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Der Spätzünder mit den zwei Hüten

Eine Rad-Meisterschaft mitorganisieren und selber teilnehmen? Für Felix Stehli kein Problem.

Die Linie muss er noch malen: Felix Stehli posiert beim Bergpreis der Strassen-SM oberhalb von Bäretswil.

Foto: Roger Hofstetter

Der Spätzünder mit den zwei Hüten

Vor der Rad-SM im Oberland

Felix Stehli ist an der Strassen-SM in und um Wetzikon gleichzeitig Rennfahrer und OK-Mitglied. Für den Gibswiler ist das kein Stress.

Als Felix Stehli vor dem Weiler Rüetswil oberhalb von Bäretswil für den Fotografen posiert, ist die Radsport-Welt in der Schweiz noch in Ordnung.

Stehli ist gut gelaunt, lacht viel – schliesslich steht für ihn ein Saisonhöhepunkt bevor. An der Strassen-SM vom Wochenende in und um Wetzikon trägt der in Gibswil lebende Stehli quasi zwei Hüte: Er ist Teil des Organisationskomittees – und fährt selber mit.

Eine gute Gelegenheit also, um seine Geschichte zu erzählen. Stehli ist ein fröhlicher und unkomplizierter Typ. Er wirkt unbeschwert und zufrieden, als er auf einem Bänkli am Waldrand sitzt, nach Bäretswil hinunterschaut und über seine Karriere spricht.

Es ist der Tag vor jenem verhängnisvollen Donnerstag letzter Woche, an dem Gino Mäder in der Königsetappe der Tour de Suisse so schwer stürzte, dass er seinen Verletzungen später erlag.

Das geht selbstredend auch an Stehli und am OK der SM nicht spurlos vorbei. Anfang dieser Woche sagt Stehli am Telefon: «Ich habe Gino relativ gut gekannt. Er hatte immer etwas zu erzählen und interessierte sich immer dafür, wie es einem persönlich geht. Ich war einige Male mit ihm im Oberland unterwegs.»

Schon beim Ortstermin beim Bergpreis letzte Woche erwähnt er Stehli Gino Mäder – zusammen mit vielen anderen Fahrern, als es um die Frage geht, was er sich denn für den Sonntag vorgenommen hat. Um die Medaillen geht es für den 22-jährigen Gibswiler, der in seinem ersten Elitejahr steht, realistischerweise nicht. Er liebäugelt mit einem Top-Ten-Rang und sagt lachend: «Favoriten sind andere, das ist mir auch grad recht.» Er weiss, wessen Hinterrad für ihn interessant werden könnte.

«Kurz, aber knackig» findet er den Bergpreis

Die Strecke durchs Oberland dürfte er wie kaum ein Zweiter kennen. Schliesslich ist es sein Trainingsgebiet – und er ist auch in die Planung involviert. Ursprünglich war sein Vater im OK Streckenchef, zog sich aber wenige Wochen vor der SM wegen Differenzen zurück.

21,7 Kilometer und 370 Höhenmeter umfasst die Schlaufe, die von den Elitefahrern am Sonntag siebenmal absolviert werden muss. «Es ist eine schöne Strecke, sie ist profiliert und anspruchsvoll», findet Felix Stehli.

Zwei Passagen stechen für ihn heraus: «Der Skiliftanstieg zum Bergpreis ist zwar kurz, aber knackig. Wenn du hier abreissen lassen musst, kann es hart werden. Denn es geht nicht gleich wieder bergab, sondern nur leicht – und dann schleichend weiter hoch. Und die Abfahrt hat zwei, drei spannende Ecken drin und ist ziemlich schnell – nach Ringwil hinunter werden wir wohl so auf 90 Stundenkilometer kommen.»

Es ist eine Schlaufe, die Stehlis Stärken eigentlich entgegenkommt. «Ich bin nicht der ultimative Bergfahrer. Aber ich habe die Kraft, den Punch, bin relativ endschnell und mag technische Abfahrten. Und ich ziehe nicht zurück, wenn einer die Ellbogen raushält.»

Am Skilift, unter dem die Strecke zum Bergpreis hindurchführt, begann seine Sportlerkarriere. Stehli wuchs in Bäretswil auf, einst war er Bäretswiler Skimeister und durfte Ausscheidungsrennen für das Kader des Zürcher Verbands bestreiten. Der Skisport sagte ihm aber weniger zu, «das Velofahren faszinierte mich mehr». Aber er rannte nicht blindlings dem Traum vom Profisport nach, sondern absolvierte zuerst eine Lehre als Zimmermann.

