Sie lässt sich nicht unterkriegen
Para-Sprinterin aus Wila
An der Para-Leichtathletik-WM feiert die Schweiz Erfolge – ohne Abassia Rahmani. Die Sprinterin aus Wila bleibt trotz langer Durststrecke motiviert.
Die Erfolgsmeldungen trudeln regelmässig ein. Schon acht Medaillen hat die Schweizer Delegation an der Para-Leichtathletik-WM in Paris gewonnen.
Nur zu gerne hätte Abassia Rahmani selber auch für eine Erfolgsmeldung gesorgt. Doch die WM findet ohne sie statt. Am Tag, an dem sie eigentlich lieber in Paris über 100 m gestartet wäre, spricht die Sprinterin aus Wila über die verpasste Selektion.
Das wollte sie unmittelbar danach noch nicht tun. Sie wolle Taten statt Worte sprechen lassen, schrieb sie auf Instagram. Sprich: mit guten Zeiten auf der Bahn dem Verband beweisen, dass sie eigentlich durchaus an die WM gehört hätte.
«Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich sei nicht irritiert und frustriert gewesen», sagt Rahmani nun. Wer aber erwartet, dass sie zum grossen Rundumschlag ausholt, liegt falsch. «Der Entscheid fiel basierend auf Kriterien, das gilt es zu akzeptieren.»
13,65 Sekunden ist ihre Saisonbestleistung über 100 m. Die von Swiss Paralympic festgelegte B-Limite liegt bei 13,50 Sekunden. Rahmani findet: «Aus Athletensicht gibt es Verbesserungspotenzial bei der Festlegung der Selektionskriterien.» Ins Detail geht sie aber nicht, sondern sagt: «Das schaue ich bilateral mit den Entscheidungsträgern an.»
Diplomatie statt verbaler Zweihänder
Das sind sehr diplomatische Worte der 31-Jährigen. Sie hat soeben die Semesterprüfungen in ihrem Sportmanagement-Studium abgelegt. Das vierte von acht Semestern hat sie hinter sich – und will das erworbene Wissen dafür nutzen, den Parasport weiterzuentwickeln. Diplomatie statt (öffentlich) markige Worte dürfte dabei zwar wenig spektakulär, dafür aber zielführend sein.
Grund dafür, sich aufzuregen, gäbe es aber durchaus. Denn an der WM hätte sie in ihrer Klasse T64 nicht einmal annähernd ihre Saisonbestleistung zeigen müssen, um in den Final einzuziehen. «Sogar meine schlechteste Zeit der Saison hätte gereicht», sagt Rahmani.
Doch es geht an der WM nicht nur um die Finalchancen – auch in anderen Ländern. «Die Entwicklung geht dahin, dass die Nationen nur noch die absoluten Topathleten mit Medaillenpotenzial schicken. Und dieses habe ich momentan leider noch nicht.»
Sportlich verkraftbar – und finanziell?
Aus sportlicher Sicht ist die Nichtnominierung für sie deshalb verkraftbar. Doch im Profisport sind Sponsorenverträge leistungsbezogen – auch bei Rahmani. Da fällt es ungeachtet der Medaillenchancen finanziell ins Gewicht, ob man an einer WM teilnimmt oder nicht. «Ich habe Einbussen», bestätigt sie.
Dass sie grundsätzlich fähig ist, aufs Podest zu laufen, hat Rahmani in ihrer Karriere schon einige Male bewiesen. EM-Gold und EM-Bronze holte sie, an Weltmeisterschaften und an Paralympics wurde sie schon Vierte. Sie gehört zur Weltspitze – wenn alles passt.
Doch das war in der jüngeren Vergangenheit selten der Fall. «Ich habe einige heftige gesundheitliche Rückschläge hinter mir», sagt Rahmani. Den Grund dafür will sie nicht an die Öffentlichkeit tragen. «Ich habe es im Griff. Wichtig ist: Ich bin wieder fit», sagt sie.
Seit September letzten Jahrs kann sie wieder voll trainieren – und wer ihr zuhört, spürt ihre Motivation und die Energie. «Manchmal bin ich selber erstaunt darüber, wie motiviert ich bin», sagt sie. «Es läuft im Training einfach gut. Und ich weiss meine privilegierte Situation als Profisportlerin zu schätzen.»
Es braucht wohl noch mal ungefähr ein Jahr konstantes Training, bis ich wieder mit der Weltspitze mithalten kann.
Abassia Rahmani
Es wäre nur zu verständlich, wenn Frust und Enttäuschung mitschwingen würden über die lange Durststrecke. Denn normalerweise gibt es im Zweijahresrhythmus Weltmeisterschaften. Die letzte fand aber 2019 statt. Die ursprünglich auf 2021 angesetzte WM im japanischen Kobe wurde mehrfach verschoben – unterdessen ist sie im Mai 2024 angesetzt, also wenige Monate vor den Paralympics in Paris.
Diese sind das nächste grosse Ziel von Rahmani. Wie schnell sie dafür laufen muss, weiss sie noch nicht. Sicher ist nur: Für einen Top-4-Rang an der WM gibt es einen Quotenplatz. Rahmani möchte deshalb noch in diesem Jahr so schnell laufen, dass man gar nicht mehr über ihre nächste WM-Teilnahme diskutieren muss. «Ich will zeigen, dass meine Leistungskurve stimmt. Ich bin auf gutem Niveau. Aber es braucht wohl noch mal ungefähr ein Jahr konstantes Training, bis ich wieder mit der Weltspitze mithalten kann.»
Kommen nun die starken Zeiten?
Das eine oder andere Ausrufezeichen möchte sie aber schon vorher setzen – und eben, wie angetönt, Taten statt Worte sprechen lassen. Respektive Zeiten statt Worte. Denn die Antwort auf die Nichtselektion in Form einer Topzeit steht noch aus. Sie musste aus gesundheitlichen Gründen zuletzt gleich zwei Meetings auslassen.
«In den Trainings waren die Zeiten sehr vielversprechend», sagt Rahmani, «nur im Wettkampf konnte ich es nicht zeigen. Ich bin aber zuversichtlich, dass mir das noch dieses Jahr gelingt.»
