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«Reiz es nicht aus, dein Schutzengel hatte genug Arbeit»

Die beste Ultracyclerin der Welt im Interview: Das sagt Nicole Reist über ihren Rücktritt.

Nicole Reist verbrachte jede freie Minute auf dem Velo. In die Ecke stellt sie es auch nach ihrem Rücktritt nicht.

Foto: PD

«Reiz es nicht aus, dein Schutzengel hatte genug Arbeit»

Weisslinger Ultracyclerin im Abschiedsinterview

Zwölf Jahre lang blieb Ultracyclerin Nicole Reist (39) ungeschlagen. Die Weisslingerin spricht über ihren Rücktritt, ihre Zukunft – und ihre Ersatzdroge.

Jahrelang waren Sie die Dominatorin im Ultracycling-Sport. Nun hören Sie auf. Wissen Sie, wie viele Kilometer und Höhenmeter in all den Jahren zusammengekommen sind?

Nicole Reist: Lustigerweise habe ich erst kürzlich ausgerechnet, dass ich seit etwa 50’000 Kilometern und 600’000 Höhenmetern ungeschlagen bin. Also in den letzten zwölf Jahren – und ich fuhr ja schon vorher Rennen.

Die tatsächliche Zahl ist also noch höher. Was löst es in Ihnen aus, wenn Sie sich diese Zahlen vor Augen führen?

Puh, das ist schon ziemlich viel! Auch die zwölf Jahre und 22 Rennen dauernde Ungeschlagenheit. Ich bin mir bis heute nicht wirklich bewusst, was das eigentlich für eine Leistung ist.

Das muss Ihnen auch zuerst mal jemand nachmachen.

(Lacht.) Ja, ich gehe davon aus, dass diese Marke einen Moment besteht. Von aussen wird an mich herangetragen, das sei doch wahnsinnig und gigantisch. Doch ich habe ja nur das gemacht, was ich gerne mache. Es ist ein Privileg, meine Leidenschaft in diesem Ausmass leben zu dürfen. Ich hatte mir nie zum Ziel gesetzt: Ich will zwölf Jahre ungeschlagen bleiben. Ich wollte einfach immer besser werden. Dass mich niemand schlug, ist halt so (lacht). Ich habe meine Saisonplanung auch nicht danach ausgerichtet, wer an welchem Rennen startet. Ich wollte einfach immer das Optimum herausholen. Hätte mich jemand bezwungen, dann wäre es halt so gewesen.

Das lässt sich jetzt natürlich leicht sagen. Spielte das Risiko, bezwungen zu werden, in Ihren Rücktrittsgedanken gar keine Rolle?

Doch, natürlich. So ehrgeizig bin ich, so ehrlich muss ich sein: Das war ein Ziel von mir, und es hat zu meinem Rücktritt beigetragen. Ich wollte ungeschlagen zurücktreten. Zwölf Jahre und 22 Rennen war ich ungeschlagen. Und die Chance, bezwungen zu werden, gibt es bei jedem Rennen. Es gibt immer Athletinnen, die diese Fähigkeit haben. Ich bin nicht unantastbar.

Nicole Reist stammt aus Tann und lebt in Weisslingen. Vergangenen Sonntag holte die 39-Jährige am Race Around Poland ihren fünften Weltmeistertitel. Danach trat sie zurück, obschon sie in dieser Saison eigentlich noch einen Start am Race Around Austria geplant hatte. Ultracycling-Rennen bestritt Reist seit 2005. Seit 2012 blieb sie dabei unbezwungen und gewann unter anderem dreimal das Race Across America, das als härtestes Rennen der Welt gilt. Den Sport betrieb Reist stets neben einer Vollzeitstelle als Hochbautechnikerin in einem Architekturbüro. (fbo)

Wann haben Sie denn gemerkt: Jetzt ist genug? War das irgendwann auf dem Velo während des Race Around Poland unterwegs zum WM-Titel?

Es ist nicht so, dass ich im Rennen das Gefühl gehabt hätte: Ich bin müde, ich mag nicht mehr, es tut mir alles weh, und ich habe jetzt genug. Vielleicht macht es gegen aussen den Anschein, aber es war überhaupt nicht so. Ich habe mich schon seit Monaten mit dem Gedanken auseinandergesetzt. Dann begann die Saison, in Dänemark gings einigermassen gut – und trotzdem dachte ich: Ist es wirklich noch das, was ich will? Ganz früh im Rennen in Polen sagte ich mir dann: Es wäre schön, jetzt mit dem Weltmeistertitel abzuschliessen. Innerlich sagte mir eine Stimme: «Es ist gut, wie es ist. Du kannst nicht mehr erreichen.» Das war der Schlussstrich. Dann informierte ich das Team.

Der Rücktritt kommt gegen aussen sehr überraschend – für das Team auch?

