Nun fährt er einen echten Rennwagen
Gockhauser wechselt in neue Serie
Julien Apothéloz startet neu in einer Prototypenklasse – und hat auf Anhieb Erfolg.
Einen besseren Auftakt kann man sich kaum vorstellen: Mit einem Sieg und einem dritten Rang endete das erste Rennwochenende der Saison für Julien Apothéloz auf dem Hockenheimring in Deutschland. Und das in einem für den Gockhauser völlig neuen und ungewohnten Umfeld. Man kann plakativ sagen: Der 22-Jährige fährt erstmals in seiner Karriere einen richtigen Rennwagen.
Apothéloz legt sein Hauptaugenmerk in dieser Saison nicht mehr auf die GT3-Klasse. Neu fährt er in einer Serie, die es erst seit letzter Saison gibt. Prototype Cup Germany heisst sie – und der Name sagt es: Gefahren wird mit Prototypen. Also nicht mehr mit seriennahen Autos, die eigentlich als Strassenfahrzeuge konzipiert worden waren. Sondern mit quasi reinrassigen Rennwagen, die nur zu diesem Zweck konstruiert wurden.
Der GT-Sport wird zu teuer
Im letzten Jahr hatte er einen GT3-Rennwagen in der Nürburgring-Langstrecken-Serie pilotiert – in einem (inoffiziellen) Nachwuchsteam von Mercedes-AMG. Ziel war, sich beim deutschen Hersteller für einen Vertrag als Werksfahrer aufzudrängen.
Ganz wunschgemäss verlief die Saison nicht, die erhofften Podestplätze blieben aus. «Unsere Pace war podestwürdig, aber die Resultate blieben aus, weil uns entweder das Rennglück fehlte oder wir die falsche Strategie wählten», sagt Apothéloz. Dazu kommt: Das Nachwuchsteam von Mercedes-AMG gibt es nicht mehr, der Hersteller hat sein Engagement zurückgefahren.
Die Vision, die Apothéloz hatte, kann er nicht mehr weiterverfolgen. «Im GT-Sport wird es schwieriger, weil die Kosten steigen. Der Prototypensport hingegen boomt. Diese Autos entsprechen meinem Fahrstil. Und sie sind ein gutes Stück günstiger, weil sie minimalistischer sind.»
Das sind filigrane Autos.
Julien Apothéloz
Und doch ist der Wechsel nun alles andere als eine Notlösung, sondern ein Aufstieg. Die Prototypen sind über den GT-Autos anzusiedeln. Sie bilden die höchste Kategorie ausserhalb des Formelsports – und sind anders zu fahren als das, was Apothéloz bisher kannte: «Die Aerodynamik spielt eine viel grössere Rolle, die Autos sind leicht und haben extrem viel Abtrieb.»
Die Kurvengeschwindigkeit und damit die Fliehkräfte sind deshalb viel grösser. Dazu kommt: Der Fahrer ist wichtiger – denn Fahrhilfen wie ABS oder Traktionskontrolle gibt es in diesen Autos nicht mehr. Sie wollen präziser und feinfühliger gefahren werden; das Reifenmanagement ist deutlich wichtiger. «Das sind filigrane Autos», sagt Apothéloz.
Die neue Vision heisst Le Mans
Er fährt nun einen LMP3-Rennwagen. LMP stehe für Le-Mans-Prototyp, die 3 bezeichne die dritthöchste Klasse, «wie die Formel 3 im Formelsport», sagt Apothéloz. An der Spitze stehen die Le-Mans-Hypercars (LMH), mit denen die Profis am 24-Stunden-Rennen von Le Mans um einen der prestigeträchtigsten Titel des Motorsports fahren. Es ist die neue Vision von Apothéloz. Auch wenn er gleich relativiert: «Das ist noch ein sehr langer Weg.»
Eingefädelt wurde der Wechsel relativ kurzfristig im März auf Apothéloz’ Initiative hin von Bernd Schneider. Der DTM-Rekordsieger ist seit 2020 sein Manager. Doch der Gockhauser profitierte nicht ausschliesslich von dessen Netzwerk. Er musste sich seinen Platz im Team von Ex-DTM-Pilot Jörg van Ommen – einem alten Bekannten Schneiders – erkämpfen.
An einem Fahrersichtungstag setzte er sich gegen ein halbes Dutzend andere Nachwuchspiloten durch. Nun bildet er zusammen mit dem 27-jährigen Kolumbianer Oscar Tunjo ein Fahrerduo, das sich das Auto teilt. Eine Stunde dauern die Rennen jeweils, nach der Hälfte gibt es einen Pflichtboxenstopp. Aus sechs Rennwochenenden mit je zwei Rennläufen besteht die Saison – auf Strecken in Deutschland und in Holland.

Vollprofi ist Apothéloz, der in St. Gallen Wirtschaft studiert, dort nicht. Aber er muss nicht mehr so viel Geld aufbringen. In der letzten Saison war es noch eine tiefe sechsstellige Summe, nun spricht er von einem «mittleren bis hohen» fünfstelligen Betrag. Der 22-Jährige kann diesen erstmals ohne Hilfe seiner Familie aufbringen dank Gönnern und Sponsoren – «darüber bin ich sehr froh».
Froh ist er auch darüber, einen routinierten Teamkollegen zu haben – das erleichtert den Einstieg, nachdem er vor dem ersten Rennwochenende nur gerade an drei Testtagen Erfahrung sammeln konnte auf dem für ihn neuen Auto. In Hockenheim fuhr Oscar Tunjo am Samstag auf die Poleposition und übergab das Auto im Rennen mit acht Sekunden Vorsprung in Führung liegend an Apothéloz, der das Polster verwalten konnte.
Am Sonntag fuhr der Gockhauser im Qualifying die drittschnellste Zeit – und wurde in der Startrunde von einem Konkurrenten von der Strecke geschoben. Vom 15. und letzten Rang startete er die Aufholjagd, übergab den Boliden auf dem 7. Rang an Tunjo – und der beendete das Rennen als Dritter auf dem Podest. «Er weiss, wie man mit solchen Autos umgehen muss», sagt Apothéloz.