Radprofi Felix Stehli (Gibswil) posiert oberhalb von Bäretswil beim Bergpreis der SM 2023, bei der er auch OK-Mitglied ist.
An diesem Hang begann seine Sportlerkarriere: Einst war Felix Stehli Bäretswiler Ski-Meister – doch ihn zog es aufs Velo.

Auf den Sport setzt er erst seit etwas mehr als zwei Jahren – die Silbermedaille an der U23-SM 2021 war ein Türöffner. Kurz bevor er diese gewann, hatte er ein erstes Mal mit seinem heutigen Manager Olivier Senn Kontakt aufgenommen, weil er ein Team suchte. Dieser beschied ihm anfänglich, es sei wohl schwierig. «Dann wurde ich an der SM Zweiter, rief nochmals an und fragte: ‹Wie siehts denn jetzt aus?›»

Zwei Jahre und ein «enormer Prozess»

Unterschlupf fand er im EF Education-Nippo Development Team – es ist die auf Continental-Stufe fahrende Nachwuchsequipe des World-Tour-Teams EF Education-EasyPost. Und wenn er seine Zeit in dieser Equipe seit August 2021 Revue passieren lässt, staunt er ob sich selber: «Ich habe eigentlich einen enormen Prozess durchgemacht. Darauf bin ich stolz, denn es steckt viel Arbeit dahinter.»

Höhepunkte gab es für ihn schon einige. Im Herbst 2022 nahm er mit dem Profiteam an einer Rundfahrt in den USA teil, «als Erster aus dem Nachwuchsteam», wie er nicht ohne Stolz betont. In dieser Saison fuhr er nicht nur erstmals in einem UCI-Rennen aufs Podest (im März in Griechenland), sondern auch schon fast ein Dutzend Mal in die Top Ten.

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Über die klare Steigerung im Vergleich zu 2022 ist er glücklich – und die Konstanz, mit der er die Resultate einfährt, gibt ihm Selbstvertrauen. «Und dann fährst du in Gippingen und merkst: Es bitzeli fehlt dänn gliich no», sagt er lachend. 94. wurde er bei seinem letzten Renneinsatz vor der SM im GP des Kantons Aargau am 9. Juni. «Da ging es darum, fürs Team einen guten Job zu machen, das Resultat war nicht wichtig.»

Aber es steht eben doch in der Statistik – und wird damit von den Profiteams wahrgenommen. «Zu 90 Prozent schauen sie auf die Resultate. Wenn du dann mal in einem Profiteam bist, hast du einfach einen Job, den du erledigen musst. Bis du aber in diesem System drin bist, gehts nur um Resultate», sagt Stehli.

Der Realist mit dem Sparbudget

Und auch wenn diese heuer für ihn so gut sind wie noch nie – Illusionen macht er sich keine. «Heutzutage werden schon 17-Jährige für vier Jahre verpflichtet. Ich gebe alles, damit es für mich noch klappt. Wenn nicht, dann kann ich mir vielleicht vorstellen, dass ich zu spät angefangen habe. Aber ich bereue meinen Weg überhaupt nicht – ich habe mehr Lebenserfahrung. Ein 17-Jähriger muss erst noch in der Realität ankommen.»

Für ihn heisst die Realität: kein Leben in Saus und Braus. Die paar hundert Franken pro Monat vom Team reichen natürlich nirgendwo hin. Dass er in Gibswil bei seinem Vater wohnen kann, macht es leichter. Und er hat sich auf eigene Faust Sponsoren an Land gezogen, dank denen er gut über die Runden kommt. «Ich bin sparsam», sagt er denn auch.

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Um die Sponsorensuche hat er sich auch an der Strassen-SM gekümmert – «das eine oder andere Telefon» sei dabei angefallen. «Ich fahre zwar lieber Velo, aber es gibt Schlimmeres», sagt er und lacht. «Ich rede ja gerne.»

Auch in den Tagen vor dem Rennen stehen für ihn noch Arbeiten an. Seine Rennvorbereitung beeinträchtige das nicht, sagt Stehli. «Ich habe schon immer gerne etwas nebenher getan. Und mag es nicht, auf einem Stuhl zu hocken und Büroarbeit zu erledigen.»

Darum wird er auch nicht erst am Sonntag im Rennen zum Bergpreis zurückkehren, sondern schon vorher. Schliesslich muss ja noch jemand die Linie auf die Strasse malen.

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