Kochers klare Ansage
Samstags stehen meistens Treppensprints auf ihrem Trainingsprogramm. Die Freude daran dürfte begrenzt sein, sind solche doch hart und monoton.
Für einmal fand Fabienne Kocher unlängst aber eine Form mit erheblich grösserem Spassfaktor: Sie rannte vom Zürcher Stadtspital Triemli aus auf den Uetliberg. Die Olympiafünfte von Tokio hatte zu kämpfen, um nicht aufzugeben, musste ans Limit gehen.
«Genau diese Eigenschaften braucht man auch fürs Judo», sagt sie. «Und wenn man mal oben steht, ist es cool.»
Weit oben steht die 28-Jährige mittlerweile auch in ihrer Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm in der Weltrangliste. Kocher ist Fünfte. Sie packt den ersten Höhepunkt der Saison – die Europameisterschaften in Sofia – entsprechend ambitioniert an. Die Ansage vor ihrem Wettkampf am Freitag ist klar: «Ich will eine Medaille.»
Die gedankliche Anpassung
Kochers Ansprüche sind gestiegen. «Ich weiss, ich habe den Anschluss gefunden», sagt die Judoka, deren übergeordnetes Ziel eine Olympia-Medaille 2024 in Paris ist. «Wenn ich einen Kampf verliere, habe ich Fehler gemacht.»
Kocher hat 2021 enorm viel Selbstvertrauen sammeln können in ihrem bisher besten Jahr der Karriere. Ihre grössten Erfolge: Sie gewann WM-Bronze und verpasste danach bei ihrer Olympiapremiere den Medaillengewinn nur knapp.
Die Riedikerin hat sich an der Weltspitze etabliert. Und gibt sich darum auch nicht mehr mit Platzierungen zufrieden, sondern kämpft immer um die Medaillen. Kocher formuliert es so: «Ich denke auf einem anderen Niveau.»
Zum Auftakt der Saison knüpfte sie nahtlos an die starken Auftritte des letzten Jahres an. Beim GP von Almada (POR) wurde sie ebenso Dritte wie beim Grand-Slam-Turnier in Paris.
Zuletzt aber musste sie einen Dämpfer einstecken. Anfang April unterlag sie am Grand-Slam-Turnier in Antalya bereits in ihrem ersten Kampf der Polin Alexandra Kaleta. Nach lediglich 23 Sekunden war für Kocher das Turnier in der Türkei vorbei.
Sie hätte sich im Griff besser durchsetzen müssen, gibt sie sich selbstkritisch, sagt über das schnelle Aus allerdings auch: «Das kann passieren.» Die Niederlage hat ihr logischerweise weh getan. «Ich kann den Ärger daraus nun aber gut mitnehmen und in Energie verwandeln.»
Im Kreis der Favoritinnen
Zwischenzeitlich war Kocher krank, hatte danach Mühe, wieder fit zu werden. Mittlerweile ist ihr das gelungen, so dass sie vor den kontinentalen Titelkämpfen festhalten kann: «Ich bin ready.»
Zweimal hintereinander wurde die Athletin des Judoclubs Uster EM-Siebte. In Sofia ist sie nun an Nummer 4 gesetzt. Aus den Top 10 der Weltrangliste fehlt in Bulgarien nur eine Europäerin, das Feld ist stark besetzt.
Kocher bezeichnet Amandine Buchard (FRA) und die Kosovarin Distria Krasniqi als aussichtsreichste Titelkandidatinnen. Kocher gehört zum erweiterten Kreis der Favoritinnen. Und sagt: «Für rund acht bis zehn Leute ist alles möglich.»
Gelingt der Riedikerin der Sprung aufs Podest, würde sie mit ihrem Trainingspartner und Klubkollege Nils Stump gleichziehen. Der 25-Jährige holte 2021 an den Europameisterschaften eine Medaille – er wurde in Lissabon Dritter.
Auf die Reise nach Sofia verzichtet Stump. Der Judoka musste sich im Oktober einer Operation an der rechten Schulter unterziehen.
Beim letzten internationalen Trainingslager in Antalya im April war Stump wieder dabei, in Kürze dürfte er auch wieder Wettkämpfe bestreiten. Fit ist Stump in jedem Fall – er rannte mit Fabienne Kocher zusammen auf den Uetliberg.
