Gelassen in die Ungewissheit
Diesen Begleiter hätte er gerne möglichst schnell los. Das Pech aber verfolgt Lukas Rüegg in den letzten zwei Jahren hartnäckig. Jochbein, Schulter, Rippen – alles hat er in dieser Zeit gebrochen.
Im Februar musste er sich am Knie operieren lassen, weshalb er erst mit Verspätung zur Saison 2022 starten konnte. Danach wurde der Oberländer Veloprofi innert weniger Monate zweimal von Corona gestoppt. Einmal davon an der Tour de Suisse, nachdem Rüegg in den Etappen 2 und 3 in die Top 20 gefahren war.
Zuletzt vermieste ihm eine Hirnerschütterung den Herbst, die er sich er an der Tour of Bulgaria bei einem Sturz zugezogen hat.
«Niemand stürzt gerne, denn am Boden ist es selten lustig», sagt Rüegg mit Galgenhumor, bevor er wieder ernst wird. «Es ist mental schwierig, wenn man wegen Verletzungen ständig auf Feld 1 zurück muss.»
«Als Sportler lernt man, nach vorne zu schauen und sich das nächste Ziel zu setzen.»
Lukas Rüegg
Er hatte starke Kopfschmerzen und war extrem lärmempfindlich – die Hirnerschütterung bereitete ihm wochenlang Probleme. Rüegg verpasste dadurch die letzte Phase der Strassensaison.
Immerhin aber war der Oberländer rechtzeitig auf die Bahn-WM hin wieder fit. Zwölfter wurde Rüegg mit Claudio Imhof im Madison am Sonntag vor einer Woche. Er ist zufrieden mit seiner Leistung. Viel wichtiger als der Rang war ihm für einmal allerdings etwas anderes: «Es war für mich wichtig, mit einem möglichst guten Gefühl in die Pause gehen zu können.»
Warum der positive Abschluss für Rüegg zentral war? Er hat ihm die Gewissheit gegeben, wieder voll leistungsfähig zu sein. Das lässt ihn gelassener in die kommenden Wochen steigen, die von der Ungewissheit dominiert sind, wie die sportliche Zukunft aussieht.
Der Madetswiler hätte zwar die Möglichkeit, auch nächste Saison fürs Team Vorarlberg zu fahren. Der Rennstall hat aber nur Continental-Status, ist also auf dritthöchster Stufe angesiedelt. Rüegg aber möchte sein schon länger verfolgtes Ziel erreichen, bei einem höherklassigen Team unterzukommen.
Das Zeitfenster wird kleiner
Von drei bis vier Optionen spricht er, ohne genau Einblick zu gewähren. «Mal schauen, was sich ergibt», sagt der endschnelle Fahrer mit einer Gelassenheit, die erstaunlich ist. Wer sich seine Krankenakte vor Augen führt, hätte Verständnis, wäre er frustriert. Oder würde er gar seine Karriere infrage stellen. Denn nach der Saison ist er am selben Punkt wie vorher.
Rüegg gibt zu, in gewissen Momenten ins Grübeln zu geraten. Zum Beispiel, als er in Bulgarien im Spital lag. Er ist mental aber robust geworden. «Von Rückschlägen erhole ich mich wieder. Als Sportler lernt man, nach vorne zu schauen und sich das nächste Ziel zu setzen.»
Der Oberländer ist ungebrochen zuversichtlich. «Ich liebe das Velofahren und weiss, dass ich Talent habe.» Das Zeitfenster aber wird kleiner, um die Träume zu verwirklichen. 26 ist der Madetswiler mittlerweile. Er ist sich bewusst: Kann ein Rennstall zwischen einem Fahrer in seinem Alter und einem sehr viel jüngeren entscheiden, «nimmt er wohl den Jungen».
Dennoch: Es spricht aus seiner Sicht trotz seines Alters nichts dagegen, den Sprung nach oben zu schaffen.
Nun legt Rüegg eine Trainingspause ein. Zuletzt verbrachte er einige Tage im Alpstein. Um beim Wandern im Kopf einen «Reset» zu machen. In rund drei Wochen steigt er normal ins Wintertraining ein – unabhängig davon, ob er die Zukunft bis dahin geklärt hat oder nicht.
Zwei Fixpunkte helfen ihm, die Arbeit motiviert anzupacken. Der Fahrer, der bisher seine grössten Erfolge mit EM-Bronze und einem Weltcupsieg auf der Bahn feierte, bestreitet Anfang Dezember das Sechstagerennen in Rotterdam. Davor absolviert er zur Vorbereitung ein Rennen in Genf.
«Ich hoffe, der Wind dreht jetzt.»
Lukas Rüegg
Die Bahn soll künftig dennoch nur an zweiter Stelle stehen – wenn überhaupt. Trotz der Heim-EM in Grenchen, an der Anfang Februar der Startschuss zur Olympia-Qualifikation fällt mit der Perspektive Paris 2024. «Wenn ich bei einem Team bin, das mir die Freiheit gibt, ebenfalls auf der Bahn zu fahren, mache ich das gerne», sagt Rüegg. «Wenn nicht, ist es auch okay.»
Zu weit vorausdenken will er sowieso nicht mehr. Die Umstände ändern sich schnell. Das hat er Ende August an der Tour of Bulgaria letztmals schmerzhaft realisiert. In der zweiten Etappe platzte seinem Fluchtpartner der Schlauchreifen, er ging zu Boden, mit ihm Rüegg, der heftig auf den Kopf prallte.
Der Sturz und die Folgen sind abgehakt, der Madetswiler blickt nach vorne. Und sagt aufs Pech bezogen: «Ich hoffe, der Wind dreht jetzt.»