Das Team ist gleichzeitig mein engstes Umfeld, es ist meine Familie geworden, wir werden auch weiterhin Teamweekends machen. Sie wussten, dass ich mit diesen Gedanken kämpfe. Es kam also nicht aus dem Nichts. Aber zu einem Zeitpunkt, zu dem niemand damit rechnete.

Wann haben Sie erstmals an den Rücktritt gedacht?

Ich hatte schon lange im Kopf: Nach dem dritten Race Across America (RAAM) ist es Zeit aufzuhören. Doch diese dritte Teilnahme verzögerte sich, auch wegen Corona. Und ich hatte immer noch diese Motivation und dieses Feuer in mir drin. Ich fragte mich: Wieso soll ich aufhören, wenn ich noch so viel Motivation verspüre? Egal, ob ich erfolgreich bin oder nicht: Solange das Feuer brennt, mache ich weiter.

Und dann kam dieses RAAM 2022, in dem Sie lange führten, sich in der Schlussphase aber bei einem Sturz verletzten und noch von zwei Männern überholt wurden.

In Amerika letztes Jahr hat sich tatsächlich einiges verändert. Ich machte mir Gedanken bezüglich der Sicherheit. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es vieles gibt, was weniger sicher ist als unser Sport. Im Rennen bin ich ja ständig begleitet, während es im Training schon passieren kann, dass ich irgendwo ohne Hilfe liegen bleibe. Aber ich bin an Grenzen gegangen, mit der Müdigkeit, der Überanstrengung – das bringt ein Gefahrenpotenzial mit sich. Und das bin ich nicht mehr bereit einzugehen. Ich werde auch älter – manche sagen, es habe damit zu tun. Die 40 kommt näher (lacht). Ich weiss es nicht.

Mit dem Alter steigt auch der physische Verschleiss. Hat Ihr Körper Ihnen Signale geschickt, dass er nicht weitermachen will?

Ich muss nicht aufhören, weil mein Körper mir das sagt. Aber ich merke, dass ich je länger, je mehr Zeit brauche für die Regeneration. Der Körper meldet sich schneller. Ich will aber selber bestimmen, wann ich aufhöre – und nicht warten, bis der Körper sagt: Jetzt kannst du nicht mehr. Dieser Grat wird immer schmaler.

Sie wollten nicht, dass der Körper Ihnen die Grenzen aufzeigt. Sprach das auch dagegen, noch einmal in Österreich zu starten, ein Abschiedsrennen zu bestreiten?

Einerseits muss ich sagen, dass ich in drei Wochen gesundheitlich nicht in Topverfassung wäre. Ich bin überzeugt, dass ich das Ziel erreicht hätte – ich habe ein geniales Team und genügend Erfahrung. Aber es wäre nicht mein Niveau. Dazu kommt etwas, das ich nicht erklären kann. Etwas in mir sagte: «Fahr Österreich nicht mehr.» Nach dem Motto: «Reiz es nicht aus, dein Schutzengel hatte genug Arbeit.» Das war ein Bauchgefühl.

Eigentlich sollte 2023 ja ein Zwischenjahr sein. Sie wollten 2024 noch einmal das RAAM bestreiten – und den Gesamtsieg holen, auch vor allen Männern. Bleibt die Karriere unvollendet?

Das stimmt, ich habe dieses Ziel lange gefühlt und gelebt, aber will dem Sport nicht mehr alles unterordnen. Und um dieses Ziel zu erreichen, hätte ich noch einmal ein Jahr alles um den Sport herum planen müssen. Den Alltag, den Beruf, das Privatleben. Ich bin nicht mehr bereit, dem Sport diese Wichtigkeit zu geben. Und so ist dieses Ziel nicht mehr realisierbar. Und böse gesagt: Was hätte ich davon, wenn ich das auch noch umsetze? Es soll nicht arrogant klingen, aber ich habe schon so viel erreicht. Für einen Titel mehr oder weniger ist es mir das nicht wert.

Sie müssen ja auch niemandem mehr etwas beweisen. Was haben Sie nun für Pläne?

Zuerst einmal ins normale Leben zurückzufinden (lacht).

Wie gelingt das?

Ich werde nicht mehr so früh aufstehen. Mein Wecker klingelte jeweils um halb zwei fürs erste Training. Das werde ich definitiv nicht vermissen. Am meisten freue ich mich auf die Zeit mit meinem Umfeld und in der Partnerschaft. Bisher hat sich mein soziales Umfeld nur nach mir gerichtet. Sie waren froh, wenn sie mich überhaupt mal sahen. Das ändert sich nun. Und ich lege den Fokus auf meinen Beruf. Ich habe immer extrem gerne gearbeitet und habe einen tollen Job, wo ich mich nach einem Stellenwechsel jetzt auch weiterentwickeln kann. Das motiviert mich. Und ich muss mich nach dem Rücktritt nicht fragen, was ich wohl tun könnte.

Wahrscheinlich geht es nun nicht lange, und ich frage mich selber: Wie konnte das überhaupt funktionieren?

Nicole Reist

Was für eine Rolle spielt künftig der Sport?

