Die Goldjagd packt er ohne Taktik an
Duathlet Jens-Michael Gossauer
Jens-Michael Gossauer vom LC Uster zählt an der Langdistanz-WM zu den Favoriten. Schlägt nach zweimal Silber jetzt seine grosse Stunde?
Die letzten beiden Weltmeister sind am Start. Und gehören erneut zu den Titelanwärtern. Zum Favoritenkreis zählt für die Veranstalter der Langdistanz-WM in Zofingen auch Jens-Michael Gossauer, den sie als Schweizer Trumpf bezeichnen.
Der Athlet des LC Uster würde sich selber zwar kaum so betiteln – er ist kein Mann von markigen Worten. Aus dem Kreis der Medaillenkandidaten wegreden kann er sich allerdings nicht. Das ist sich die Nummer 15 der Welt im Klaren. Dafür waren seine Resultate in den letzten Jahren in Zofingen zu gut.
Zweimal wurde Gossauer Vize-Weltmeister über die Langdistanz, 2019 und 2021. Und so sagt er zur Ausgangslage vor dem Rennen am Sonntag: «Wenn man zweimal Zweiter wird, will man irgendwann gewinnen. Aber ist das realistisch dieses Jahr?»
Dann ergänzt er: «Ich gehe sicher so ins Rennen rein, dass es nach ganz vorne reichen würde.»
Wie gut seine Chancen stehen, sich WM-Gold zu schnappen, kann Gossauer nicht einschätzen. Aus verschiedenen Gründen.
Die angezogene Handbremse
Er findet zwar, dass das Feld rein von den Namen her stärker besetzt ist als in den Vorjahren. Wer aber tatsächlich am Start steht, kann er nicht beeinflussen. Ebenso die Verfassung der Konkurrenten.
Kommt hinzu, dass sich Gossauer schwer damit tut, seine Form einzuschätzen. Er hat das Gefühl, das ganze Jahr über im Training mit angezogener Handbremse unterwegs gewesen zu sein.
«Entweder muss ich hinterher eingestehen, ich habe zu wenig trainiert. Oder ich habe alles richtig gemacht, indem ich die Körner sparte.»
Der Wettkampf beinhaltet viele Unwägbarkeiten, die eine Prognose schwierig machen. Beispielsweise das Wetter, ob er ohne technische Defekte bleibt – oder für ihn ebenfalls entscheidend: Wie gut es mit der Wettkampfernährung klappt.
Gossauer bestreitet jeweils kein anderes, nur schon ähnlich langes Rennen wie jenes an der WM. Die zwei Laufstrecken (10 und 30 km) sind zusammengezählt fast gleich lang wie ein Marathon. Dazu kommen die 150 km auf dem Rad.
Erneut wird Gossauer über sechs Stunden lang unterwegs sein. In dieser Zeit kann viel passieren. Der LCU-Athlet verzichtet darum darauf, taktische Pläne zu schmieden.
Die coupierte Strecke hilft
Mit seinem 80-Prozent-Pensum als Physiotherapeut arbeitet er wohl weit mehr als der Grossteil der Athleten mit Podestchancen. Und hat beim Material sowie bei den Sponsoren nicht dieselben Voraussetzungen wie andere Topathleten. «Aber ich suche das auch nicht», sagt Gossauer.
Der 30-Jährige schätzt die Unabhängigkeit, ist zufrieden mit seinem Set-up und macht das Beste aus seinen Möglichkeiten. Zugleich profitiert er von den Verhältnissen in Zofingen, wo die WM zum bereits zwölften Mal in Serie stattfindet.
Hier kann man nicht mehr mit Druck laufen, es ist eher eine Art bergauf schleichen.
Jens-Michael Gossauer
Die anspruchsvolle Laufstrecke ist coupiert. Das kommt Gossauer entgegen, der sich selber im Flachen nicht zu den schnellsten Läufern zählt.
Zuletzt hat Gossauer den 5-Tage-Berglauf-Cup für sich entschieden. Eine konkrete Vorbereitung auf die WM waren die kurzen, aber knackigen Bergrennen im Zürcher Oberland nicht, wie er sagt. An der WM ist im entscheidenden zweiten Lauf ein anderer Schritt gefragt.
«Hier kann man nicht mehr mit Druck laufen», sagt Gossauer, «es ist eher eine Art bergauf schleichen.» Die Einsätze am 5-Tage-Berglauf-Cup erachtet er dennoch als wertvoll. «Der Sieg gibt mir Selbstvertrauen.»
Geduld als zentraler Faktor
Gossauer sagt vor seinem wichtigsten Rennen der Saison zu seinem Ansatz: «Ich muss mit meinen Fähigkeiten geduldig und zurückhaltend sein.»
Was das heisst? Der Duathlet darf sich nicht zu stark vom Adrenalin und von den Emotionen leiten lassen. Wie im Vorjahr, als er auf dem Velo überbordete und das WM-Rennen auf Rang 6 beendete.
Für einen Spitzenplatz muss die körperliche Verfassung stimmen, das ist klar. Matchentscheidend aber ist letztlich die mentale Stärke.
Gossauer formuliert es so: «In Zofingen wurde noch nie jemand schneller im zweiten Lauf. Es geht einzig darum: Wer wird weniger langsam?»
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