«Im Marathon geht es schnell»
Reicht die Zeit für die Vorbereitung? Macht ein Start an den Europameisterschaften in München überhaupt Sinn? Fabienne Schlumpf musste sich nach überstandener Herzmuskelentzündung elementarer Fragen stellen.
Erst im April und nach dreimonatiger Zwangspause konnte die Wetzikerin ihr Training wieder aufnehmen. Am Montag lief Schlumpf im EM-Marathon lange Zeit so, als wäre sie nie weg gewesen. Dann aber brach die Olympia-Zwölfte von Tokio ein und musste die Spitzengruppe ziehen lassen.
Bis wenige Kilometer vor dem Ziel schien eine EM-Medaille möglich, am Schluss klassierten Sie sich auf Platz 9. Wie ordnen Sie das Ergebnis ein?
Fabienne Schlumpf: Als sehr positiv. Ich bin megahappy mit diesem Platz, auch damit, wie ich mich taktisch verhalten habe. Ich stieg mit dem Ziel ins Rennen, um eine Medaille zu kämpfen. Das machte ich 37 Kilometer lang. Es hätte sein können, dass die Kräfte reichen. Das war nach meiner Vorbereitung die grosse Unbekannte.
Sie sagten kurz nach dem Zieleinlauf, in Ihnen herrsche ein Gefühlschaos. Haben Sie in der Zwischenzeit für etwas Ordnung sorgen können?
Mehr oder weniger. Aber ich habe schon noch Chaosmomente. Michi (Michael Rüegg, ihr Trainer und Lebenspartner – die Red.) ist überzeugt: Hätten mir nicht vier Wochen im Aufbau und einige Longruns gefehlt, wäre ich vorne dabei geblieben. Diese Erkenntnis hat weh getan. Aber es bringt nichts, etwas hinterher zu trauern. Ich muss die Situation akzeptieren. Ich habe mein grosses Ziel erreicht, hier den Marathon bestreiten zu können.
«Irgendwann kam der Moment, wo ich realisiert habe: Oh Gott, ich mag nicht mehr.»
Fabienne Schlumpf
Bei Kilometer 37 verschärften Sie das Tempo. Ihr Angriff liess die Spitzengruppe auf sechs Läuferinnen schrumpfen.
(lacht) Ich habe das Gefühl, das Tempo gar nicht verschärft zu haben. Dass ich die Spitze übernahm, hat sich einfach so ergeben. Ich hatte mir vorher gesagt: Bis eingangs letzter Runde mache ich nichts, leiste keine Führungsarbeit. Als ich ganz nach vorne kam, hatte ich eine sehr gute Phase. Aber im Marathon geht es schnell. Plötzlich kam der «Hammermann». Danach hatte ich das Gefühl, nicht mehr im Ziel anzukommen.
Das muss brutal gewesen sein, wenn vom einen Moment auf den nächsten nichts mehr geht.
Ja. Am Anfang muss sich ein Marathon leicht anfühlen. Ich lachte viel, winkte ins Publikum. Das machte ich bewusst, hatte wirklich Freude. So konnte ich energiesparender laufen. Irgendwann kam dann der Moment, wo ich realisiert habe: Oh Gott, ich mag nicht mehr. Es ist mir aber gelungen, positiv zu bleiben. Das half mir. Auf der langen Zielgerade habe ich auch probiert, die Energie des Publikums aufzusaugen.
Wie geht es Ihnen ein Tag nach dem Rennen körperlich?
Mir tut alles weh, aber ich kenne die Ursachen dafür ja. Von dem her ist es okay. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man nach einem Marathon merkt, alles aus sich herausgeholt zu haben. Heute möchte ich keinen Marathon mehr bestreiten, geschweige denn überhaupt laufen. (lacht)
Welche Rückschlüsse ziehen Sie aus dem Rennen?
Es hat mir erneut gezeigt: Um einen Marathon durchzuziehen, braucht es ein gewisses Mass an Trainingseinheiten. Ich hatte nun vielleicht eben die eine oder andere zu wenig. Ich bin froh um diese Erfahrung, kann sie für die Zukunft mitnehmen.
«Ich werde nächstes Jahr keine internationalen Meisterschaften bestreiten.»
Fabienne Schlumpf
In den nächsten Wochen steht die Erholung an erster Stelle. Was folgt danach bis Ende des Jahres?
Im September werde ich im Engadin wieder ins Training einsteigen. Später im Herbst würde ich gerne den einen oder anderen Strassenlauf bestreiten. Noch aber ist nichts fix.
Die langfristige Planung ist auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris ausgerichtet. Welche Rolle spielt dabei die WM 2023?
Überhaupt keine. Ich werde nächstes Jahr keine internationalen Meisterschaften bestreiten. Ich plane, einen oder zwei schnelle Marathons zu absolvieren. Ich will ja schneller werden, meine Marathon-Bestzeit verbessern.
