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«Du hörst sowieso nicht auf mich. Null.»

Siri und Nicola Wigger aus Gibswil wollen es wie einst ihre Eltern an die Olympischen Spiele schaffen. Die Voraussetzung dafür sind vielversprechend.

Ein rarer Moment – gerade in den Wintermonaten: Die Langlauf-Geschwister Siri und Nicola Wigger entspannt im Elternhaus in Gibswil.

Foto: Christian Merz

«Du hörst sowieso nicht auf mich. Null.»

Tösstaler Langlauf-Hoffnungen

Wie schon ihre Eltern haben sich Siri und Nicola Wigger aus Gibswil ganz dem Langlauf verschrieben – dabei ist dem Geschwisterpaar eine ähnliche Karriere zuzutrauen.

Einen Termin mit Siri und Nicola Wigger im Oberland finden? Nicht ganz einfach. Die beiden Langlaufhoffnungen aus Gibswil leben schon länger grösstenteils in Davos. «Wir sind im Winter nur selten zu Hause», sagt Nicola.

Zum Gespräch reisen die beiden aber extra an einem garstig-verhangenen Spätherbsttag für ein paar Stunden in die Heimat. «Hier ist es ja noch fast kälter», meint der 22-Jährige nach der Ankunft zu seiner Schwester.

Doch selbst das trübste Wetter im Tösstal kann ihn nicht verhindern. Den Blick vom Elternhaus direkt auf die nur wenige hundert Meter entfernten Sprungschanzen. Wäre nicht eine Karriere als Skispringerin oder Skispringer für Siri und Nicola Wigger auf der Hand gelegen? «Ich bin bis 13 einige Jahre gesprungen», sagt Nicola.

Es folgen rege Diskussionen, wer mehr Talent für den Sport mitgebracht habe. «Ich war fast besser als du», findet Siri, womit sich Nicola wiederum nicht zufrieden geben will und zurückstichelt.

Tatsächlich ist von Siri Wigger noch heute ein buntes Video-Potpourri aus den Sprunganfängen zu finden. Darauf angesprochen, sagt die 20-Jährige, gefolgt von einem Lachen: «Ich habe Skispringen nie ernsthaft betrieben. Für mich hatte Langlauf immer oberste Priorität.»

Im SC am Bachtel gefördert

Möglich wurde dies alles im nordischen Skiclub am Bachtel, wo beide von klein auf schnell sportartenübergreifend erste Erfolge feiern – und Mutter Sylvia Wigger-Honegger als Langlauf-Chefin tätig ist. Sie selbst zählte in den 1980er und 1990er Jahren genauso wie Vater Jeremias schweizweit zu den besten ihres Fachs. Je dreimal starten beide an Olympischen Spielen.

Nicola und Siri Wigger im Skikeller bzw. Stube in Gibswil.
Nicola und Siri Wigger im heimischen Skikeller voller Erinnerungen.

Es ist also keine Überraschung, dass Siri und Nicola als zweijährige Knirpse erstmals in der Loipe stehen – und nun längst ebenso eine Olympiateilnahme im Hinterkopf haben. Selbst wenn die nächsten Winterspiele von 2026 in Mailand für sie noch ein ziemliches Stück entfernt sind.

Auch fragt man sich bei dieser Konstellation: Gibt es Nachteile als Kinder von ehemaligen Spitzensportler? Und ob nicht ein besonderer Druck besteht? «Unsere Mutter war zwar unsere Trainerin, hat uns aber nie gepusht», bekräftigt Siri. Daran habe sich nichts geändert. Umso mehr schätzen beide bis heute den Rat der Eltern, Vater Jeremias nimmt für sie zudem noch immer eine wichtige Rolle beim Testen von Material ein.

Langlauf bleibt so bei den Wiggers unweigerlich auch am Küchentisch das Thema. Dass es ausgerechnet mit Siri die Jüngste der Familie ist, die am ehesten versucht, das Thema in eine andere Richtung zu lenken, mag auf den ersten Blick überraschen. «Da darf man sich nicht täuschen lassen. Siri hat früh gelernt, sich durchzusetzen», sagt Nicola.

Da darf man sich nicht täuschen lassen. Siri hat früh gelernt, sich durchzusetzen.

