Jetzt kommt für ihn im Tief die Chance
Bike-Profi aus Rüti
Im Weltcup ist bei Andri Frischknecht der Wurm drin. An der EM in Polen will der Cross-Country-Spezialist den Kurs korrigieren.
Im EM-Rennen vom kommenden Sonntag ist von ihm kein Wunder zu erwarten. So sagt es jedenfalls Andri Frischknecht gleich selber. «Wer am einen Wochenende auf Rang 40 ist, wird am nächsten nicht gewinnen. Es braucht Zeit, sich wieder nach vorne zu arbeiten.»
Daran arbeitet der Cross-Country-Spezialist momentan. Denn der in Rüti wohnende Mountainbike-Profi steckt in einer schwierigen Phase. Das lässt sich anhand seiner letzten Resultate mühelos erkennen.
Auf den Plätzen 40, 42 und zuletzt auf Rang 31 landete der Sohn der Ustermer Bike-Legende Thomas Frischknecht in den ersten drei von insgesamt acht Weltcup-Rennen. Beschönigen will Andri Frischknecht nichts. Er sagt: «Es ist der Wurm drin.»
Über die genauen Gründe kann der seit vielen Jahren im selben Team wie Rekord-Weltcup-Sieger Nino Schurter fahrende Frischknecht indes nur rätseln. Eine Rolle spielt wohl, dass die Vorbereitung auf die Weltcup-Saison alles andere als ideal war, weil er krank war. «Das drückt durch», vermutet der Routinier.
Ein weiterer Grund: Man könne kaum mehrere Male sein absolutes Topniveau erarbeiten, glaubt Frischknecht. Womöglich also zahlt der 28-Jährige jetzt den Preis, dass er schon früh im Jahr in Hochform war. Im März verpasste er am wichtigsten Bike-Mehretappenrennen der Welt, dem Cape Epic in Südafrika, mit Partner Schurter auf Rang 2 den Sieg nur knapp.
Der grosse Pulk
Seit diesem Erfolg stottert Frischknechts Motor. Schlecht in Form fühlt er sich zwar nicht. Mit den Trainings ist er ebenfalls zufrieden. Gelitten hat zuletzt aber das Selbstvertrauen. Das allerdings ist im Kampf um gute Rangierungen im Weltcup zusammen mit der Tagesform ein entscheidender Faktor.
Die Leistungsdichte im olympischen Cross-Country ist enorm hoch. Nur wenige Fahrer schaffen es konstant in die Top Ten. Dahinter balgt ein grosser Pulk um die Positionen zwischen 10 und 30. «Da sind alle etwa gleich schnell», sagt Frischknecht.
Die European Games im polnischen Krakau kommen für ihn nach den jüngsten Enttäuschungen wohl zum richtigen Zeitpunkt. Im Mountainbike gelten die Wettkämpfe als Europameisterschaften. Die Ausgangslage beim Rennen im rund 140 Kilometer südöstlich von Krakau liegenden Krynica-Zdroj scheint offener als im Weltcup.
Zahlreiche Fahrer verzichten auf den Start. Titelverteidiger Thomas Pidcock lässt die EM beispielsweise ebenso sausen wie Nino Schurter, Mathias Flückiger und Filippo Colombo. Der Tessiner gewann 2022 EM-Bronze. «Für mich ist das eine Chance», sagt Frischknecht, einer von gleich acht Schweizern. «Auch wenn es nicht heisst, dass es nun einfacher ist, vorne hineinzufahren.»
Wenn es keinen Spass macht, ist es extrem schwierig, schnell zu fahren.
Andri Frischknecht
An die letztjährige EM kann Frischknecht mit guten Gefühlen zurückdenken. Als Achter gelang ihm da sein bisher bestes Resultat an kontinentalen Meisterschaften in der Elite. Orientieren mag er sich an diesem Ergebnis gleichwohl nicht.
Es mache in seiner Situation keinen Sinn, argumentiert er und verzichtet auf ein Rangziel. Was hat er sich vorgenommen? «Für mich ist es wichtig, dass ich mein volles Leistungspotenzial abrufen kann. Wohin mich das bringt, merke ich dann.»
Etwas darf nicht zu kurz kommen
Frischknecht ist ein sehr erfahrener Fahrer. Der gelernte Zimmermann steht in seiner sechsten Saison in der Elite. In den Jahren 2018 und 2019 fuhr er im Weltcup mehrfach in die Top Ten. Sein bisheriges Bestresultat auf höchster Stufe erzielte er 2022, als er in Nove Mesto Achter wurde.
Mittlerweile kennt die Nummer 25 der Weltrangliste alle der traditionellen Weltcup-Strecken in- und auswendig. Auf die Abwechslung in Polen freut er sich, kann er für einmal doch neues Terrain erkunden. Was ihn erwartet, ist für ihn schwierig einzuschätzen. Von der EM-Strecke hat er bisher lediglich Fotos gesehen.
Je schwieriger und gefährlicher, desto besser für mich.
Andri Frischknecht
Dabei stellte er fest, dass viele der Hindernisse nicht natürlich, sondern gebaut sind. Am Freitag wird er die Strecke erstmals besichtigen. Ob sie ihm gefällt? Für Frischknecht ist das ein durchaus wichtiger Faktor.
Obwohl das Mountainbiken sein Beruf ist, darf aus seiner Sicht der Spass nicht zu kurz kommen: eine gute Linie entdecken, das Bike laufen lassen, in den Flow finden. Er ist überzeugt: «Wenn es keinen Spass macht, ist es extrem schwierig, schnell zu fahren.»
Frischknecht hofft auf herausfordernde Bedingungen. Er gilt als technisch sehr versierter Fahrer, dessen Stärken gut zur Geltung kommen, wenn viele der Konkurrenten die «Chicken Line» wählen müssen – also die risikolose Variante. Er sagt: «Je schwieriger und gefährlicher, desto besser für mich.»
Oberländer Quintett an den European Games
123 Schweizerinnen und Schweizer sind für die 3. European Games vom 21. Juni bis 2. Juli im polnischen Krakau selektioniert worden. 28 Sportarten stehen im Programm – acht davon sind nicht olympisch. Wie etwa Padel-Tennis mit der Fehraltorferin Larissa Meyer. Das in Polen startende Quintett aus der Region vervollständigen der in Dübendorf lebende Basketballer Marco Lehmann, die Dürntner Triathletin Alissa König sowie Andri Frischknecht aus Rüti und Nicole Koller (Laupen). Für die Mountainbiker Frischknecht und Koller sind die Cross-Country-Rennen auch Europameisterschaften. Selektioniert worden war auch Skispringer Dominik Peter. Der 22-jährige Fischenthaler verzichtet allerdings auf einen Start – er nimmt derzeit aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit. (zo)
