Sie ist erfolgreich – und krempelt trotzdem vieles um
Wernetshauser Rodlerin
Natalie Maag schlägt nach ihrem bisher besten Weltcup-Winter auf die neue Saison hin neue Wege ein. In einem zentralen Punkt aber bleibt sie sich treu.
Seit sie Mitte Oktober die erste Trainingsfahrt absolviert hat, verblüfft Natalie Maag Umfeld und Konkurrenz gleichermassen. So sehr, dass die Wernetshauserin unlängst gefragt worden ist: «Hey, was ist denn mit dir los?»
Warum man das von der einzigen Schweizer Weltcup-Rodlerin wissen wollte? Sie, die sonst immer eher bedächtig ins Eistraining startete und auf dem Schlitten erst einmal etwas Anlaufzeit benötigte, ist heuer auffällig schnell.
So schnell, dass sie auf Augenhöhe ihrer deutschen Teamkolleginnen Julia Taubitz, Anna Berreiter und Merle Fraebel fährt. Das Trio verkörpert Weltklasse, beendete die letzte Saison im Gesamtweltcup auf den Rängen 1, 3 und 6. Kein Wunder, wertet Maag die ersten paar Wochen im Eiskanal als gutes Zeichen. Und sagt: «Ich bin positiv überrascht.»
Dass sie einen guten Lauf nach dem anderen in die Bahn legen kann, kommt unerwartet. Vor allem darum, weil in ihrem Set-up vieles anders geworden ist. Maag findet die Umwälzung gar so gross, dass sie sagt: «Es ist das Jahr der Veränderungen.»
Logisch ist das auf den ersten Blick nicht. Schliesslich hat die Ende November 26 Jahre alt werdende Sportlerin den besten Winter ihrer Karriere hinter sich.
Es läuft ihr, aber sie hadert doch
Nach zwei schwierigen Jahren platzt Maags Knoten letzte Saison. Sie hält sich erstmals überhaupt immer in der Gesetztenliste und hat so ihren Startplatz in den Einzelrennen immer auf sicher. Sechsmal fährt sie in die Top Ten – so häufig wie noch nie. Die Konstanz macht sich bezahlt. Im Gesamtweltcup erklimmt Maag mit Platz 10 neue Höhen.
«Megahappy» macht sie das alles. Trotzdem hadert die Oberländerin, weil sie bei jedem Start auf die Schnellsten rund sechs Hundertstel verliert. Das mag nach wenig tönen, im Rodeln aber ist das eine kleine Weltreise. Und für die restliche Fahrt ein Handicap.
Das hat vieles bei mir aufgewirbelt.
Natalie Maag
Die Olympia-Neunte von Peking 2022 realisiert: Beim Start gelingen ihr keine Fortschritte mehr. Ohne solche aber ist der Weg nach oben in der Rangliste versperrt. «Das hat vieles bei mir aufgewirbelt», sagt die im deutschen Team integrierte Rodlerin.
Sie ist sich im Klaren: Im Athletiktraining muss sie neue Wege gehen. Maag tut sich darum im Frühling mit Daniela Mühlebach zusammen. Der Wechsel zur ehemaligen Schweizer Leichtathletin zahlt sich aus. Das zeigen auch die jüngsten Tests. Maags Athletikwerte sind besser geworden. «Viel besser», sagt sie vergnügt.
Die Neuausrichtung strahlt bis nach Oberhof aus, wo die Wernetshauserin stationiert ist. Statt wie anhin mit den anderen Rodlerinnen an der Physis zu feilen, trainiert Maag jetzt nach Mühlebachs Plänen. Ihre Sorgen, dass einige im Team den Sonderzug vielleicht nicht goutieren, erweisen sich als unbegründet.
Wie immer hat sie kein Ziel
Im Prinzip wären das alles schon genug Umwälzungen, um das Jahr der Veränderungen auszurufen. Aber da ist noch mehr.
Maag hat am Stützpunkt mit Andi Langenhan einen neuen Coach erhalten. Sie hat ein Studium (Betriebswirtschafterin) begonnen, «um etwas für den Kopf zu machen». Und das freut sie besonders: Erstmals gehört Maag dem deutschen A-Team an.
In einem Punkt aber hat sich die Schweizer Rodel-Solistin nicht geändert: Auf ein konkretes Saisonziel will sie sich nicht festlegen. Maag sagt: «Ich nehme es vorzu.»
Das soll ihr helfen, sich nicht zu stark unter Druck zu setzen. Ein oder zwei Plätze von ihrem 10. Rang vorzurücken im Gesamtweltcup, «das würde ich schon nehmen», gibt Maag zu. Die Aussichten in dieser Hinsicht könnten schlechter sein.
Mit Dajana Eitberger und Andrea Voetter haben zwei Fahrerinnen aus den letztjährigen Top Ten sich dazu entschieden, künftig nur noch im Doppel anzutreten. Anderseits weckt Maags jüngste Entwicklung Hoffnungen auf den nächsten Entwicklungsschritt.
Am zweiten Dezemberwochenende erhält Maag beim Weltcup-Auftakt in den USA einen ersten Eindruck, was die vielen guten Trainingsfahrten wert sind. Die Bahn in Lake Placid ist anspruchsvoll.
Maag fährt gerne auf dieser. «Es geht da voll ab», schwärmt sie. Und hofft, wie in den letzten Wochen ihre Konkurrenz verblüffen zu können.
