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Eine Bäretswilerin sucht ihr Curling-Glück in Italien

Elena Mathis vertrat die Schweiz als Juniorin an der WM. Nun wechselt sie die Nation. Warum?

Trikolore statt Schweizerkreuz: Elena Mathis spielt neu für das italienische Nationalteam.

Foto: Sandrine Wyrich

Eine Bäretswilerin sucht ihr Curling-Glück in Italien

Nationenwechsel von Elena Mathis

Elena Mathis spielt neu für das Nationalteam ihrer zweiten Heimat Italien. Dort hofft sie auf mehr Möglichkeiten als in der Schweiz.

Die Curling-Welt ist klein und familiär, man kennt sich und hält den «Spirit of Curling» hoch. Fairness und Anstand werden darin grossgeschrieben. Es ist eine heile Welt – oder will zumindest eine sein.

Doch im Schweizer Frauencurling war zuletzt nicht alles so heil. Personelle Wechsel sorgten für Missmut und Diskussionen – und das vorerst letzte Kapitel in dieser Geschichte schrieb Elena Mathis.

Seit Anfang August spielt die Bäretswilerin nämlich für das italienische Nationalteam. «Ich fragte mich: Wo finde ich das beste Umfeld, um erfolgreich Curling zu spielen? Wo sind meine Chancen am besten? Das war in der Schweiz nicht der Fall», sagt die 24-Jährige.

Elena Mathis ist Doppelbürgerin, die Familie ihrer Mutter stammt aus Laviano, einem kleinen Dorf in der süditalienischen Region Kampanien. Sportlich war die Oberländerin bisher durch und durch Schweizerin, dreimal trug sie an Juniorinnen-Weltmeisterschaften das Nationaldress, und bei der Elite kam sie im Frühling 2022 dem nationalen Meistertitel und der damit verbundenen WM-Qualifikation sehr nah. Mit dem Team St. Moritz verlor sie die Best-of-3-Finalserie 1:2 gegen die Weltklasse-Equipe von Silvana Tirinzoni.

Elena Mathis
Da war sie fast an der nationalen Spitze: Elena Mathis im Final der SM 2022 mit dem Team St. Moritz.

Seither ist viel passiert. Das Team St. Moritz hat sich diesen Frühling nach Differenzen aufgelöst. Zusammen mit dem langjährigen Skip Selina Witschonke wechselte Mathis nach Bern ins Team von Skip Michèle Jäggi – das war zu diesem Zeitpunkt die auf dem 20. Weltranglistenrang nominell zweitbeste Schweizer Equipe.

Doch dann verliess Witschonke das Team noch vor dem ersten Turnier und folgte dem Ruf von Silvana Tirinzoni, die sich nach dem vierten WM-Titel in Serie noch während der Saison von Briar Schwaller-Hürlimann getrennt hatte.

Für Mathis, die zuvor lange mit Witschonke zusammengespielt hatte, hatte sich die Ausgangslage im Team Jäggi damit deutlich verkompliziert. Es stand nicht einfach rasch ein valabler Ersatz bereit, das Ziel Olympia 2026 rückte in weite Ferne. «Es war eine neue Situation für mich», sagt sie.

Mit den Italienerinnen gab es schon vorher immer wieder mal Kontakt. Die Trainerin des Teams lebt in der Schweiz. Mathis sagt: «Man kennt sich in der Szene. Die Option ergab sich.» Doch leichtfertig traf die Bäretswilerin den Wechsel-Entscheid nicht. «Es war nicht nur eine Frage von ein paar Tagen, ich hatte Respekt vor diesem Schritt.»

Ich bin im Schweizer Sport aufgewachsen und habe hier meine Wurzeln. Ich musste es mir sehr gut überlegen.

Elena Mathis

Denn sie gibt einiges auf. Nicht nur ihr gewohntes Umfeld im Schweizer Curling, wo sie sich durchaus geborgen fühlte. Auch in finanzieller Hinsicht: Mathis und zwei Teamkolleginnen absolvierten im Winter 2020/2021 als erste Schweizer Curlerinnen die Spitzensport-RS. Seither wurde sie von der Spitzensportförderung der Armee finanziell unterstützt. «Ich bin im Schweizer Sport aufgewachsen und habe hier meine Wurzeln. Ich musste es mir sehr gut überlegen.»

