Wenn an der WM fast alles möglich ist
Gibswiler Querprofi Kevin Kuhn
Kevin Kuhn ist nach seiner bisher besten Weltcup-Saison weiterhin formstark und frisch. Er traut sich sogar eine WM-Medaille zu – im Bestfall.
Einfach nur dabei sein? Das ist nicht sein Ding. Kevin Kuhn fährt unabhängig vom Rennen und von den Gegnern angriffig, riskiert lieber einmal etwas zu viel als zu wenig. «Ich will zeigen, was ich kann», lautet sein Credo.
Was der Gibswiler darunter versteht, hat man am Sonntag beim Weltcup-Final in Besançon gesehen. Im Rücken des einsamen Führenden Mathieu van der Poel ist Kuhn in der grossen Verfolgergruppe einer der Aktivposten.
In der Schlussphase greift er beherzt an, doch die Energie geht ihm zu früh aus. Statt Zweiter wird er am Schluss Siebter.
Ich will mit Spass fahren.
Kevin Kuhn
Über die starke Leistung freut er sich – mit Abstrichen: «Mit der letzten Runde bin ich gar nicht zufrieden.»
Kuhn hat nicht nur weitere Entwicklungsschritte gemacht. Der Oberländer hat auch seine Ansprüche nach oben geschraubt. 25 Rennen hat er diesen Winter absolviert. Die Nummer 26 – die WM im niederländischen Hoogerheide – ist zugleich das wichtigste.
«Ich kann das Ganze geniessen, will mit Spass fahren», sagt Kuhn. Dass er den Saisonhöhepunkt frei von Druck anpacken kann, erklärt er so: «Ich habe meine Hauptziele ja schon erreicht.»
Zwei Dinge hatte sich Kuhn vor seiner dritten Saison in der Elite vorgenommen. Der beim belgischen Team Tormans unter Vertrag stehende Quer-Spezialist wollte erstmals einen Weltcup-Podestplatz herausfahren. Was ihm im Dezember mit dem dritten Rang beim Rennen im italienischen Val di Sole gelang.
Die wohl grössere Herausforderung war, Konstanz in die Leistungen zu bringen. Das hat er erreicht. Acht seiner zwölf Weltcup-Einsätze beendete der Tösstaler unter den ersten zehn. In der Gesamtwertung wurde er Siebter.
Ich konnte mich ziemlich gut etablieren.
Kevin Kuhn
Wie gut dieses Ergebnis ist, zeigt der Blick in die Statistik. Vor 15 Jahren belegte letztmals ein Schweizer im Gesamtweltcup einen einstelligen Platz – Christian Heule wurde damals Neunter.
Vor Kuhn liegen derweil nur Fahrer aus den Quer-Hochburgen Belgien und Holland. Mit Ausnahme von Niels Vandeputte (22) sind sie allesamt zum Teil erheblich erfahrener als das 24-jährige Quer-Aushängeschild von Swiss Cycling.
Der Verzicht macht sich bezahlt
Kuhn hat die Lücke zu den Top-Fahrern weiter verkleinert. Sonst eigentlich nie um einen guten Spruch verlegen, formuliert der Gibswiler das selber zurückhaltender. Er sagt: «Ich konnte mich ziemlich gut etablieren.»
Zupass kam ihm dabei, dass er sich nie mit gesundheitlichen Problemen herumschlagen musste. Zudem sei der Plan aufgegangen, sagt Kuhn: Die Steuerung zwischen Belastung und Regeneration klappte.
«Natürlich fühlte ich mich manchmal nicht so gut erholt. Aber das ging allen anderen ebenfalls so.»
Im Gesamtweltcup hätte es Kuhn allenfalls gar noch weiter nach vorne gereicht, wäre er alle Rennen gefahren. Der Oberländer aber ist sicher, dass es sich ausbezahlt hat, im Herbst auf die kräftezehrende Reise in die USA zu den zwei Weltcup-Wettkämpfen zu verzichten. Stattdessen stieg er mit drei nationalen Rennen in die Saison ein.
«Mit einer guten Form, die ich durchziehen konnte», sagt er dazu.
Von Anfang stimmten Kuhns Leistungen. Das brachte ihm Selbstvertrauen und verschaffte ihm die nötige Lockerheit.
Das eine oder andere Rennen missglückte ihm natürlich. An der SM etwa passte gar nichts zusammen, der Titelverteidiger wurde völlig überraschend nur Dritter.
Ich bin besser in Form als viele denken.
Kevin Kuhn
Es ist Kuhns einziges Rennen, in dem andere Schweizer schneller waren. Zwei, drei Tage brauchte der 24-Jährige, bis die Enttäuschung verraucht war. Er ärgerte sich notabene über seine Leistung, nicht über den Verlust des Meistertrikots.
Letzteres spielt für ihn nur noch eine untergeordnete Rolle, er ist den nationalen Rennen schlicht entwachsen.
In die Top Ten – mindestens
Die verpatzte SM hat Kuhn längst ebenso abgehakt wie jene wenigen Weltcup-Rennen, mit denen er nicht zufrieden war. «Statt nach hinten schaue ich lieber nach vorne.»
Mit Blick auf das WM-Rennen vom Sonntag sagt er: «Ich bin besser in Form, als viele denken, bin mental noch ziemlich frisch.»
Als Kampfansage an die Konkurrenz will er das nicht verstehen. Es ist eine Feststellung. Kuhns Mindestanspruch ist, unter die ersten zehn zu fahren. Er findet aber: «Ein Rangziel zu setzen, ist nicht angebracht.»
Ganz einfach darum, weil abgesehen von Mathieu van der Poel und Wout van Aert, die den WM-Titel unter sich ausmachen dürften, die restlichen Spitzenfahrer eng beieinander liegen.
«Ich kann also Zwölfter werden oder Dritter – und bin beide Male gut gefahren.» Das heisst, er traut sich eine Medaille zu?
«Wieso nicht? Die WM ist ein spezielles Rennen. Wenn alles perfekt für mich läuft, kann es aufgehen.» Eine Einschränkung kramt er dann doch noch hervor.
«Ich bin nicht der grosse Favorit auf den dritten Rang.» Sagt es und lacht vergnügt.
