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Früh aufzustehen, kann sie sich sparen

Nicole Reist ist nach dem Race Across America nicht in der Lage, ihre ursprünglichen Pläne umzusetzen. Statt sich aufs nächste Rennen vorzubereiten, liegt ihr Fokus nun in einem anderen Bereich.

Die Folgen ihres Unfalls am letzten Rennen zwingen Nicole Reist, derzeit zu pausieren.

Foto: Urs Nett

Früh aufzustehen, kann sie sich sparen

Normalerweise steht sie um halb zwei Uhr auf. Um mitten in der Nacht im Keller auf der Rolle ihre erste Trainingseinheit des Tages zu absolvieren. Danach fährt die Weisslingerin zur Arbeit.

Das ­frühe Aufstehen kann sich Nicole Reist derzeit schenken. Die ­beste Ultracyclerin der Welt ist, rund zwei Wochen nachdem sie das über knapp 5000 Kilometer führende Race Across America (RAAM) bestritten hat, noch nicht in der Lage, auf dem Velo zu trainieren.

Wobei die Lust gross wäre: «Es zieht mich zurück.» 

Seit Montag kann die Hochbautechnikerin immerhin wieder arbeiten. Allerdings nur Teilzeit, da sie nach ihrer in den USA ­zugezogenen Schambeinfraktur nicht stundenlang sitzen kann.

«Ich übe mich jetzt also in einer ­neuen Disziplin. Aber ich habe die Signale meines Körpers zu respektieren.»
Nicole Reist

Spazieren und Aquajogging, so sieht aktuell ihr «Sportprogramm» aus. Gelassenheit wäre gefragt. Doch die 38-Jährige ist keine geduldige Patientin.

«Ich übe mich jetzt also in einer ­neuen Disziplin», sagt sie und lacht. «Aber ich habe die Signale meines Körpers zu respektieren.»

Von ihrem ursprünglichen Vorhaben, innerhalb von nur zehn Wochen drei Nonstop-Rennen mit 8100 Kilometern und gut 100 000 Höhenmetern zu absolvieren, muss Reist verletzungsbedingt abrücken.

Den Start am Race Around Austria (ab 10. August) hat sie schweren Herzens gestrichen. Zuversichtlich ist die Weisslingerin hingegen, Mitte August an der 1000 Kilometer langen Tortour mit Start und Ziel in Zürich dabei zu sein. 

Unabhängig davon – die Saison ist nicht wie erhofft verlaufen. Reist sagt, sie habe sich sehr auf das Mammutprogramm gefreut. «Ich bin in der Form ­meines Lebens, habe eine Wahnsinnscrew hinter mir und war überzeugt, es ist umsetzbar.»

Sie stürzt extrem selten

Vorerst liegt ihr Fokus nun darauf, wieder ganz gesund zu werden. Im Hinterkopf aber hat Reist bereits den nächsten RAAM-Start.

Nicht 2023, das kann sie logistisch nicht stemmen. Finanziell auch nicht: Auf rund 60 000 Franken belaufen sich die Kosten einer Teilnahme. 2024 aber dürfte Reist den nächsten Anlauf auf den Gesamtsieg nehmen. 

Seit einem Jahrzehnt ist Reist bei den Frauen ungeschlagen. Sie ist eine akribische Planerin. Meisterin darin, Grenzen zu verschieben. Und gewohnt, Ziele zu erreichen.

«Ich stelle mich dem, was war. Verdrängen hilft nicht.»
Nicole Reist

Am RAAM, dem härtesten Radrennen der Welt, erlebte die Oberländerin zuletzt aber ein Drama. Rund 450 Kilometer vor dem Ziel platzen zwei ihrer ­Träume gleichzeitig: jener vom Gesamtsieg und vom Frauen-­Geschwindigkeitsrekord.

Die mit grossem Vorsprung führende Reist stürzt. Erst ein einziges Mal überhaupt ist sie zuvor in einem Rennen auf dem Asphalt gelandet – im Vorjahr in Italien. Setzt man das in Relation zu den Tausenden von Rennkilometern, die sie abspult, ist klar: Reist ist alles andere als eine «Bruchpilotin».

Die Extremradfahrerin spricht von einem Unfall im dümmsten Moment. «Wobei es für Unfälle ja nie einen guten Moment gibt.» 

Sie braucht danach mehrere Stunden, ehe sie überhaupt in der Lage ist, weiterzufahren. Selbständig aufs Rennvelo steigen kann sie nicht mehr. Unter grossen Anstrengungen rettet sich Reist als Gesamtdritte ins Ziel. Und gewinnt die Frauenkategorie.

Zehn Tage, vier Stunden und 13 Minuten hat sie gebraucht. Hinterher sagt Reist: «Derart ­gelitten habe ich noch nie.»

Nicole Reist am RAAM – unterwegs in Arizona. (Quelle: youtube.com)

Körperlich geht es ihr von Tag zu Tag besser. Die Anstrengungen des Rennens spürt sie nicht mehr. «Lediglich die Folgen des Unfalls.»

Reist sagt, der Kopf tue ihr definitiv mehr weh als der Körper. «Dass ich so kurz davor war, den Overall-Sieg einzufahren, und es nicht schaffte, habe ich noch nicht verarbeitet.» Sie will sich die dafür nötige Zeit nehmen.

«Ich stelle mich dem, was war. Verdrängen hilft nicht.» Gespräche mit ihrer Mentaltrainerin, die am RAAM Teamchefin war, helfen Reist.

Ihre Leidenschaft fürs Velofahren hat derweil in keiner Weise gelitten. Im Gegenteil. Für Reist ist klar: Sobald sie grünes Licht erhält, sitzt sie wieder im Sattel. Dann dürften schnell einmal auch die Tage vorbei sein, an denen sie am Morgen länger schläft. 

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