Für ihn ist es ein einsamer Genuss
Wetziker Trailläufer
Michael Furrer lässt am mehr als 100 km langen Swiss Irontrail mit Start und Ziel in Savognin alle hinter sich. Den Startentscheid hat er spontan gefällt.
Bin ich zu schnell los? Habe ich übertrieben? Diese Fragen schiessen Michael Furrer am Swiss Irontrail plötzlich durch den Kopf. Schon kurz nach dem Start in Savognin um fünf Uhr morgens hat sich der Wetziker von der Konkurrenz abgesetzt.
Es ist neblig, der Führende dreht sich immer mal wieder um, entdeckt aber niemanden. Bis kurz nach Bergün läuft er konzentriert weiter. Dann nimmt Furrer sich die nötige Zeit, den GPS-Tracker genau zu konsultieren. Er realisiert: Sein Vorsprung ist bereits gross.
Furrer läuft mit dem guten Gefühl weiter, niemanden unmittelbar im Nacken zu haben. Insgesamt 104,5 km ist die Strecke lang, über zehn Pässe führt sie. 6700 Höhenmeter legt Furrer zurück. Nach genau 13 Stunden, 39 Minuten und 38 Sekunden ist er im Ziel.
Die Verfolger distanziert er deutlich. Der zweitschnellste Läufer trifft über eineinhalb Stunden nach dem Oberländer in Savognin ein, beim Drittplatzierten sind es fast zwei Stunden.
Und Furrer? Der hält fest: «Es war ein Genuss.» Wie das Weizenbier, das er als Preis erhält.
Der spontane Entscheid
Längst ist Furrer wieder an der Arbeit. Er hat keinerlei muskuläre Probleme, niemand sieht ihm die Parforceleistung an. Schon vier Wochen vorher hat der Wetziker einen mehr als 100 km langen Traillauf absolviert. Zehnter wurde er am Swiss Canyon Trail im Jura.
«Es wäre mehr dringelegen», ist er hinterher nur bedingt zufrieden mit sich selber. Weil er heuer gut trainiert hat und sich frisch fühlt, entschliesst er sich kurzfristig, am Swiss Irontrail zu starten. Nach dem Motto: «Ich brauche einen zweiten Versuch.»
2022 ist das Rennen im Val Surses neu lanciert worden, auf dieses Jahr hin haben die Macher die «Königsdisziplin» T105 erschaffen. «Eine superschöne Strecke», lobt Furrer. Hat er tatsächlich viel davon mitbekommen? Der Swiss-Irontrail-Sieger lacht. Und bejaht, mit dem Verweis auf die Länge des Wettkampfs.
Man driftet im Kopf ab.
Michael Furrer, Trailläufer
In den über 13 Stunden hat er viel Zeit gehabt, um nachzudenken. Furrer erlebt die komplette Bandbreite an Emotionen, «weil man so viele Hormone ausschüttet». Das Rennen ganz vorne ist zudem eine einsame Angelegenheit, sodass er sich jeweils freut, an Verpflegungsstationen Personen anzutreffen.
Zwischen Kilometer 60 und 90 erlebt der Oberländer seine schwierigsten Momente. Befeuert von der mentalen Müdigkeit. «Es ist schwierig, das Tempo zu halten. Man driftet im Kopf ab», sagt er. Was er dagegen unternimmt? Furrer setzt auf Musik. Auf eine Dosis Powermetal – der stampfende Rhythmus treibt ihn an.
Erst vor einem Jahr hat Furrer nach einer Wettkampfpause von mehr als einem Jahrzehnt wieder begonnen, Rennen zu bestreiten. Und der 39-Jährige, der früher Marathons lief, merkt schnell: Da geht was.
Hat er sich den Sieg am Swiss Irontrail zum Ziel gesetzt? Furrer lacht und weicht elegant aus. Er hat im Vorfeld die Startliste studiert, wobei er einwirft, sich in der Trailszene gar nicht so gut auszukennen. Dann sagt der rund 20 Stunden wöchentlich trainierende Läufer: «Doch, ich hatte schon Ambitionen.»
Wettkampf und Quelle in einem
Das lässt sich auf seinem Strava-Profil, aber auch an den Vorbereitungen auf das Rennen in der hochalpinen Umgebung sehen. Trotz dem spontanen Teilnahmeentscheid, Furrer hat sich nicht einfach mal an die Startlinie gestellt, um zu sehen, was passieren wird.
Er beschäftigte sich im Vorfeld intensiv mit der Strecke, inspizierte den letzten Anstieg und Downhill vor Ort. Dann überlegte sich der Oberländer, wie lange er etwa von Checkpoint zu Checkpoint haben und wie er sich verpflegen würde. Die Strategie ist perfekt aufgegangen.
Was peilt er als Nächstes an? Die Antwort mag überraschen: nichts Konkretes. Aber seiner Motivation ist der Erfolg sicher nicht abträglich gewesen. Veranstaltungen wie der Swiss Irontrail sind zugleich Inspirationsquellen, wie Furrer lachend sagt. «Man trifft da viele Leute, die ganz viele verrückte Sachen machen.» An Möglichkeiten, die Grenzen weiter zu verschieben, mangelt es also mit Sicherheit nicht.
