Das Bad in der Menge ist nur der Bonus
Zehn Tage dauert der Zusammenzug des Schweizer Berglauf-Kaders in Davos. Stephan Wenk hat daran berufsbedingt nur vier Tage teilgenommen. Seit Dienstag ist der Osteopath zurück an der Arbeit.
In der kurzen Zeit in den Bergen hat er mit Bergläufen mehrere tausend Höhenmeter gesammelt. Und einige zusätzliche intensive Trainings absolviert. «Es ist etwas gegangen», ist der Bertschiker zufrieden.
Wie stark er von den Davoser Tagen profitieren wird, sieht Wenk in knapp zwei Wochen. Dann steht einer seiner Saisonhöhepunkte auf dem Programm: die Europameisterschaften im Berglauf auf der Kanareninsel La Palma.
Wenk gehört zum 20-köpfigen Aufgebot, das Swiss Athletics selektioniert hat. Die Titelkämpfe werden in einem neuen Format durchgeführt. Der Anlass heisst darum offiziell Off-Road-Europameisterschaften.
Innert dreier Tage finden drei verschiedene Rennen statt: Berglauf Uphill, Berglauf Up & Down sowie Trailrunning. Wenk startet in der letzten Kategorie. Das Programm des erfahrenen Trailläufers umfasst 48 Kilometer mit 2562 Höhenmetern.
Was liegt für ihn an der EM drin? Das sei schwierig einzuschätzen, sagt der Oberländer und möchte sich nicht mit einer Prognose auf die Äste hinauslassen.
Schliesslich sagt er: «Ich will möglichst gut abschneiden.»
Schneller, aber weiter hinten
Für Wenk ist es das zweite Mal, dass er innerhalb weniger Wochen für einen Wettkampf nach Spanien reist. Ende Mai bestritt er den Saisonauftakt der prestigeträchtigen, sechsteiligen Golden-Trail-Series.
Beim Rennen Zegama–Aizkorri im Baskenland belegte er Rang 24, nachdem er die ersten zwei Zwischenzeiten noch an 16. Stelle passiert hatte.
4:03:51 Stunden brauchte das Mitglied des Schweizer Berglauf-Nationalkaders für die 42 Kilometer mit fast 2800 Höhenmetern. Wenks Genugtuung: Er war neun Minuten schneller als bei seiner letzten Teilnahme 2018 – allerdings bei besseren Bedingungen.
Er klassierte sich trotzdem um elf Ränge weiter hinten. Über die Gründe kann Wenk nur spekulieren. Er sagt, er könne ja nur seine eigene Leistung beeinflussen. «Ich gab mein Bestes, alle anderen aber auch.»
«Man müsste erwarten, dass ich altersmässig über dem Zenit bin.»
Stephan Wenk
Klar ist: Die Professionalisierung im Trailrunning hat zugenommen, befeuert beispielsweise von der Golden-Trail-Series, in der über 300 000 Euro Preisgeld ausgeschüttet werden.
Die ersten zehn in Zegama dürften jedenfalls Profis sein – anders als der zweifache Familienvater Wenk. Oder nur reduziert arbeiten. Die Leistungsdichte ist fraglos grösser geworden, nun laufen auch Ostafrikaner nach vorne.
Gleich drei Kenianer klassierten sich im Baskenland in den Top 15, was Wenk als «neues Phänomen» bezeichnet.
Die Altersfrage
Und welche Rolle spielt das Alter? Wenk wird im November 40. Er gehört zu den älteren Topläufern und dürfte im letzten Drittel der Karriere angelangt sein.
«Man müsste erwarten, dass ich altersmässig über dem Zenit bin», sagt der Bertschiker. «Und ich merke auch, dass ich dem Körper mehr Sorge tragen muss.»
Er gibt gleichzeitig zu bedenken, dass es sehr individuell ist, wann die Phase mit den besten körperlichen Voraussetzungen ist.
«Man muss es nehmen, wie es kommt», kommentiert Wenk die Altersdiskussion gelassen. Er ist überzeugt: Erfahrung hilft, um stabilere Resultate zu erreichen. Mit dem 24-jährigen Italiener Davide Magnini, der seit Längerem bei Trailevents auf der Marathondistanz Erfolge erzielt, findet er allerdings auch das Gegenbeispiel.
Letztlich ist es eine müssige Diskussion. Wenk ist immer noch sehr motiviert und verfolgt seine sportlichen Ziele gewissenhaft. Natürlich geniesst er auch den mit seinem Sport verbundenen Lebensstil.
Und die Erlebnisse als Athlet. Wie jüngst in Zegama, wo er wie alle anderen Läufer an einigen Stellen von Tausenden von Zuschauern angefeuert worden ist. «Da ist man hinterher fast taub, das Adrenalin pumpt», schwärmt Wenk.
Solche Momente sind eindrücklich, das Ergebnis deswegen aber nicht etwa weniger wichtig.
Beim legendären Bergmarathon Zegama–Aizkorri herrscht jeweils eine einzigartige Stimmung. (Quelle: youtube.com)
An seinem Leistungsdenken hat sich nichts geändert, wobei der Bertschiker das Wohlbefinden nicht über Resultate definiert. Die Saison plant er derweil rollend – im Dreieck Beruf, Familie und Sport. Nach der EM hat Wenk zahlreiche Optionen, aber erst einen Fixpunkt im Kalender: Sierre–Zinal am 13. August.
Der Berglauf-Klassiker gehört ebenfalls zur Golden-Trail-Series. Um in der Serie überhaupt Chancen auf den Final auf Madeira zu haben, müsste Wenk an mindestens drei der sechs Anlässe teilnehmen.
Das wird nicht passieren. Der Aufwand für die Rennen in den USA (2) und Norwegen ist dem 39-Jährigen zu gross. Einzig ein Start in Chamonix (26. Juni) zog Wenk in Betracht. Zugunsten der EM verzichtet er nun aber darauf.
