Wenn das Lachen im Gesicht zurück ist
Ihre Laune könnte nicht besser sein. Um das zu merken, muss man Natalie Maag im Gespräch nicht einmal sehen. Der Klang ihrer Stimme reicht. Die Wortwahl tut ihr übriges.
Maag schwärmt auf der Fahrt nach Österreich, dass sie wieder «mega de Plausch» am Rodeln hat. Und am Samstag in Innsbruck «mit einem Lachen im Gesicht» in die Weltcup-Saison steigt.
25 ist Maag am Mittwoch erst geworden. Dennoch ist es ihr bereits siebter Winter in der Elite. Nach zwei mehrheitlich schwierigen Saisons im Weltcup und einem guten 9. Rang an den Winterspielen in Peking ist die Oberländerin sorgenfrei.
Das will die im deutschen Team integrierte Rodlerin nutzen.
Der Druck: «Die Spiele haben bei mir einen Haken gesetzt.»
Die Ausgangslage ist vielversprechend, dass Natalie Maag ihr Potenzial diesen Winter wieder regelmässiger abrufen kann. Die Rodlerin steigt «völlig entspannt» in die Saison. Sie ist seit Anfang August und für vier Jahre als Zeitsoldatin angestellt. Jetzt muss sich Maag nicht mehr damit auseinandersetzen, wie sie ihr Leben als Spitzensportlerin finanzieren kann. «Das nimmt mir viel Druck.»
Dieser ist aus ihrer Sicht auch auf dem Schlitten weg, nachdem sie sich mit der Olympiateilnahme ihren grossen Kindheitstraum erfüllte. Sie sagt das so: «Die Olympischen Spiele haben bei mir einen Haken gesetzt.»
Maag hat die neu gefundene Leichtigkeit beflügelt. Das zeigt auch das Kompliment von höchster Stelle. Der deutsche Bundestrainer Norbert Loch lobte: «Das Schweizer Uhrwerk ist zurück.» Was Loch damit meint: Maag fuhr in der Vorbereitung sehr konstant. Letzte Saison war ihr die Stabilität völlig abgegangen.
Das schlug sich nieder in lange Zeit enttäuschenden Resultaten und Platz 20 im Gesamtweltcup. Die Wernetshauserin musste zudem ihren Startplatz immer wieder via Nationencup erkämpfen – ein zusätzlicher Stress.
Beim Weltcup-Auftakt in Österreich gehört die Oberländerin nun zu den zwölf gesetzten Fahrerinnen – nach dem Rücktritt einer Athletin ist Maag nachgerückt. Den Platz unter den Gesetzten möchte die Schweizer Alleinunterhalterin im Weltcup selbstredend behaupten. Dafür ist nötig, was sie sich an erster Stelle für die Saison vorgenommen hat: Konstanz. «Und ich möchte jeden Sprint fahren können.»
Deren drei stehen im Kalender. Um dabei zu sein, müsste Maag in den jeweils davor stattfindenden Einzelrennen in die Top 15 fahren. Es ist jene Region, in die sie sowieso zurück will – an allen neun Weltcup-Stationen.
Die Vorbereitung: «Rodeln lernt man nur durch Rodeln.»
Vor ihrem Weltcup-Auftakt in Innsbruck hat Natalie Maag seit Anfang Oktober bereits 139 Fahrten absolviert. Das sind deutlich mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Die Vorbereitung auf die Saison war so intensiv wie noch nie. Ganz nach dem Motto: «Rodeln lernt man nur durch Rodeln.»
Die kurze Pause daheim im Oberland vor der Weiterreise ins Tirol tat Maag darum gut. Sie hat die Batterien nach den vielen Eistrainings wieder aufgeladen. Letztere haben ihr das Gefühl vermittelt: «Ich bin schnell unterwegs.» In Altenberg etwa kam
die 25-Jährige bis auf einen Zehntel an Julia Taubitz heran. Ihre deutsche Trainingskollegin und Freundin ist nichts weniger als Gesamtweltcupsiegerin und aktuelle Weltmeisterin.
«Es läuft extrem gut», freut sich Maag. Beim Material sieht sie sich gut aufgestellt. «Es ist top.» Die Wernetshauserin erhielt eine neue Schale und neue Schienen. Erstmals überhaupt konnte sie mit ihren deutschen Teamkolleginnen im Windkanal testen. Auch darum, weil sich Swiss Sliding an den Kosten beteiligte, wie Maag sagt. «Vorher nahmen sie mich gar nie mit.» Denn letztlich ist die seit Jahren ins deutsche Team integrierte Maag halt auch immer noch eine Konkurrentin.
Ihren Plan, beim Material unabhängiger von den Deutschen zu werden, hat sie vorerst auf Eis gelegt. Derweil setzte sie im Sommertraining eine bedeutende Änderung durch. Statt wie von ihrem Trainer Jan Eichhorn gewünscht, ständig am Stützpunkt in Oberhof zu trainieren, pendelte Maag im Zwei-Wochen-Rhythmus zwischen der Schweiz und Thüringen. Zugleich arbeitete sie zweieinhalb Monaten lang in einem 50-Prozent-Pensum. Die Abwechslung tat ihr gut. «Sonst wäre es den ganzen Tag nur immer um den Sport gegangen.»
Die Rodel-Clique: «Dieses Miteinander ist mir wichtig.»
Im Profisport dürfte so viel Nähe unter Gegnerinnen eine Ausnahme sein: Drei Tage vor dem Weltcup-Auftakt hat Natalie Maag zusammen mit einigen Konkurrentinnen den Christkindlmarkt in Innsbruck besucht. Es ist keine einmalige Aktion, dass Maag, Gesamtweltcupsiegerin Julia Taubitz, die zweitklassierte Madeleine Egle und weitere Topfahrerinnen wie Andrea Vötter, Hannah Prock und Lisa Schulte gemeinsam unterwegs waren.
Sie sind längst Freundinnen geworden. Und treffen sich nicht nur im Winter, weil sie sich an den Weltcuprennen sowieso begegnen, sondern auch im Sommer. Anfang September genoss die kleine Gruppe ein paar Tage in Zürich, fürs Jahr 2023 haben sie vereinbart, gemeinsam Zeit in Österreich zu verbringen.
Taubitz sagt dazu: «Wir haben halt für uns beschlossen, dass unser Wettkampf aus ungefähr zwei Minuten besteht, in denen wir Konkurrentinnen sind. Ausserhalb der Rennen sind wir alle gut befreundet und auf einer Wellenlänge.»
Natalie Maag schätzt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl enorm. Sie sagt: «Dieses Miteinander ist mir sehr wichtig.» Neid ist in der Clique ein Fremdwort. Maags Begründung dafür tönt einleuchtend: «Wir gönnen einander Erfolge, weil man sowieso nur die eigene Leistung beeinflussen kann und nicht, wie schnell jemand anders ist.»
