Das Oberland ist Rodler-Land
Wer hierzulande an einen Eiskanal denkt, dem gehen in erster Linie Bilder von Bobs durch den Kopf. Lediglich die alpinen Skifahrer holten für die Schweiz mehr Olympia-Medaillen als die Bobpiloten. 31-mal schon fuhren die Bob-Crews an Winterspielen aufs Podest. Einem Rodler oder einer Rodlerin gelang dies noch nie.
Und doch hat die Schweiz und vor allem auch das Zürcher Oberland eine lange Rennrodler-Geschichte, die dank Natalie Maag weitergeht. Sie ist Mitglied des Neuen Bob- und Schlittelclubs Girenbad (NBSG) und führt mit ihrer Olympia-Teilnahme in Peking nun eine Tradition fort.
Seit 1964 ist die Sportart im olympischen Programm – und bei der Premiere in Innsbruck war die NBSG-Beteiligung gross: Emil Egli, Ulrich Jucker, Hans-Rudolf Roth und Ursula Amstein hiess das Oberländer Quartett, das für die Schweiz startete. Egli war als 18. bester Schweizer, Amstein als 11. beste Schweizerin.
Eine berüchtigte Bahn
Dass die Oberländer Rodler zumindest in der Schweiz tonangebend waren, ist kein Zufall. Schliesslich wurde Girenbad früher punkto Eiskanal mit St. Moritz in einem Atemzug genannt: Winter für Winter bauten die Girenbader ihre Natureisbahn. Berühmt und berüchtigt war sie, Tausende von Schaulustigen soll sie angezogen haben; internationale Rennen fanden darauf statt und 1961 sogar die Rodel-Weltmeisterschaften.
Überlebt hat die Bahn nicht – 1967 wurde sie zum letzten Mal gebaut. «Damals war ich gerade drei Jahre alt», sagt Käthi Maag. Die Mutter von Natalie Maag war selber Rennrodlerin, an die Olympischen Spiele reichte es ihr aber nicht.
Ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder Ueli Schenkel. Zusammen mit Markus Kägi (dessen Tochter Isabelle Kägi als Rodlerin an Junioren-Weltmeisterschaften teilnahm) und Reto Filli vertrat Schenkel die Schweiz 1980 in Lake Placid. Nicht mit Ambitionen auf Topränge – damals wie heute gehörten die Schweizer nicht zu den besten Nationen.
Gestürzt statt gejubelt
«Heute ist das Feld enger zusammen», sagt Maag, «früher waren die Unterschiede vor allem wegen des Materials noch grösser.» In Lake Placid war das Glück den Oberländern nicht hold – keiner des Trios erreichte ein zählbares Resultat. Filli brach sich schon im Training bei einem Sturz den Unterschenkel; Kägi und Schenkel sahen dann im Rennen das Ziel nicht.
Die «Neue Zürcher Zeitung» kommentierte gar herablassend, eine Überforderung der Athleten könne verhängnisvolle Folgen haben, und man hätte das Trio gar nicht nominieren dürfen. Doch auch verschiedene Favoriten stürzten auf der Bahn, die als anspruchsvoll und gefährlich galt. «Sie wurde nachher mehrfach umgebaut, weil die Schlitten immer schneller wurden», sagt Käthi Maag.
Rodeln als guter Einstieg
Sie selber erinnert sich daran, wie in den 1970er Jahren zumindest ein kleiner Teil der Bahn in Girenbad wiederbelebt wurde – als Trainingsstrecke für den Start. «Aber die ganze Bahn baute man nach 1967 nicht mehr. Dafür fehlte der Schnee, und es war zu warm.» Und doch blieb die Rodelbegeisterung in der Hinwiler Aussenwacht. «Praktisch jeder im Dorf schlittelte. Das war einfach normal.»
Die Premiere ist für sie zum Schnuppern
04.02.2022

Wernetshauser Rodlerin an Olympia
Für Natalie Maag sind die Winterspiele in Peking ein Zwischenstopp. Beitrag in Merkliste speichern Den NBSG gibt es weiterhin, mit Natalie Maag als einzigem und womöglich letztem Aushängeschild, dessen sportliche Wurzeln auf den einstigen Girenbader Eiskanal zurückzuführen sind. Aktiv auf Nachwuchssuche ist der Verein allerdings weiterhin, er organisiert etwa Angebote für Schulkinder im Rahmen des Ferienplauschs.
«Eigentlich ist Rodeln der beste Einstieg», sagt Käthi Maag, «auch für solche, die später Bobfahrer werden wollen.» Und vielleicht gelingt es ja auch ihrer Tochter Natalie, mit ihren Olympia-Auftritten neue Interessenten anzulocken.