Ihr neues Team, der CC Cortina Dolomiti von Skip Stefania Constantini, geniesst in Italien Nationalteam-Status. Das ist für Mathis ein entscheidender Faktor. Der italienische Eissportverband finanziert viel, der Klub unterstützt die Equipe ebenso. Und es eröffnet ihr per sofort die Perspektive von WM- und EM-Teilnahmen. Vor allem aber eine grosse Chance auf ein Ticket für die Olympischen Spiele 2026 in Cortina d’Ampezzo, wo das Team beheimatet ist.

Curling Elena Mathis
Elena Mathis (links) mit ihren neuen Teamkolleginnen Giulia Zardini Lacedelli, Angela Romei, Marta Lo Deserto und Stefania Constantini.

Als Gastgeber ist Italien bereits qualifiziert. Zwar stehen noch Selektionen aus – aber wenn alles normal läuft, dürfte die Equipe das Ticket auf sicher haben. Zu gering ist die Konkurrenz im eigenen Land. Und Skip Constantini ist eine der erfolgreichsten italienischen Curlerinnen. Sie gewann an den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking Gold in Mixed Doubles und führte ihr Team an der letzten WM auf den 5. Rang. Besser war noch nie ein italienisches Frauenteam an Weltmeisterschaften klassiert.

Und doch ist das Team noch jung – die jüngste Spielerin ist 20, die älteste 26 – und damit entwicklungsfähig. Im Curling ist die Routine ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor. «Es ist eine spannende Kombination», findet die Bäretswilerin.

Sie macht keinen Hehl daraus, dass das Schweizer Qualifikationssystem für Olympia 2026 in ihren Überlegungen eine Rolle spielte – weil darin Tirinzonis Equipe wohl bereits uneinholbar in Front liegt.

Solchen Stimmen gebe ich kein Gewicht.

Elena Mathis

Die Reaktionen, die Mathis nach Bekanntwerden ihres Wechsels direkt erhielt, waren durchwegs positiv. «Viele fanden, es sei mutig und ich müsse diese Chance packen.» Dass es auch Leute gibt, die weniger Verständnis dafür aufbringen, ist ihr bewusst.

Sie erzählt, jemand habe sie als Witz gefragt, ob sie nun die Unterstützungsbeiträge der Armee zurückzahlen müsse. Mathis sagt: «Solchen Stimmen gebe ich kein Gewicht. Ich musste abwägen, wo meine Chancen mit meinem Aufwand am besten zu vereinbaren sind. Und das ist in Italien.»

Wobei sie ihren Lebensmittelpunkt nicht nach Italien verlegt. Sie bleibt in der Schweiz, trainiert hier – unter anderem auch in Wetzikon. «Ich werde flexibel sein müssen», sagt sie, «aber während der Saison ist man ohnehin viel auf Reisen.» Nach einigen Turnieren in Europa wird das Team den ganzen Oktober in Kanada verbringen, bevor im November die EM in Schottland ansteht.

Die Coaches sagen, wer wo spielt – das ist neu für sie

Bis dann wird sich vielleicht auch schon herauskristallisieren, welche Position Mathis im neuen Team einnimmt. Derzeit ist die Rollenverteilung noch ziemlich offen. Einzig Constantini als Skip scheint gesetzt. «Sie ist strategisch der Kopf des Teams», sagt Mathis. In nächster Zeit sollen verschiedene Formationen getestet und die beste Konstellation gefunden werden.

Neu ist für Mathis, dass die Coaches die Aufstellung festlegen. Sie findet das spannend: «Ich schätze es, dass das eine neutrale Person aus der Aussenperspektive tut. Es hat zwar auch Vorteile, wenn die Spielerinnen das unter sich ausmachen – aber das ist auch nicht immer einfach.»

An den ersten beiden Turnieren spielte sie als Third – diese Position bekleidete sie in den letzten Jahren in St. Moritz. Sportlich funktionierte es mit einem 2. und einem 11. Rang durchzogen. Doch die Equipe trainiert ja auch erst seit August zusammen.

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