Mit der alten Liebe wieder im Reinen
Der erste Schritt nach Inzell brauchte für die Ebmatingerin Kaitlyn McGregor etwas Überwindung. Doch Vater Mark, ein ehemaliger Eishockey-Trainer, lässt nicht locker. Er brauche ihre Hilfe in seinen Kursen.
Die McGregors haben seit einiger Zeit in der oberbayrischen Gemeinde ein Haus. Sie verbringen einen wesentlichen Teil des Jahrs dort und bieten Leadership-Coachings an. Tochter Kaitlyn zählt zum Team und arbeitet Teilzeit für ihren Vater.
Nur ist Inzell eben als Eisschnelllauf-Stätte bekannt. Und mit dem Sport hat McGregor im Winter 2014 gebrochen, nachdem sie kurz zuvor die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Sotschi verpasst hatte.
Ein Jahrzehnttalent geht verloren
Gerade mal 19 ist sie bei ihrem Rücktritt. «Kaitlyn ist ein Jahrzehntetalent – eines, das die Schweiz vielleicht nie mehr haben wird», sagt Nationalcoach Timo Jarvinen nach ihrem Entscheid konsterniert.
Tatsächlich sprechen die Zahlen für sich: In ihrer jungen Karriere stellt sie 32 Schweizer Rekorde auf und gewinnt 24 nationale Titel. Dazu kommen drei Medaillen an den Junioren-Weltmeisterschaften 2013.
«Ich konnte einfach nicht mehr.»
Kaitlyn McGregor
Schon als 16-Jährige zieht sie ins Eisschnelllauf-Land Holland, da in der Schweiz die Strukturen fehlen. Doch McGregor kämpft mit Heimweh, ihr fehlen die Bezugspersonen. Der spätere Wechsel nach Inzell kommt einer Befreiung gleich.
Und doch zieht sie die Notbremse nach ihrer ersten Saison in der Elite. McGregor fühlt sich eingeengt und unter Druck gesetzt. Heute sagt sie: «Ich konnte einfach nicht mehr.»
Auszeit in Übersee
Die Ebmatingerin nimmt sich eine Auszeit und zieht mit ihrem damaligen Freund, dem Eishockey-Profi Ronalds Kenins, nach Kanada. «Ich habe ihn unterstützt. Es war auch eine Ablenkung vom eigenen Zeugs», sagt McGregor.
Rund zwei Jahre bleibt sie in Übersee und lässt sich dort zur Yoga-Lehrerin ausbilden. Auf den sozialen Kanälen macht sie sich rar, um der Eisschnelllauf-Welt aus dem Weg zu gehen. «Der Sport hat mir ja nichts getan. Doch er machte mich wütend», sagt McGregor. Hilfe auf ihrem Weg bekommt sie auch von einer Therapeutin.
Zurück in der Schweiz, macht sie eine weitere Ausbildung – zur Ernährungsberaterin. Sie kehrt auch aufs Eis zurück – zum Eishockey. «Rein hobbymässig», wie die frühere U18-Nationalspielerin betont. Schon von Kindesbeinen an jagte sie dem Puck nach.
Zwei Saisons läuft sie wieder für die GCK Lions in der zweitklassigen Swiss Women’s Hockey League B auf. «Im Herzen bin ich eine Teamsportlerin», sagt McGregor.
Bis sie allerdings wieder in der Max-Aicher-Arena von Inzell ein paar Runden dreht, vergehen fast vier Jahre.
McGregor trifft dort eine neue Situation an. Ein ganzes Team hatte sich in der Zwischenzeit im Schweizer Eisschnelllauf gebildet – mit Livio Wenger als Aushängeschild. «Warum war es bei mir nicht so?», fragt sich McGregor.
«Was Livio schafft, ist auch für dich möglich.»
Kalon Dobbin, Nationalcoach
Doch Wengers Coach Kalon Dobbin kann sie überzeugen. «Was Livio schafft, ist auch für dich möglich», sagt ihr der Neuseeländer.
Der aus dem Inline-Speedskaten dazugestossene Wenger ist zweifacher EM-Medaillengewinner und schrammte an den Olympischen Spielen 2018 nur knapp an einem Podestplatz vorbei. Im Februar bestritt er bereits seine zweiten Winterspiele – mit ihm in Peking war auch Nadja, die ältere Schwester.
Olympia 2026 als Fernziel
Und die Wengers sind mittlerweile bei Weitem nicht die einzigen Schweizer Eisschnellläufer. Allein bei den Frauen trifft McGregor bei ihrem Comeback noch auf die Geschwister Jasmin und Vera Güntert sowie Ramona Härdi.
Es sind ganz andere Perspektiven. Eines der grossen Ziele: es mit der Staffel an die Olympischen Spiele 2026 schaffen. «Als Einzelkämpferin wäre ich nie zurückgekommen», bekräftigt McGregor, die mit ihrer Familie in der Schweiz mittlerweile nach Weggis gezogen ist.
Seit 2019 steht sie wieder regelmässig auf dem Eis. «Ich hatte fast vergessen, wie viel Spass es macht, in diesem Tempo zu laufen», sagt die 27-Jährige.
Und die ersten Erfolge stellen sich schnell ein. Gleich in ihrem ersten Weltcup-Jahr qualifiziert sich das Team für die WM in Heerenveen (HOL) – wo es im Februar 2021 einen Schweizer Rekord aufstellt. Dabei lassen McGregor & Co. als Siebtklassierte aufhorchen – selbst wenn einige der Top-Nationen fehlen. «Das gab mir einen weiteren Kick», sagt sie.
Schon fast Meditation
In der letzten Saison bestreitet McGregor einige Weltcups. So beispielsweise in Salt Lake City, wo sie auf ihren Paradestrecken über 1000 und 1500 Meter ihre alten Bestmarken deutlich unterbietet.
Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen hofft sie aber vergeblich auf einen Quotenplatz trotz geschaffter Limite über beide Distanzen.
Beirren lässt sie sich dadurch nicht. Mit dem Team sieht McGregor noch viel Potenzial, um es nachhaltig unter die besten acht zu schaffen. Und auch in den Einzelrennen will sie es wieder wissen. McGregor hat sich die Top 20 als Marke vorgenommen.
All dies macht deutlich: Sie ist mit ihrem Sport wieder im Reinen. Als sie einst ihre ersten Versuche auf dem Zürcher Dolder machte, fand sie Eisschnelllaufen zunächst sogar langweilig. «Heute ist es für mich fast Meditation», sagt McGregor und lacht.