Jetzt ist die Spitze in Schlagdistanz
Sein Arbeitsnachweis nach einem halben Dutzend Einsätzen ist überzeugend. Die drei Rennen in der Schweiz gewann Kevin Kuhn alle, im Weltcup wurde der Gibswiler erst Achter, zuletzt Sechster.
Das gute Bild wird mit dem 10. Platz in der belgischen Superprestige-Serie abgerundet. Kuhns Fazit nach dem ersten Monat der Quersaison fällt denn auch positiv aus: «Ich bin ziemlich happy. Hoffentlich kann ich das so weiterziehen.»
Der 24-Jährige packt den ersten Saisonhöhepunkt – die EM in Namur – mit einem guten Gefühl an. Kuhn weilt seit fast zwei Wochen in Belgien, dem Land seines Rennstalls Tormans. In Geel, rund 100 Kilometer von Namur entfernt, hat Kuhn eine Wohnung.
Ab Donnerstag ist er im EM-Ort, am Samstag besichtigt der Schweizer Hoffnungsträger die Strecke. Tags darauf gilt es für ihn dann ernst.
Der Formstand
Kevin Kuhn hat in seiner dritten Elite-Saison die Lücke auf die Topleute weiter verkleinert. Er sagt: «Ich merke, die Spitze ist nicht so weit weg. Dieses Gefühl ist wichtig.» Im Weltcup-Rennen vom Sonntag im belgischen Maasmechelen liegt er nach acht von neun Runden gar an vierter Stelle. «Die letzte Runde aber war hart. Ich war blau», sagt Kuhn. Am Schluss gelingt ihm mit Platz sechs das zweitbeste Weltcup-Resultat der Karriere.
Der Abstand zum Podest ist gering. Elf Sekunden beträgt er. Auch Sieger Laurens Sweeck erreicht das Ziel nur 31 Sekunden vor dem Tösstaler. Das realisiert dieser allerdings erst nach dem Rennen. Hat sich danach in die Freude eine Prise Enttäuschung eingeschlichen? Nein, nein, winkt Kuhn sofort ab. So tickt der Weltranglisten-Neunte nicht.
Er strahlt immer auch eine erfrischende Lockerheit aus, will sich nicht den Kopf über alles zerbrechen. «Im Nachhinein ist man immer schlauer. Darüber, was möglich gewesen wäre, mache ich mir keine Gedanken.» Zentral für ihn ist: die Formkurve stimmt, die EM-Hauptprobe ist geglückt.
Die Konkurrenz
Die Weltmeister der letzten acht Jahre fehlen in Namur. Das ist keine Überraschung, schliesslich hat keiner aus dem Trio Mathieu van der Poel, Thomas Pidcock und Wout van Aert diese Saison ein Quer bestritten. Die Blicke liegen darum auf jene Fahrern, die bisher überzeugten. Beispielsweise auf Eli Iserbyt, den Führenden im Gesamtweltcup. Der Belgier gewann drei der vier Weltcup-Rennen.
Gleich elf Landsmänner von Iserbyt haben sich für die Europameisterschaften eingeschrieben. Titelverteidiger ist derweil ein Niederländer: Lars van der Haar. Von den letztjährigen Top sechs der EM ist einzig Toon Aerts abwesend. Er wartet nach einem positiven Dopingtest im Januar noch immer auf das Verdikt des internationalen Radsport-Verbands.
Wer ist Titelfavorit? Kuhn gibt Iserbyt, Van der Haar und Quinten Hermans die besten Chancen. Letzterer ist sein Teamkollege bei Tormans. Und wo reiht er sich selber ein? Kuhn lacht. «Schwierig, schwierig», sagt er, um etwas Zeit zu schinden vor der Antwort. 2021 wurde er an der EM 14., ein Jahr zuvor Elfter. Ein Resultat in diesen Regionen wäre wohl eine Enttäuschung.
Ein konkretes Ergebnis hat er sich nicht vorgenommen. Er glaubt: «Niemand schaut gross auf mich.» Das wäre ein Vorteil. «Gegen vorne kann viel passieren», sagt Kuhn, dann schiebt er schnell nach: «Gegen hinten auch.»
Die Strecke
Die Veranstalter nennen sie unbescheiden die schönste Strecke der Welt. Schönheit liegt zwar im Auge des Betrachters, klar aber ist: Der Parcours auf der Festung, die auf einem Hügel im Herzen Namurs liegt, weist einen hohen Schwierigkeitsgrad auf. Rund 60 Richtungsänderungen, happige Aufstiege und Abfahrten, die bei aufgeweichtem Terrain noch heikler werden, Lauf- und Kopfsteinpassagen sowie viele Wurzeln und Steine – die Fahrer werden gefordert sein.
«Die Strecke hat recht Höhenmeter drin. Sie ist physisch hart und extrem ausgefahren», sagt Kuhn. Ein grosses Tam-Tam will er deshalb aber nicht veranstalten. Wie etwa jene, die sagen, man fahre in Namur nicht gegen andere, sondern primär gegen sich selber.
Der Gibswiler kennt den EM-Parcours von früheren Weltcup-Starts her sehr gut. Die Resultate bei der Elite kann er aber nicht als Motivationshilfe brauchen. Nach zwei Platten wurde er letztes Jahr lediglich 17., davor reichte es zu Platz 15. Kuhn denkt deswegen lieber an die U23-Weltcup zurück. Der Grund ist einfach: 2019 gewann er in Namur.
