Warum man Sauber noch nicht abschreiben darf
Halbzeit in der Formel 1
Der GP von Ungarn war ein Tiefpunkt für das Hinwiler Team Alfa Romeo. Und doch ist nicht alles schlecht. Unsere Halbzeitbilanz.
Vielleicht denken sie beim Hinwiler Team Alfa Romeo Ende Saison an dieses blamable Rennen in Ungarn zurück. Und fragen sich: Wo wären wir wohl, wenn wir dort gepunktet hätten? Wenn Zhou Guanyu nicht auf seinem 5. Startplatz stehen geblieben wäre und sowohl sein Rennen als auch jenes des direkt hinter ihm gestarteten Valtteri Bottas zerstört hätte?
Der Grund für das Malheur am Start soll mit dem Bremssystem zu tun haben, das zumindest heisst es im Communiqué des Teams. «Alles, was wir am Samstag erreicht hatten, war damit wieder weg», sagt Xevi Pujolar, der Leitende Ingenieur an der Rennstrecke. Der Samstag war sensationell mit beiden Autos in den Top Ten des Qualifyings. Doch die Rennpace des C43 war am Sonntag dann nicht so gut, um sich in die Punkteränge zurückzukämpfen.
Sie sind die grossen Verlierer der ersten Saisonhälfte
Mit einigermassen brauchbaren Starts wären Punkte dennoch realistisch gewesen. Die Ränge neun und zehn wären dringelegen – und die Hinwiler hätten sich mit drei Zählern vom neunten auf den siebten WM-Rang verbessert.
So aber gehört Sauber nicht nur zu den grossen Verlierern des GP von Ungarn, sondern auch der ersten Saisonhälfte. Nach 11 von 22 Rennen ist nur AlphaTauri in der WM schlechter klassiert.
Lange machten sie in Hinwil gute Miene zum schwachen Spiel, mehr als einmal nahm Valtteri Bottas die Worte in den Mund: «Die Saison ist ja noch lang.» Sie wurde und wird aber immer kürzer – und es wurde bisher nicht entscheidend besser. Sauber liegt hinter den eigenen Erwartungen zurück. Doch ist alles so schlecht, wie es gerade den Anschein macht? Unsere Zwischenbilanz in vier Punkten.
Die Starts
Schlimmer konnte es ja gar nicht werden: Niemand verlor in der Saison 2022 in der Startrunde mehr Ränge als die beiden Sauber-Piloten Zhou Guanyu (minus 20) und Valtteri Bottas (minus 39). Die Performance in der ersten Runde sollte deutlich besser werden – sollte.
In Tat und Wahrheit belegen Bottas (minus 10) und Zhou (minus 11) bei Hälfte des Pensums wieder fast die hintersten Ränge – nur Esteban Ocon im Alpine hat bisher in den Startrunden die schlechtere Bilanz (minus 13).

Allerdings verzerrt das Ungarn-Debakel das Bild hier deutlich. Vorher hatte Zhou etwa eine ausgeglichene Bilanz, während Bottas bei minus fünf stand. 12. und 15. waren sie mit dieser Bilanz – das ist zwar noch lange nicht gut, aber eine klare Steigerung.
Die Zuverlässigkeit
So oft wie 2022 blieb noch kaum je ein Sauber-Bolide mit technischen Problemen stehen. Auch dieses Manko sollte in dieser Saison behoben werden. Und das hat augenscheinlich funktioniert. Lediglich einmal – Zhou Guanyu in Baku – blieb ein C43-Ferrari aus technischen Gründen stehen. Zum selben Zeitpunkt in der letzten Saison waren es bereits fünf technische Ausfälle gewesen.
Auch hier gibt es noch Luft nach oben – was gerade bei Zhou sichtbar wurde. Nicht nur in Ungarn am Start bockte die Technik beim Chinesen, sondern auch zwei Wochen zuvor in Silverstone, als er eine komplette Trainingssession verpasste.
In dieser Saison taugt die Zuverlässigkeit zwar nicht per se als Sündenbock – doch Fehler wie jener in Ungarn kosten indirekt auch WM-Punkte.
Die Updates
Valtteri Bottas ging es im letzten Jahr zu wenig schnell mit der Weiterentwicklung des Autos. Vor dieser Saison sagte er: «Wir haben nun mehr Manpower und können schneller neue Teile bringen.»
Tatsächlich verging kaum ein Rennwochenende, ohne dass der C43 Veränderungen erfuhr. Weil die Teams alle Updates melden müssen, lässt sich das ziemlich gut nachverfolgen. Bis zum GP von Ungarn lag Alfa Romeo mit 23 deklarierten Updates gut bei den Leuten – wobei allein die Menge der neuen Teile natürlich noch nichts über den Performancegewinn aussagt.
Schliesslich geht es darum, die Schwächen am Auto zu beheben. Den Hinwilern gelang das nur bedingt. Das im vorletzten Rennen in Silverstone eingeführte grosse Update mit einem überarbeiteten Unterboden trug zuletzt in Ungarn zwar Früchte – doch der Schein kann trügen: Das grosse Manko des C43 sind schnelle Kurven und Geraden. Von beidem gibt es in Ungarn nicht gerade viel.
Strecken wie der Hungaroring oder auch Monaco mit langsameren Kurven und kürzeren Geraden kommen den Hinwilern entgegen – doch davon gibt es in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr viele. Zandvoort und Singapur vielleicht noch. Doch womöglich hat Sauber am letzten Wochenende seine beste Chance nicht genutzt.
Die Perspektiven
Kurzfristig sind sie nicht gut. Im GP von Belgien am Wochenende müsste wohl das nackte Chaos ausbrechen, damit die Hinwiler ihre WM-Position verbessern könnten. «Spa ist für uns wieder auf der anderen Seite der Skala», sagt Bottas denn auch. Mehrere längere Geraden und schnelle Kurven zeichnen die Traditionsstrecke in den Ardennen aus. Und für Sauber gibt es erst nach der vierwöchigen Sommerpause wieder neue Teile. «Wir haben noch einige Upgrades in der Pipeline», bestätigte Chefingenieur Xevi Pujolar letzte Woche.

Doch noch darf man die Hinwiler nicht abschreiben. Denn die erste Saisonhälfte hat auch gezeigt: Die Abstände sind sehr gering. In Ungarn betrug die Differenz zwischen Rang 5 und 10 im dritten Teil des Qualifyings nicht einmal zwei Zehntelsekunden. Manchmal können auch wenige Hundertstelsekunden mehrere Ränge ausmachen. Eng ist es auch in der WM: Zwei Zähler (also zwei zehnte Plätze) liegt Sauber hinter dem 7. Rang – er war zu Saisonbeginn das realistische Ziel und bleibt es auch. Wenn das Team Chancen wie jene in Ungarn nicht mehr ungenutzt verstreichen lässt.
