Er will der neuen Welt den Meister zeigen
Randy Krummenacher in der MotoE
Am Samstag debütiert Randy Krummenacher in der MotoE. Die Klasse ist für den Grütner neu – seine Ambitionen sind hoch.
Mit 33 Jahren betritt Randy Krummenacher Neuland. Der Oberländer aus dem Grüt nimmt am Wochenende am GP von Frankreich in Le Mans seine erste Saison in der MotoE in Angriff.
Seit 2019 gibt es die Elektro-Rennserie, die in den MotoGP-Zirkus eingebettet ist. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zu Krummenachers Umstieg.
Was hat die MotoE für einen Stellenwert?
Bisher wurde sie als Weltcup ausgetragen, nun hat sie erstmals den Status einer offiziellen Weltmeisterschaft. Mit acht Rennwochenenden, an denen jeweils zwei Läufe gefahren werden, ist der Rennkalender so gross wie noch nie. Gestiegen ist entsprechend der Stellenwert – und in der Schweiz ist die Medienpräsenz ohnehin schon hoch, weil 2022 Dominique Aegerter den Gesamtsieg holte.
Krummenacher, der den Platz des Oberaargauers im deutschen Team Dynavolt Impact GP übernimmt, sagt: «In den Schweizer Medien wurde mehr über meinen Wechsel in die MotoE berichtet als 2019 über meinen Supersport-Weltmeistertitel.»
Für ihn ist es eine Rückkehr in den GP-Zirkus, den er vor acht Jahren verlassen hatte. «Ich ging nicht wirklich im Frieden und dachte eigentlich nicht, dass ich noch einmal zurückkehre», sagt Krummenacher. Etwas aber ist anders: Es geht nicht mehr nur darum, dass er Geld bringt. «Es passt menschlich sehr gut. Das Team weiss, dass ein Rennfahrer Rennfahrer sein muss und respektiert das. Das brauche ich – es ist motivierend.»
Mit welchen Motorrädern wird gefahren?
Mit Einheitsmotorrädern, die ab dieser Saison von Ducati geliefert werden. Dass der traditionsreiche Hersteller einsteigt, war mit ein Grund für Krummenachers Interesse an dieser Klasse. Die maximale Leistung des Elektromotors beträgt 110 kW, der Hersteller gibt die Höchstgeschwindigkeit mit 275 Stundenkilometern an.
Wichtig ist aber vor allem auch das Gewicht: 225 Kilo schwer ist das Motorrad, wobei die Batterie fast die Hälfte davon verursacht. Das ist auch der grösste Unterschied zu den herkömmlichen Maschinen. Zum Vergleich: Das Supersport-Motorrad, auf dem Krummenacher 2019 Weltmeister wurde, wiegt vollgetankt 185 Kilogramm. Trotzdem ist Krummenacher begeistert: «Es ist ein extremer Fahrspass. Von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden – das hat man sonst nur in der MotoGP.»
Was stellen die Motorräder für Anforderungen an den Fahrer?
Vor allem die Motorencharakteristik ist ungewohnt für Krummenacher – weil sie perfekt linear ist. «Ein Verbrennungsmotor hat bei einer gewissen Drehzahl ein Loch, danach explodiert das Drehmoment. Hier hat man die ganze Power sofort.»
Bei den Tests merkte Krummenacher deshalb: Vor allem am Kurvenausgang hat er noch Luft nach oben. «Die Maschine ist so schön und genau zum Fahren, dass ich das Limit noch nicht erreicht habe.»

Wie sieht ein Rennwochenende in der MotoE aus?
Viel intensiver als das, was Krummenacher bisher kannte. Zwar sind die einzelnen Sessions kürzer als bei den andern Klassen – die Batterie des Motorrads ist der begrenzende Faktor. Doch das Programm ist dicht gedrängt. Am Freitag zwei freie Trainings à je 15 Minuten, dann zwei Qualifyings à je 10 Minuten. Am Samstag folgen zwei Rennläufe um 12.10 Uhr und um 16.10 Uhr – als Sprintrennen, die jeweils rund eine Viertelstunde dauern.
«Es sind jeweils nur rund acht bis zehn Runden, in denen jeder am Limit pusht», sagt Krummenacher. Für ihn haben auch die kurzen Trainingssessions einen eigenen Reiz: «Alles geht Schlag auf Schlag. Es gefällt mir, den Töff in so kurzer Zeit abstimmen zu müssen.»
Worauf legte Krummenacher den Fokus in der Vorbereitung?
Nicht vornehmlich auf Ausdauertraining – «für ein 24-Stunden-Rennen wäre ich nicht parat», sagt der Grütner lachend. Er konzentriert sich zumindest einmal in diesem Jahr ausschliesslich auf die MotoE – und dort ist vor allem Spritzigkeit wichtig. «Man muss gleich in der ersten Runde eine gute Zeit hinhauen. Die Reifen sind nur wenige Runden lang gut, danach muss man schauen, dass sie die Distanz überleben.» Mit seinem Reifenmanagement will er den Unterschied machen.

Ausgiebig testen konnte er zu diesem Zweck auf der MotoE-Maschine allerdings nicht. Das Programm war für alle gleich: Zweimal drei Testtage, danach gingen die Motorräder zurück zu Ducati. Privattests gibt es in dieser Klasse nicht. «Klar wäre mehr besser», sagt Krummenacher. Beklagen will er sich aber nicht – stattdessen machte er Diät. «Der Töff ist schwer, die andern Piloten sind kleiner und leichter als ich – wenn ich die Differenz machen will, muss ich auch da ansetzen», sagt er.
Die Bilanz seiner Ernährungsumstellung: Acht Kilo Fett verloren, drei Kilo Muskelmasse zugelegt. Sein Fazit: «Ich bin leicht, habe aber trotzdem Power.» Und er sieht seine Körpergrösse von 178 Zentimetern als Vorteil: «Ich habe mehr Möglichkeiten als andere, meine Position auf dem Töff zu verändern – das hilft mir, den Reifenverschleiss zu kontrollieren.»
Was hat Krummenacher für Ambitionen?
Wer einmal Weltmeister war, will das wieder werden – ganz egal, in welcher Klasse er unterwegs ist. Krummenacher ist da keine Ausnahme. Er sagt aber auch: «Andere sind schon mehrere Jahre in der MotoE und haben dasselbe Ziel. Davor habe ich Respekt – und ich muss mich sicher verbessern, wenn ich der Schnellste sein will.»
Auf die Frage nach seinen stärksten Widersachern nennt er gleich mehrere Namen. Den ehemaligen Moto2-Weltmeister Tito Rabat aus Spanien. Den Italiener Matteo Ferrari, der 2019 erster MotoE-Gesamtsieger wurde. Dessen Landsmann Mattia Casadei, der letzte Saison zwei Rennen gewann. Und natürlich auch den Brasilianer Eric Granado, der 2022 im Duell mit Dominique Aegerter um den Gesamtsieg den Kürzeren zog.
«Die Ausgangslage ist sehr offen», findet Krummenacher. Er mag das: «Es ist doch das Schönste, wenn man sich einen Titel so richtig erkämpfen muss.»
