heimrennen in Veysonnaz im Einsatz sein. Kurzfristig ist sie jetzt auch für den Weltcup in Reiteralm (22. bis 25. Februar) aufgeboten worden. «Das ist cool», freut sie sich. Resultatziele setzt sie sich für den Weltcup keine. «Für mich geht es da darum, Erfahrungen zu sammeln.»

Am Europacup in San Pellegrino am Freitag und Samstag gehts derweil einzig um die Ränge. Schär braucht weitere Punkte für die Gesamtwertung. Sie ist zuversichtlich, der Kurs liegt ihr. Er ist relativ flach. Und weist vor allem das auf, was zuletzt gefehlt hat: viele Stellen, an denen man überholen kann.

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