Wenn der Sieger plötzlich zum «wahren Mister Schweiz» gekürt wird
Es ist das letzte Hurra des Gigathlons, dieser Verschmelzung von Erlebnis und Wettkampf. «One more time» heisst das Motto. Einmal noch also können sich Ausdauersportlerinnen und -sportler in verschiedenen Wettkampfformaten an Grenzen herantasten. Allein, zu zweit oder im Team.
Der Start ist am Samstag in Zürich, das Ziel in Vicosoprano im Bergell. Die Strecke ist dieselbe wie bei der Premiere 1998 – aber in umgekehrter Richtung. 244 km lang ist sie, gespickt mit 5600 Höhenmetern.
Schwimmen, Laufen, Rennvelo, Mountainbike und Trailrunning sind die Disziplinen der 18. Austragung. Elf Oberländer und zwei Oberländerinnen haben sich für die Derniere in der Single-Kategorie angemeldet.
Mit der siebentägigen Version 2002 mit knapp 10 000 Teilnehmenden wurde der Gigathlon einst zum Kultanlass. Die Startplätze waren begehrt, zuletzt aber sanken die Teilnehmerzahlen stetig.
2019 nahmen noch rund 2100 Sportlerinnen und Sportler teil, die Ausgabe 2020 musste pandemiebedingt gestrichen werden.
Jetzt setzen die Macher den Schlusspunkt und führen dafür mehrere Gründe ins Feld – darunter ein stetig steigender Aufwand und ausbleibende Wirtschaftlichkeit.
Akribisch ins Rampenlicht
Er war die erste ganz grosse Figur des Gigathlons: Urban Schumacher. Der Ustermer gewann den 2002 erstmals über sieben Tage führenden Multisportanlass, der auf dem Expo-Gelände in Biel endete.
Der Rummel um den damals 38-Jährigen war danach gross. Schumacher war im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens Gast, der «Blick» baute ihn mit der Schlagzeile «Der wahre Mister Schweiz» in seine Anti-Mister-Schweiz-Kampagne ein, die «Schweizer Illustrierte» zählte ihn zu den 100 wichtigsten Schweizern, und er wurde für die Wahl zum Sportler des Jahres nominiert.
«Ich habe es mir härter vorgestellt, als es effektiv wurde.»
Urban Schumacher
Seine Leistung faszinierte. Für die 25 km Schwimmen, 303 km Biken, 795 km Radfahren, 173 km Inlineskaten und 181 km Laufen benötigte er 73 Stunden und knapp 33 Minuten. Sieben Tage lang war der Sport- und Informatiklehrer während durchschnittlich fast elf Stunden unterwegs. Und sagte hinterher den erstaunlichen Satz: «Ich habe es mir härter vorgestellt, als es effektiv wurde.»
Dabei lautete die Frage im Vorfeld: Schafft das Programm mit 1477 km und 21 000 Höhenmetern überhaupt jemand? Ärzte machten sich Sorgen um die Gesundheit der Startenden. Der erfahrene Langdistanz-Triathlet Schumacher war aber immer überzeugt: «Das ist machbar.»
«Wäre ein Arzt da gewesen, hätte er mich bestimmt aus dem Rennen genommen.»
Urban Schumacher
Der Sieger des Gigathlons 2000 bereitete sich akribisch vor. Er reduzierte sein Arbeitspensum, studierte die Strecke im Detail und absolvierte das Programm in der Originalreihenfolge. Nach vier Wettkampftagen war Schumacher Leader. Am fünften Tag erlitt er bei einem Velounfall eine Gehirnerschütterung. «Wäre ein Arzt da gewesen, hätte er mich bestimmt aus dem Rennen genommen», war er später sicher.
Schumacher musste die Führung kurzzeitig preisgeben, kämpfte sich zurück an die Spitze und gewann. Zwei Jahre danach musste er aufgeben. 2009 kehrte Schumacher als Single-Athlet zurück – und wurde Zehnter.
Die Dauerbrennerin
In der Gigathlon-Rekordliste ist Nina Brenn nicht mehr einzuholen. Achtmal triumphierte die 42-Jährige ab 2007, zuletzt 2018. Lange galt: Tritt die gebürtige Fehraltorferin in der Single-Kategorie an, lässt sie die gesamte Frauenkonkurrenz hinter sich. Und ist schneller als der Grossteil der Single-Männer.
Die Ausnahme: 2012 stürzte die Seriensiegerin und musste aufgeben. Eigentlich selbsterklärend, lag die in Flims lebende Oberländerin zu diesem Zeitpunkt in Führung.
«Es bereitet Spass, den Körper in Extremsituationen zu erleben.»
Nina Brenn
Brenn ist in anderen Ausdauerwettkämpfen ebenso erfolgreich. Im Duathlon beispielsweise holte sie WM- und EM-Medaillen. Dabei geht ihr das Verbissene anderer Ausdauerathletinnen und -athleten ab. Familie, Beruf, Sport – so lautet die Reihenfolge.
Die Freude an der Bewegung, langjähriges Training, einen robusten Körper und mentale Gelassenheit zählt sie zum Erfolgsrezept. Mehr als einmal hat Brenn betont, sie gehe nicht an ein Rennen, um es zu gewinnen. Im Vordergrund steht für sie die Suche nach dem persönlichen Optimum. Oder wie sie sagt: «Es bereitet Spass, den Körper in Extremsituationen zu erleben.»
Den letzten Gigathlon liess Brenn aus beruflichen Gründen sausen. Jetzt aber kehrt die langjährige Dominatorin zurück – in einem Zweier-Team.
Die eindrückliche Bilanz
Als Berufspilot ist er sich frühes Aufstehen gewöhnt. Martin Gautschi hat also kein Problem damit, sich am Samstagmorgen um 6.10 Uhr mit den anderen Männern und Frauen der Single-Kategorie am Zürcher Mythenquai ins Wasser zu stürzen.
Der Hittnauer gehört zu den treuen Teilnehmenden. Gautschi war bei der Geburtsstunde 1998 am Start und verpasste nur eine Austragung. Den Wettkampf 2006 liess er aus. Sonst ist die Bilanz des Oberländers eindrücklich. 16-mal startete er, 15-mal kam er ins Ziel.
Auch beim strapaziösen siebentägigen Wettkampf 2002, den nicht einmal 40 Prozent der Single-Männer beendeten. Gautschi überstand den Wettkampf nicht einfach nur auf der letzten Rille, er war schnell. Siebter wurde er – es ist sein bestes Ergebnis.
«Ich bin kein mutiger Mensch und suche keine Abenteuer.»
Martin Gautschi
Der passionierte Ausdauerathlet sagt von sich selber: «Ich bin kein mutiger Mensch und suche keine Abenteuer.» Gefunden hat er sie am Gigathlon mit Sicherheit gleichwohl, bewarben die Veranstalter den Anlass doch einst mit dem Satz: «Die sportliche Abenteuerreise durch die Schweiz».
Nun endet sie für Gautschi und all die anderen langjährigen Teilnehmenden am Wochenende. Da, wo sie vor knapp einem Vierteljahrhundert begann.
