Schlumpf atmet auf: «Mein Herz ist wieder gesund»
Am liebsten hätte sie gleich die Laufschuhe geschnürt. Wäre von ihrer Wohnung in Wetzikon aus einfach losgerannt Richtung Pfäffikersee. Getrieben von Glücksgefühlen. Und dem Drang, ihren «Energieüberschuss hoch zehn», zumindest etwas abzubauen.
Doch Fabienne Schlumpf gab ihrem Verlangen nicht nach. Nur ja nichts überstürzen. Obwohl sie ab sofort wieder das tun darf, was sie am liebsten macht: laufen. Bei aller Euphorie aber ist sich Schlumpf bewusst: «Ich muss vorsichtig sein, gut auf meinen Körper hören.»
Die beste Schweizer Marathonläuferin hat nach Tests von ihren Ärzten grünes Licht fürs Lauftraining erhalten. Schlumpf hat die längsten drei Monate ihres Sportlerinnenlebens hinter sich. Anfang Januar hatte die Wetzikerin publik gemacht, an einer Herzmuskelentzündung zu leiden. Und musste all ihre sportlichen Pläne streichen. Am Montag kann sie aufatmen: «Mein Herz ist wieder gesund.»
Die Erleichterung der besten Schweizer Langstreckenläuferin ist beinahe mit den Händen greifbar. Für einmal ringt die Frohnatur gar kurz um Worte – ehe es nur so aus ihr heraussprudelt. «Ich freue mich mega. Auf meinen ersten Dauerlauf. Darauf, endlich wieder mit meiner Trainingsgruppe zu trainieren. Obwohl ich sie wohl nur von hinten sehen werde.»
Beim Gedanken daran lacht sie und versichert: «Nur schon dabei zu sein wird grossartig sein.» Wie genau sie ins Training zurückkehrt, wann sie Umfang und Intensität steigern kann – Schlumpf hat keine Ahnung. Auch von der Rückkehr ins Wettkampfgeschehen träumt sie nicht einmal. «Das macht keinen Sinn.» Der Ansatz der Läuferin ist simpel: «Mal steigern und schauen, wie es geht.»
Vom Himmel zur Hölle und retour
Schlumpf verlässt sich dabei ganz auf die Vorgaben ihres langjährigen Trainers und Lebenspartners Michael Rüegg. Dieser kennt die 31-Jährige nicht nur in- und auswendig.
Er hat als Trainer zuletzt auch Erfahrungen sammeln können bei Anja Weber. Die Hinwiler Langläuferin litt ebenfalls an einer Herzmuskelentzündung, schaffte es aber trotz schwieriger Saisonvorbereitung an die Olympischen Spiele in Peking.
«Ich war häufig traurig, hatte viele schlechte Gefühle.»
Fabienne Schlumpf
Schlumpf sagt, sie habe mit Weber zwar immer wieder Kontakt, aber nie mit ihr über die Krankheit gesprochen. «Aber ihr Weg war megamotivierend für mich.»
Bis zu ihrem Wiedereinstieg musste sich Schlumpf gedulden. Mehrfach wurden Tests abgesagt, da ihre Blutwerte nicht gut genug waren. Die Oberländerin macht kein Geheimnis daraus, wie belastend die letzten Monate für sie waren.
«Ich war häufig traurig, hatte viele schlechte Gefühle.» Jene zulassen zu können und darüber zu sprechen hat ihr jeweils gut getan.
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Langläuferin Anja Weber im letzten Sommer und nun Marathonläuferin Fabienne Schlumpf: Gleich zwei Beitrag in Merkliste speichern Lange ist die Marathonläuferin zum Spazieren verdammt. Zuletzt hat sie immerhin Kraftübungen machen können, die das Herz-/Kreislaufsystem nicht belasteten. Schlumpf erlebt enorme Gefühlsschwankungen.
«Von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt war alles dabei. Das war auch anstrengend für Michi.» Sicher nicht einfacher machte die Situation, dass sich Schlumpf seit langem «vögeliwohl» fühlte. «Die Ärzte aber stoppten mich.»
Sturm der Entrüstung
Den Grund für die Herzmuskelentzündung kennt Schlumpf weiterhin nicht. Am 23. Dezember, etwa zwei Wochen nach ihrer dritten Coronaimpfung, erhielt sie die Diagnose. Einen Zusammenhang mit der Impfung schliesst die Wetzikerin nicht aus. Sie sagt aber auch: «Es gibt Gründe, die dafür sprechen. Aber auch solche, die dagegen sprechen.»
Die Ursache spielt für die zweifache Olympiateilnehmerin letztlich keine Rolle. Sie habe sich für den Weg mit der Impfung entschieden. «Wenn andere das anders machten, ist das für mich okay.»
So tolerant sind nicht alle. Am 6. Januar machte sie die Erkrankung auf ihren sozialen Kanälen öffentlich – und lief in einen Sturm der Entrüstung.
«Es gab viele Kommentare unter der Gürtellinie. Was diese Leute schrieben, würden sie mir nie ins Gesicht sagen. Ich habe quasi im Minutentakt Nachrichten gelöscht und Personen blockiert.»
Sie bereut dennoch nichts. Und hat in den letzten Wochen regelmässig Einblick gegeben, wie es ihr geht. Der jüngste Beitrag auf Instagram zeigt Schlumpf mit breitem Lachen und hochgestrecktem Daumen. Ihre Botschaft: «Ich bin bereit für den nächsten Schritt.»
