Er hat sich vom Resultatdenken verabschiedet
Mönchaltorfer BMX-Profi
Konkrete Rangziele? Weltmeister Simon Marquart hat keine mehr. Das hat auch mit seinen Erfahrungen in der letzten Saison zu tun.
Die Erfolge in den letzten Jahren haben ihn gelassen gemacht. Der Gesamtweltcup-Sieger von 2021 und aktuelle Weltmeister vertraut auf seine Stärken.
Simon Marquart hat sich dabei auch von den schwachen Weltcup-Resultaten am Ende der Saison 2022 mit mehreren Klassierungen zwischen Platz 20 und 42 nicht beunruhigen lassen. Oder dem Umstand, dass er im Qualifikationsranking für die Olympischen Spiele 2024 erst am Mittwoch erstmals auf eine Position kletterte, die ihm einen der derzeit zwei Schweizer Plätze in Paris verschaffen würde.
«Wir sind noch über ein Jahr von den Spielen entfernt», sagt er. Will heissen: Es bleibt noch sehr viel Zeit. Die Aussagekraft des Rankings, das über die Zahl der Quotenplätze entscheidet, aber auch der nationalen Rangliste ist sowieso noch beschränkt.
Marquart hat in den letzten Monaten nicht wie andere versucht, möglichst viele Rennen zu bestreiten, um Punkte zusammenzukratzen. So bestritt die Nummer 10 der Welt auch nur die Hälfte des Europacup-Pensums.
Statt von Wettkampf zu Wettkampf zu hetzen, hat Marquart die Zeit lieber für Trainingsblöcke genutzt. «Die waren gut für mich.»
Nach der ungewohnt langen Vorbereitung hat nun eine rund viermonatige, intensive Wettkampfphase begonnen. Mit zehn Weltcup-Rennen und der WM in Glasgow im August. Hier schenken gute Resultate im Kampf ums Olympia-Ticket so richtig ein.
Keine Zahlen, kein Druck
Marquart ist zufrieden mit seiner Form. «Ich bin schnell», ist er überzeugt. Er sagt allerdings auch: «Die Gegner kann ich nicht beeinflussen. Sind andere besser, muss ich das akzeptieren.»
Wie am Wochenende beim Weltcup-Auftakt in der Türkei. Im ersten Rennen am Samstag war der 26-Jährige als Fünfter der beste Schweizer. Tags darauf musste er sich nach dem Halbfinal-Aus mit Platz 11 begnügen. «Ich hab noch Luft nach oben», lautet sein Fazit, mit den soliden Leistungen aber kann er leben.
Je weniger ich auf die Ergebnisse fokussiere, desto besser geht es.
Simon Marquart
Marquart sagt, er habe sich keinerlei Rangziele für die Weltcup-Rennen gesetzt. Und lässt sich auch bei Fragen zur WM keine konkreten Aussagen entlocken.
Das sei wohl kaum, was man von ihm hören wolle, sagt er entschuldigend. Aber er ist überzeugt: «Je weniger ich auf die Ergebnisse fokussiere, desto besser geht es.»
Mühe mit der neuen Rolle
Die Einstellung fusst auf den Erfahrungen nach dem Gewinn des WM-Titels, den er als erster Schweizer BMX-Fahrer überhaupt realisierte. Längst hat sich Marquart daran gewöhnt, im Regenbogentrikot des Weltmeisters anzutreten. «Das kommt mir völlig normal vor», sagt er.
In den Wochen unmittelbar nach seinem Triumph setzte er sich allerdings zu stark unter Druck in seiner neuen Rolle. Frei von der Leber weg zu fahren, gelang ihm nicht mehr.
Dazu reiste er damals zu spät nach Bogotá, wo die letzten vier Weltcup-Rennen der Saison 2022 stattfanden. Er konnte sich nicht sauber an die Höhe von rund 2600 Metern akklimatisieren, musste nach dem Ziehen von Weisheitszähnen Antibiotika schlucken.
Die Kombination all dieser Gründe führte dazu, dass sich der BMX-Profi plötzlich in Ranglistenregionen wiederfand, die er seit dem internationalen Durchbruch Anfang 2021 nicht mehr kannte. Die gesundheitlichen Probleme behielt er damals für sich. «Ich wollte sie nicht als Entschuldigung ins Feld führen.»
In Frankreich oder daheim
Die Enttäuschungen hat Marquart gedanklich archiviert, der Blick geht nach vorne. Im Oktober wird er erneut längere Zeit in Südamerika sein. Die Weltcup-Rennen 7 bis 10 finden in Argentinien statt. Weitere Stationen im Weltcup-Kalender sind zuvor Papendal (NED) und Sarrians.
Die Bahn in der französischen Gemeinde in der Nähe von Avignon kennt der Mönchaltorfer genau. Sarrians ist neu einer seiner zwei Stützpunkte. Trainiert er nicht in Frankreich, ist er hauptsächlich auf den Pisten in Weinfelden und Winterthur anzutreffen.
An seinem grundsätzlichen Set-up hat sich gegenüber der letzten Saison nichts Entscheidendes geändert. Marquart ist ausserhalb der Swiss-Cycling-Strukturen unterwegs. Er gehört weiterhin einem kleinen Privatteam an, in dem neben anderen Niek Kimmann dabei ist.
Der Holländer wurde in Tokio Olympia-Sieger. Marquarts Premiere am grössten Sportanlass der Welt verlief derweil nicht nach Plan – nach einem Sturz blieb er in der Qualifikation hängen. Er hat also noch eine Rechnung offen, die er in Paris begleichen möchte.