Nicola Wigger

Oft gibt es diese Situationen aber derzeit ohnehin nicht. Beide sind früh von zu Hause ausgezogen – machten zunächst die Matur an der Sportmittelschule in Engelberg und zogen dann nach Davos. Dort leben sie seither in einer WG und trainieren im Nationalen Leistungszentrum.

Sportliche Tipps geben sich die Geschwister allerdings eher selten. «Du hörst sowieso nicht auf mich. Null. Da kann ich sagen, was ich will», wendet sich Nicola direkt an Siri – und fügt an; «Wir haben in diesem Bereich andere Bezugspersonen.» Dazu passen auch die unterschiedlichen Laufstile. «Sie hat viel das bessere Skigefühl, es sieht einfach schön aus. Bei mir ist alles mit Kraft verbunden», sagt Nicola.

Ganz nahe sind sie sich dafür auf persönlicher Ebene. Der ältere Bruder spricht hierbei von einer gegenseitigen emotionalen Unterstützung. «Wir rufen uns als Erstes an, wenn wir ein Problem haben. Diese Verbindung ist uns ganz wichtig», sagt er.

Nie wirklich gesund

Gerade Siri hat in letzter Zeit besonderen Zuspruch nötig. Seit ihrer ersten Corona-Erkrankung 2020 wird sie stetig zurückgeworfen. Wiederholt klagt sie über Kopf- und Halsschmerzen sowie Schwindelgefühle. Darunter leiden zunehmend mehr auch Trainings und Wettkämpfe.

Ich bin immer wieder krank. Diesen Sommer war es fast am schlimmsten.

Siri Wigger

«Ich bin immer wieder krank. Diesen Sommer war es fast am schlimmsten», sagt sie. Dass die C-Kader-Athletin mit ihrer Situation zu kämpfen hat, ist auch an diesem Nachmittag im Elternhaus offensichtlich, wenn sie nach den richtigen Worten sucht.

Ihr Fall sorgt auch für Aufsehen, weil sich Siri Wigger den Status eines Ausnahmetalents im Schweizer Langlauf erarbeitet hat. Anfang 2020 holt sie unter anderem Gold an den Olympischen Jugendspielen und an der Junioren-WM.

Vergleichbare Resultate hatte sie seit den gesundheitlichen Turbulenzen keine mehr. Selbst ihr Bruder Nicola sagt: «Es ist zum Verzweifeln. Es geht ihr nicht gut, Siri ist trotzdem am Start und läuft vorne mit. Dabei weiss ich: Sie hat noch so viel mehr drauf.»

Helfen auf dem Weg zurück könnte ihr der Wechsel aus dem Nachwuchs zu den Aktiven. Und sie in ein verändertes Umfeld mit Karoline Moen Guidon als neue Trainerin führt. Gemeinsam wird nach der Sommervorbereitung der Entschluss gefasst, dass Siri Wigger vorderhand keine Rennen bestreitet.

Im Vordergrund steht, dass sie sich im Training wieder eine solide Basis erarbeitet – auch wenn dafür bei ihr viel Geduld erforderlich ist. Diese ist gerade mit Blick auf mittelfristige Höhepunkte wie die nordische WM 2025 in Trondheim und die nächsten Olympischen Spielen unabdingbar. «Wenn ich so weitermache, habe ich vielleicht noch länger Mühe. Und ich will doch, dass die Erfolge zurückkommen», sagt Siri.

An U23-WM performen

An einem anderen Punkt ist B-Kader-Athlet Nicola Wigger, der sich gut vorbereitet fühlt und mit dem Swiss Cup in Silvaplana in die Saison startet. Für ihn gilt es, sich in den nächsten Wochen mit guten Resultaten für einen Start im Weltcup aufzudrängen.

Dort zum Einsatz gekommen war er erstmals im Dezember 2021. Weitere Starts sind seither nicht dazugekommen. Auch weil er in der letzten Saison zunächst mit gesundheitlichen Problemen kämpfte.

Grund zur Freude gab es für ihn trotzdem noch. An der U23-WM im kanadischen Whistler lief er über 20 km in die Top Ten und holt sich mit der Mixed-Staffel sogar Bronze. Die U23-WM ist für Wigger auch in diesem Winter ein Höhepunkt. In Planica (SLN) darf er im Februar ein letztes Mal auf Stufe U23 starten.

Er sagt: «Es ist für mich ein grosses Saisonziel, eine Einzel-Medaille zu holen.»

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