Dieser Triumph ist in vielerlei Hinsicht wertvoll
Er hat das natürlich mitbekommen: In den sozialen Medien wird das Video seines entscheidenden Wurfs häufig geteilt. Weil dieser halt einfach auch sehr spektakulär anzusehen ist.
Die Dynamik, Zielstrebigkeit und Entschlossenheit, die Nils Stump im Final gegen den Italiener Giovanni Esposito in diesen entscheidenden Angriff legt, ist eindrücklich.
Die Liste der Gratulanten nach dem spektakulären Auftritt ist entsprechend lang. «Jetzt bin ich aber langsam fertig, mich zu bedanken», sagt Nils Stump, ehe er lacht.
Der Ustermer ist schon wieder zurück im Training in der Heimat, nachdem er am Sonntag in Abu Dhabi ein goldenes Ausrufezeichen gesetzt hatte. Mit dem Triumph am Grand-Slam-Turnier in der Kategorie bis 73 Kilogramm feierte Stump den grössten Er-
folg seiner Karriere.
Er ist gar der erste Schweizer, der ein Turnier der höchsten Stufe gewonnen hat. Der historischen Dimension des Erfolgs wurde er sich erst bewusst, nachdem man ihn darüber informiert hatte. Stumps Einschätzung dazu mit etwas Abstand: «Das ist schon speziell.»
Der zweite Anlauf sitzt
Vor zwei Jahren war der Athlet des Judoclubs Uster bereits einmal kurz davor gewesen, sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen. Stump stand am Grand-Slam-Turnier in Budapest im Final, verlor diesen aber.
Mit etwas Verzögerung hat er nun also eine neue Stufe erreicht. Spätestens jetzt kennen ihn alle Gegner in der kompetitiven Klasse bis 73 Kilogramm. Steigen dadurch auch die Erwartungen?
Der Olympiateilnehmer von Tokio winkt ab. Er hält an der bewährten Strategie fest. «Ich mach mir selber keinen grösseren Druck deswegen. Jedes Turnier fängt ja sowieso wieder bei Null an.»
Zwei wichtige Wettkämpfe stehen bis Ende Jahr noch auf dem Programm. Anfang November bestreitet Stump das Grand-Slam-Turnier in Baku. Danach bleibt der Ustermer in Aserbaidschan, um da einen Teil seiner Vorbereitung auf das Masters von Mitte Dezember in Jerusalem zu absolvieren.
Stump nimmt die Schlussphase der Saison, in die er nach einer Schulteroperation erst verspätet stieg, mit viel Schwung in Angriff. Seine Bilanz in diesem Jahr ist erfreulich.
83 Prozent der Kämpfe hat er für sich entschieden, in den letzten zwei Monaten hat er nur ein Duell verloren – an der WM gegen die damalige Nummer 1 der Welt.
Fünf Turniere hat Stump heuer absolviert, deren drei hat gewonnen. Die Erfolge an den zwei European Open will Stump aber nicht überbewertet haben.
«Diese Turniere waren nur dafür da, um wieder in Wettkampfform zu kommen», relativiert er, ist aber auch froh, «dass es mir so gut läuft. Das nehme ich mit.»
Blindflug Richtung Paris
Der Grand-Slam-Sieg in Abu Dhabi steigert nicht nur Stumps Selbstvertrauen. Er zahlt sich für ihn in vielerlei Hinsicht aus. Er hat ihm mit 5000 Dollar beispielsweise das bisher grösste Preisgeld eingebracht. «Ein guter Betrag im Judo», sagt Nils Stump.
Zudem hat der 25-Jährige 1000 Punkte gewonnen, wodurch er in der Weltrangliste auf Rang elf hochkletterte. Besser war der EM-Dritte von 2021 noch nie klassiert.
Die gute Position dürfte ihm für die nächsten Aufgaben in die Karten spielen. Sie erhöht seine Chancen, an Turnieren gesetzt zu sein.
Viele Punkte hat Stump auch für die Olympia-Qualifikation gesammelt, die seit Ende Juni läuft. Wo er aktuell im Ranking für Paris 2024 steht, ist aber unklar. Die internationale Judo-Föderation schreibt auf der eigenen Website, die Liste sei noch in Arbeit.
Ist dieser Blindflug für die Athleten nicht ärgerlich? Stump winkt ab. Er ist keiner, der sich ständig darüber informiert, wo er in einzelnen Rankings steht. Demzufolge lässt ihn die fehlende Olympialiste kalt. Ganz nach dem Motto: Alles zu seiner Zeit.
Unaufgeregt blickt er auch auf den Grosserfolg in Abu Dhabi zurück. Genau so bahnte er sich seinen Weg ins Finale, die einzelnen Siege feierte er kaum. «Ich hatte ja noch einen Job zu erledigen», begründet er.
Nach der entscheidenden Aktion liess er seinen Emotionen dann aber freien Lauf. Stump sprang auf, stellte sich kurz breitbeinig hin und brüllte seine Freude heraus – die Augen geschlossen, die Fäuste geballt.
Ein Fotograf hat die Szene perfekt eingefangen. Wie das Video des Wurfs ist auch das Bild in den sozialen Medien fleissig verbreitet worden.
