«Uns war wichtig, den richtigen Menschen als Trainer zu verpflichten»
Eine ruhige Eingewöhnungsphase war ihm nicht vergönnt. Im März hat Raphael Schoch im FC Greifensee den Posten als Sportchef von Rolf Imhof übernommen. Der 43-Jährige muss gleich einen neuen Trainer suchen, der den FCG nach der enttäuschenden Saison wieder in die Spur bringen soll. Er glaubt, ihn in Gianni Reggio gefunden zu haben.
«Achtung, fertig, los», so beschreibt «Raffi» seinen Einstieg als Sportchef. Warum hat er die Aufgabe überhaupt übernommen? Um herauszufinden, ob sie für ihn taugt.
Sein Zwischenfazit: «Es ist cool.» Dann lacht er und sagt: «Vielleicht kommt das Schlechte noch.» Wird ihn das aus der Ruhe bringen? Kaum. So wenig wie die Fragen, denen er sich an einem sonnigen Sommerabend auf dem Grossriet stellt.
Der FC Greifensee wurde letzte Saison Zehnter. So weit hinten war er seit dem Aufstieg 2011 noch nie klassiert. Woran lag es?
Die ganze Konstellation war schwierig – mit Interimstrainer und der Negativspirale, in die man geriet. Bevor ich Sportchef wurde, habe ich die Spiele aber mehr als Fan verfolgt. Es wäre darum nicht richtig, hier abschliessend zu sagen, woran es gelegen hat.
Eine Analyse mussten Sie wohl dennoch machen, um Ihre Arbeit aufnehmen zu können.
Mein Vorgänger leistete hier grosse Vorarbeit. Klar war: Es kommt ein neuer Trainer. Das sorgt automatisch für frischen Wind. Punktuell müssen wir auch das Team verstärken. Wir hatten Abgänge, die wehtaten. Captain Elia Jenni musste aufhören. Maurin Frehner und Levi Brunner gehen an ein College. Aber wir haben ein paar gute junge Spieler. Und einen Trainer, der mit ihnen arbeiten kann.
«Man muss zu uns passen, auch mal ‹höcklen› bleiben.»
Raphael Schoch
Was zeichnet Gianni Reggio sonst noch aus?
Er arbeitet so, wie wir das gerne haben. Redet mit den Spielern, kann sie besser machen. Gianni ist fachlich stark, war selber ein guter Spieler. Uns war es vor allem sehr wichtig, den richtigen Menschen als Trainer zu verpflichten. Das ist in einem Dorfverein wichtig. Man muss einander spüren. Wir leben vom Zusammenhalt. Weder als Trainer noch als Spieler wird man bei uns reich. Als Spieler musst du gar den Mitgliederbeitrag zahlen. Das heisst, man muss zu uns passen, auch mal «höcklen» bleiben.
Das tönt nach Wohlfühloase. Wie erfolgsbesessen darf ein Trainer im FCG überhaupt sein?
Er muss in jedem Fall erfolgshungrig sein. Nur der Erfolg macht Spass.
Lässt sich ein Platz im Mittelfeld tatsächlich als solcher verkaufen? Denn genau da ist der FCG regelmässig zu finden.
Wir können nicht als Verein hinstehen und sagen: Wir wollen aufsteigen. Man muss realistisch sein. Für ein Dorf wie Greifensee ist die 2. Liga gut. Es ist doch so: Wenn ein junger Spieler bei einem anderen Verein noch ein paar hundert «Fränkli» erhält, geht er dorthin. Zu Greifensee kommt er, weil er hier sein will, weil es hier cool ist und man Fussball auf anständigem Niveau spielen kann.
Sein eigener Weg zum FC Greifensee ist Schoch quasi in die Wiege gelegt worden. Er wächst unweit des Grossriets in Greifensee auf. «Im zweithintersten Block.»
Dann schwenkt sein Arm zurück: «Und auf diesem Platz da habe ich mein halbes Leben verbracht.» Als Juniorentrainer, Zuschauer bei den Spielen des Zweitliga-Teams und wegen seiner beiden Jungs (8 und 12), die längst ebenfalls im Verein sind.
«Ich spüre schnell, wie jemand tickt.»
Raphael Schoch
Selber auf dem Rasen zu stehen, liegt für Schoch nicht drin – die Zeit fehlt, aber auch die Knie machen nicht mehr mit. Überhaupt ist seine aktive Laufbahn überschaubar. In der Jugend spielt Schoch nur bis zur Oberstufe Fussball. Danach lässt es der «angefressene Sportler» bleiben.