Der wird immer ein Teil sein von mir. Ich habe 40 bis 50 Stunden pro Woche trainiert und kann nun nicht sagen: Ab sofort mache ich gar nichts mehr. Das wäre ganz schlimm für den Körper. Ich werde weiterhin noch allein trainieren, ich bin ein Mensch, der Zeit für sich braucht. Aber ich bin sicher mehr mit Kollegen unterwegs, gehe biken, wandern – was auch immer. Auch mal mit einem Kaffeehalt, das gab es bisher ja auch nie.

Einen Trainingsplan gab es dafür immer. Auch jetzt noch?

Ja, einen Grobplan, damit ich weiss, welches Minimum ich machen muss, um gesund auf ein gutes Mass herunterzufahren. Es werden weiterhin 25 bis 30 Stunden pro Woche sein.

Für andere ist das ein massives Pensum.

Ja, einige werden sagen: Wie bitte? Ich habe aber das Gefühl, das sei nichts! Bisher trainierte ich halt in jeder freien Minute, wenn ich nicht am Arbeiten oder am Schlafen war. Wahrscheinlich geht es nun nicht lange, und ich frage mich selber: Wie konnte das überhaupt funktionieren?

Sie waren es gewohnt, Grenzen zu verschieben, setzten sich Jahr für Jahr sehr hohe Ziele. Brauchen Sie nun eine Ersatzdroge?

(Lacht.) Das wird sich zeigen. Ich hoffe nicht, dass ich wieder in etwas Extremes komme. Nicht, dass das Extreme negativ gewesen wäre. Es stimmte für mich absolut, ich will keinen Moment missen. Oft sagten Leute: Du hast ja kein Leben, das geht ja nicht.

Was haben Sie jenen Leuten geantwortet?

Ich fand immer: Doch, für mich stimmts. Ich machte es freiwillig und aus tiefster Überzeugung, und es liegt in meinem Naturell zu sagen: Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Aber ich glaube, es ist Zeit, die Dinge etwas breiter gefächert zu sehen. Vielleicht lasse ich künftig auch einmal eine Fünf gerade sein und sage mir: Es ist schon in Ordnung so.

Was war Ihre grösste Leistung in all den Jahren?

Dass ich jedes Mal Teams zusammenbrachte, die das Feuer, das in mir brannte, übernommen haben. Die Weitergabe dieser Faszination an teilweise fremde Leute, die während des Rennens zur Familie werden – ich glaube, das ist die grösste Leistung. Ich habe nie nachgezählt, aber über die Jahre waren das sicher weit über 100 verschiedene Personen. Ohne sie hätte ich keinen Erfolg gehabt. Das ist der Grundstein. Zwölf Jahre lang hatte ich immer ein Team, das mitzog. Das ist nicht selbstverständlich. Denn auch ein Team kommt an seine Grenzen.

Ultracyclerin Nicole Reist (Weisslingen) und ihr Team
Nicole Reist und ihr aktuelles Team: Über 100 verschiedene Personen unterstützten die Weisslingerin während ihrer Karriere.

Sie haben unfassbare Leistungen erbracht und gleichzeitig immer Vollzeit gearbeitet. Ist es nicht frustrierend, dass Sie mit dem Sport kein Geld verdienen können?

Einerseits schon. Wenn angefragte Sponsoren kein Interesse zeigen und man sich fragt: Was soll ich euch denn noch vorlegen? Ich kann ja nicht mehr erreichen, als ich erreicht habe. Es gibt nicht mehr Titel. Auf der anderen Seite habe ich meinen Sport nie aus finanziellem Ansporn ausgeübt. Und es ist irgendwo schön zu wissen: Es ist völlig egal, ob ich Erfolg habe oder nicht. Ich muss nicht davon leben. Wenn der Sport zur Existenz wird, dann kann der Druck unglaublich gross werden.

Werden Sie dem Ultracycling erhalten bleiben – und wenn ja, in was für einer Rolle?

Ich kann mir vorstellen, von der Athletin zur Betreuerin zu werden. Ich kenne den Ultrasport sehr gut, aber gleichzeitig kenne ihn eben auch nicht.

Wie meinen Sie das?

Ich weiss, was es bedeutet, Athletin zu sein. Was es bedeutet, hinter der Athletin herzufahren, weiss ich nicht. Lange reizte mich das auch nicht. Nun bin ich aber an einem Punkt, an dem ich finde: Um den ganzen Sport in seiner Komplexität zu verstehen, würde ich gerne als Betreuerin in einem Rennen sein. Die Aufgaben des Teams kenne ich nur im Groben. Was es wirklich leistete, wurde immer von mir ferngehalten. Das Team hielt mir den Rücken frei – das brauchte ich auch. Inzwischen möchte ich auch diese Rolle noch eins zu eins erleben. Ich bin überzeugt: Hinten im Auto zu sein und die Verantwortung für einen Athleten zu tragen, ist der härtere Job, als auf dem Velo zu sitzen.

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