Die Baisse gibt ihm Rätsel auf
Gibswiler Querfahrer
Seit Weihnachten steckt bei Kevin Kuhn der Wurm drin. Er erreicht sein gewohntes Leistungsvermögen nicht mehr. Und ist über die Gründe dafür im Unklaren.
Eigentlich müsste er am Sonntag an der SM in Meilen mit Revanchegedanken antreten. Oder zumindest mit dem festen Ziel, die im Vorjahr überraschend verpasste Goldmedaille heuer zu gewinnen.
Kevin Kuhn aber, der beste Schweizer Querfahrer, der letzten Winter an der SM nur Dritter geworden war, verwendet vor den nationalen Titelkämpfen keinerlei angriffige Worte. Die Nummer 9 der Welt sieht sich nicht einmal in der Favoritenrolle. Er sagt: «Wenn ich so fahre wie in den letzten Rennen, muss ich keine Erwartungen haben.»
Kuhn kokettiert nicht etwa. Seine Aussage kommt auch nicht überraschend. Sie passt vielmehr zur Situation, in der er steckt. Seit Weihnachten gelingt es dem Gibswiler nicht mehr, sein Leistungsvermögen abzurufen.
Das jüngste Beispiel dafür ist das letzte Weltcup-Rennen. In Zonhoven landete Kuhn auf Platz 18. Also weitab seiner Ansprüche und Möglichkeiten.
Zur Einordnung: Letzte Saison fuhr der bei einem belgischen Team engagierte Kuhn im Weltcup erstmals aufs Podest und sammelte insgesamt acht Top-Ten-Plätze. Im Gesamtweltcup wurde er starker Siebter – hinter lauter Belgiern und Niederländern, die den Radquersport dominieren.
Der Anhaltspunkt fehlt
Nun aber ist der Wurm drin. Fünfmal hintereinander hat sich Kuhn zuletzt im Weltcup mit Plätzen ausserhalb der Top Ten begnügen müssen. Die Bandbreite reicht von Platz 12 bis 23.
Der Tiefpunkt am Stephanstag in Gavere (BEL) ist indes erklärbar. Kuhn erlitt damals einen Defekt, der ihn viel Zeit kostete. Auswirkungen auf seine Klassierungen hatte zudem, dass im Dezember Mathieu van der Poel, Wout van Aert und Tom Pidcock, die ihren Fokus auf der Strasse haben, ins Gelände zurückkehrten. Das Toptrio reiht sich in der Regel vor ihm ein.
Aber sonst? Kuhn ringt nach Worten. Er tut sich mit einer Erklärung schwer, weshalb es ihm derzeit nicht so läuft wie erhofft.
Kopfzerbrechen bereiten ihm nicht einmal die letzten Resultate. Die seien die Konsequenz seiner Auftritte, findet er. Kuhn beschäftigt vielmehr, dass er bisher keinen Anhaltspunkt – auch keinen medizinischen – gefunden hat, was genau das Problem ist.
Es macht keinen Spass, nicht kompetitiv zu sein.
Kevin Kuhn
Interessant ist die Tatsache, dass der 26-Jährige auf gewohntem Niveau trainieren kann. Und sich trotz stressigem Programm zwischen Weihnachten und Neujahr mit vier Rennen in fünf Tagen durchaus frisch fühlt.
In den Rennen aber ist alles anders. Da vermisst Kuhn das gute Gefühl. Die Leichtigkeit auf dem Velo geht ihm völlig ab, die Rennen fühlten sich zuletzt an wie ein einziger Kampf. «Es ist mühsam», versteckt der Oberländer seine Enttäuschung darob nicht und sagt: «Es macht keinen Spass, nicht kompetitiv zu sein.»
Die externe Meinung ist wichtig
Was die ganze Angelegenheit sicher nicht einfacher macht: Kuhns Entwicklung ist bisher bemerkenswert konstant gewesen. Jedes Jahr hat er einen weiteren Schritt vorwärts gemacht. «Das heisst nicht, dass es immer so weitergeht», hatte er vor der Saison vor übertriebenen Erwartungen gewarnt. Und muss sich nun prompt erstmals mit einem Rückschlag auseinandersetzen.
Wie sehr ihn dieser stresst? «Scho ä chli», sagt er. Man merkt, dass das eine Untertreibung ist. «Es ist mental nicht einfach», gibt Kuhn zu. Er ist froh, arbeitet er seit Längerem mit einem Sportpsychologen zusammen, mit dem er sich jetzt austauschen kann. Kuhn ist überzeugt: «In solchen Situationen ist eine externe Meinung wichtig.»
Von seinem Rennstall wird der Tösstaler derweil nicht unter Druck gesetzt. Im Gegenteil. Kuhn setzt sich viel eher selber unter Druck. Wegen des Teams, begründet er. Kuhn hat Mühe damit, nicht in gewohntem Mass abliefern zu können, «wenn ich sehe, was sie alles für mich machen».
Immerhin ist Kuhn mittlerweile am Punkt angekommen, an dem er glaubt, irgendwann zurückblicken zu können und zu sagen: «Diese Zeit war gut, um dazuzulernen.» Er schafft es zugleich, das grosse Bild zu sehen. Und das sieht noch immer gut aus.
Im Gesamtweltcup liegt Kuhn bei zwei verbleibenden Wettkämpfen auf Rang 10 – dank konstanten Ergebnissen vor dem Tief. In der Superprestige-Serie ist der Querprofi vor dem finalen Rennen in der Gesamtwertung gar an fünfter Stelle klassiert. «Da hatte ich wirklich ein paar gute Rennen», sagt Kuhn über die belgische Serie, deren Grundniveau er höher einschätzt als im Weltcup.
Wann löst sich der Knoten?
Die Saison neigt sich dem Ende entgegen, der Höhepunkt aber steht mit der WM Anfang Februar im tschechischen Tabor noch aus. Kuhns Planung ist darauf ausgerichtet. Denn er ist der Überzeugung, dass sich der Knoten irgendwann wieder löst.
«Es kann doch auch plötzlich wieder gut sein», hofft er. Vielleicht ja schon in Meilen an der SM.