«Wenn ich etwas mache, dann richtig. Und ich war einfach der bessere Unihockeygoalie als Fussballer.»
Das gute Einfühlungsvermögen
Unihockey prägt noch immer das Leben des einstigen Erstliga-Torhüters. Seit über einem Jahrzehnt arbeitet der gelernte Maler für eine Firma, die Unihockeyartikel vertreibt – online und im Geschäft in Dürnten.
Schoch ist zuständig fürs gesamte Lager, die Betreuung der Vereine und leitet den Laden. In diesem kann er besonders gut einsetzen, was er zu seinen Stärken zählt: die Kommunikation und ein gutes Einfühlungsvermögen. «Ich spüre schnell, wie jemand tickt.»
Es sind Eigenschaften, die ihm auch als Sportchef zugutekommen. Er ist überzeugt: «Wenn man es gut mit den Leuten hat, ist es einfacher. Je mehr du gibts, desto mehr erhältst du zurück.»
Noch hat Schoch kein umfassendes Kontaktnetz in der Szene. Dafür kennt er alle FCG-Junioren. Das ist für ihn zentral: «Wir leben von den eigenen.» Es scheint nötig, sie jetzt konsequent nachzuziehen.
Im Kader stehen sechs Spieler, die über 30 sind. Der Altersschnitt beträgt rund 26 Jahre. Wie zügig muss der Umbruch erfolgen?
Unter Druck sind wir nicht. Der 1990er-Jahrgang wird sicher weiterspielen, da wird nicht grad auf einen «Chlapf» alles weg sein. Wir gehen das Schritt für Schritt an. Manchmal regelt sich das auch von allein, wenn sich ein Junge so weit aufdrängt, dass es für einen Arrivierten nicht mehr reicht. Die Älteren aber sind noch genug gut, genug hungrig. In den nächsten anderthalb Jahren fallen wir sicher nicht auseinander.
Was heisst das für die kommende Saison?
Mein Ziel ist ein Platz im vorderen Mittelfeld. Dafür muss immer vieles zusammenpassen. Das haben wir letzte Saison gesehen. Gerät man in eine Negativspirale, wird es auch für erfahrene Spieler schwierig, so etwas aus dem Kopf zu bringen.
«Auch wenn ich keine Glaskugel besitze, bin ich tiefenentspannt.»
Raphael Schoch
Was zeichnet das Team aus?
Alle kennen sich schon lange. Es ist wie in einer Familie: Wenn man zusammenhält, ist man stärker. Und es hat einige mit guten Füssen, gutem Kopf, und es sind auch gute Typen – das macht den FCG aus.
Sie strömen viel Zuversicht aus. Wie sicher sind Sie, dass Sie nicht, wie in den letzten Jahren in Greifensee üblich, in der Winterpause einen neuen Trainer suchen müssen?
Auch wenn ich keine Glaskugel besitze, bin ich tiefenentspannt. Wir haben mit Gianni Reggio den richtigen Mann. Aber man weiss trotzdem nicht, was in einem halben Jahr ist.
Möglichst weit weg vom Strich
Der Einstieg beim FC Greifensee ist dem neuen Trainer einfach gefallen. Gianni Reggio sagt, er habe eine intakte, erfahrene und angenehme Mannschaft angetroffen, die es ihm leicht gemacht habe. «Ich habe ein gutes Gefühl», freut er sich auf die Meisterschaft. Das sind gute Voraussetzungen für den FCG, der eine enttäuschende Saison hinter sich hat. Und dabei unter Wert klassiert war.
Reggio streicht die Substanz des Teams heraus. Der Verlust von Captain Elia Jenni, der aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, schmerzt zwar. Und die Routiniers Oliver Rinderknecht und Yves Oehri gingen ebenfalls von Bord. Im Kader stehen dennoch weiterhin zahlreiche etablierte Kräfte. Gleichwohl sieht Reggio die erhöhte Dringlichkeit, Junge zu integrieren. «Es braucht frisches Blut.»
Dieses bringen alle Neuzuzüge – keiner ist älter als 21. Etwas offensiver als in der Vergangenheit will Reggio den FCG auftreten lassen. Das Ziel dabei? Der Trainer sagt: «So weit weg von unten sein wie nur möglich.» (ome)
