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Seine Ansprüche sind gestiegen

Sebastian Stalder hat nach seiner bisher besten Weltcup-Saison Lust auf mehr. Der 24-Jährige hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt und will die vakante Rolle des Teamleaders übernehmen.

Sebastian Stalder hat sich im Weltcup endgültig etabliert. Darum packt er die neue Saison mit Selbstvertrauen an.

Foto: Swiss-Ski/Stephan Bögli

Seine Ansprüche sind gestiegen

Die Sonne schafft es nicht über die Bergflanke an diesem Tag Mitte November. Die Temperatur verharrt unter Null. In Alvaneu Bad, rund zwölf Fahrminuten entfernt von der Biathlonarena in Lantsch/Lenz, liegt zwar kein Schnee. Man hat dennoch das Gefühl, der Winter sei hier schon angekommen.

Nur wenige Tage verbleiben bis zum Weltcup-Auftakt von Sebastian Stalder im finnischen Kontiolahti. Von Anspannung ist beim Walder aber nichts zu spüren. Gelassen sitzt Stalder in seinem Wohnzimmer am langen Holztisch.

Die Nervosität wird kommen, weiss er. Am Dienstag, kurz vor dem Start zum Einzelrennen über 20 Kilometer.

«Ich will auch dann punkten, wenn mir ein Rennen nicht optimal gelingt.»
Sebastian Stalder

An Kontiolahti und sein charmantes Biathlonstadion hat der 24-Jährige gute Erinnerungen. Anfang März lief er da im Sprint auf Platz 15 – es ist Stalders Bestresultat auf höchster Stufe.

Der letzte Winter war sein bisher erfolgreichster. Er feierte seine Olympiapremiere. Und absolvierte als einziger Schweizer an jeder der zehn Weltcup-Stationen zumindest ein Rennen.

Stalder ist endgültig im Weltcup angekommen. Er hat dadurch viel Selbstvertrauen gewonnen. Was auf diesem Niveau unabdingbar ist für gute Resultate.

Vor allem im Schiessstand ist es zentral. «Da ist das Mentale extrem wichtig», sagt der Biathlonprofi. «Ich denke, es macht 70 bis 80 Prozent des Erfolgs aus.»

Überzeugt vom neuen Chef

Stalder gelang es letzten Winter, sein Niveau ein weiteres Mal zu steigern. Das hat ihm einen Extrakick in der Vorbereitung verschafft. Nun peilt der ins A-Kader aufgestiegene Athlet den nächsten Entwicklungsschritt an.

«Ich will auch dann punkten, wenn mir ein Rennen nicht optimal gelingt.» Das ist bei der hohen Leistungsdichte im Weltcup ein ehrgeiziges Vorhaben. Doch mit Stalders Fortschritten sind auch seine Ansprüche gewachsen.

Dazu passt, dass er sich im Gesamtweltcup nach Platz 40 jetzt in den Top 25 etablieren will. Das wiederum würde heissen, jedes Massenstartrennen bestreiten zu können. Ist das überhaupt realistisch?

«Ja», findet Stalder, ist sich aber bewusst: «Es ist ein hohes Ziel.» 

Remo Krug traut dem Oberländer diesen Schritt jedenfalls zu, wie er ihm mitgeteilt hat. Der Deutsche hat Landsmann Alex Wolf als Trainer der Schweizer Männer abgelöst.

Krug ist ein Mann mit einem enormen Wissen. Der 60-Jährige hat hohe Erwartungen und greift laut Stalder sofort ein, wenn diese nicht erfüllt werden.

Der Walder ist vom neuen Chef überzeugt. «Er hat viel Erfahrung im Schiessen. Seine Inputs sind sehr wertvoll. Ich habe nochmals grosse Fortschritte gemacht.»

Zuletzt traf Stalder in den Trainings regelmässig 95 Prozent seiner Schüsse ins Schwarze – eine Traumquote. Im letzten Winter war sie in den Wettkämpfen zehn Prozent tiefer. 

Stalder findet derweil, in der Loipe hinke er den Weltbesten immer noch etwas hinterher. Zum Betreuerteam zählt nun aber auch der estnische Langlauftrainer Kein Einaste.

Stalder verspricht sich viel von ihm. Mit einem Langlaufspezialisten die Strecken zu besichtigen, die Taktik zu besprechen und während dem Rennen umsetzbare Tipps zu erhalten – das ist eine klare Verbesserung.

«Ich habe im letzten Winter gar nicht so realisiert, was uns da alles fehlte», sagt Stalder. «Erst jetzt fällt es mir auf.» 

Lust auf die Leaderrolle

Die Betreuung also hat der Verband optimiert. Dazu hat sich die Dynamik im Team verändert. Benjamin Weger ist abgetreten. Der Walliser zog dank seiner Erfolge über viele Jahre einen Grossteil der Aufmerksamkeit auf sich und war der unangefochtene Teamleader.

«Er war ein starker Charakter. Ich bin gespannt, wie es ohne ihn wird.» Hinter Weger konnten sich aufstrebende Athleten wie Stalder oder Niklas Hartweg ohne Druck entwickeln. Sie mussten sich aber auch unterordnen. 

Nun ist Weger weg. Wer in die Leaderrolle schlüpft, muss sich erst herauskristallisieren. «Ich würde sie gerne übernehmen», meldet Stalder seinen Anspruch an. Er ist zugleich überzeugt, dass in der Mannschaft künftig eine flachere Hierarchie vorhanden ist.

Unabhängig davon sind die Schweizer Männer gefordert. Sie haben diese Saison fünf Weltcupstartplätze zur Verfügung, einen mehr als zuletzt. «Den müssen wir unbedingt halten können.»

Der spezielle Sommer

Dazu beisteuern muss auch Stalder mit guten Ergebnissen. Ist er bereit für den Winter? Der 24-Jährige lächelt kurz, bevor er sagt: «Das ist schwierig einzuschätzen.»

Zwei Gründe führt er dafür ins Feld. Da er die jährlichen Leistungstests krankheitsbedingt verpasste, steht Stalder ohne aktuelle Daten da.

Dazu absolvierte er in den vergangenen Monaten den ersten Ausbildungsblock zum Fachspezialisten Zoll- und Grenzsicherheit. In Liestal und an Grenzübergängen im Rheintal.

Das Sommertraining musste er fernab der Teamkollegen bestreiten, der Vergleich zu ihnen fehlt ihm.

Er trainierte mit seinem im B-Kader stehenden Bruder Gion, der die Ausbildung ebenfalls absolviert. Aus der Spur scheint ihn diese Umstellung nicht geworfen haben. An den Sommer-Weltmeisterschaften lief Sebastian Stalder im Massenstart auf Rang 4.

«Das Resultat ist im Hinblick auf die Saison völlig unwichtig», wiegelt er ab. «Aber es hat natürlich Lust auf mehr gemacht.»

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