Jetzt weiss er, was möglich ist
Plötzlich geriet er komplett neben die Spur. Drei Einzelrennen hintereinander beendete Sebastian Stalder im Weltcup ausserhalb der Top 100. Und schwächte mit diesen enttäuschenden Resultaten seine Position im Kampf um einen der vier Schweizer Männerplätze für die Winterspiele in Peking.
Der Walder aber fand seine Form rechtzeitig wieder, sodass er jetzt seine Olympia-Feuertaufe erleben kann. Am Montag flog er nach China. Mit grosser Vorfreude, aber lediglich Basiswissen über die Biathlonanlage.
Der Schiessstand sei windanfällig, hat Stalder gehört, die Strecke aus Kunstschnee rhythmisch zu laufen. «Man hat wenig Zeit, sich auszuruhen. Dafür hat es keine Monsteranstiege drin.»
Es ist ein Profil, das ihm zusagt. Und der Strecke von Antholz ähnelt.
Ausblenden ist die Lösung
Im Südtirol machte der Biathlon-Tross den letzten Weltcup-Halt vor Olympia. Stalder fand da auch wieder aus dem zwischenzeitlichen Tief. Wie genau es ihm gelang, dieses zu überwinden, darüber kann er allerdings nur mutmassen.
«Ich bin sicher gelassener geworden, kann besser mit Enttäuschungen umgehen», sagt er. «Nicht gross darüber nachzudenken ist das Beste. Schlechte Phasen gehören im Biathlon einfach dazu.»
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Stalder nur in Einzelrennen grosse Leistungsunterschiede hatte, sein Potenzial in der Staffel aber durchweg abrufen konnte. In allen vier Rennen war er Teil des Schweizer Teams, was bei der Breite des Kaders keine Selbstverständlichkeit ist. Und bei der Olympia-Hauptprobe in Antholz gelang ihm gar der beste Auftritt des Winters.
«Fürs Gefühl wäre ein Rang in den Top 40 schon wichtig.»
Sebastian Stalder
Als Startläufer übergab Stalder an dritter Stelle, die Schweizer landeten letztlich auf Rang 7. Ohne Teamleader Benjamim Weger notabene. Der Walliser schonte sich, ist in Peking aber wieder Teil der Staffel. Ebenso Stalder, der wohl erneut auf Position 1 läuft.
Das Minimalziel sei ein Platz in den Top 8, sagt der Oberländer. An einem guten Tag sei aber auch mehr möglich, ist er überzeugt.
Auf höchster Stufe festgebissen
In die Einzelwettbewerbe steigt Stalder derweil ohne konkrete Rangziele. «Perfekt durchbringen», will er diese. «Wohin das in der Rangliste dann reicht, kann ich schlicht nicht einschätzen.»
Auch wenn er sich damit im Blindflug befindet, weiss er genau, in welchen Regionen er sich gerne wiederfinden würde. «Fürs Gefühl wäre ein Rang in den Top 40 schon wichtig.» Es wäre eine weitere Bestätigung, dass die Entwicklungsrichtung stimmt.
«Wenn man immer im Weltcup laufen kann, gibt das natürlich Selbstvertrauen.»
Sebastian Stalder
Obwohl er schon vor vier Jahren sein Weltcup-Debüt feierte, ist Stalder grundsätzlich erst am Anfang der Karriere. Vor zwei Jahren gewann er an der Junioren-WM über 15 km Bronze. Jetzt ist der gelernte Zimmermann 24 – und steht erst im zweiten Elite-Jahr.
Der Schritt zu den «Grossen» ist ein anspruchsvoller, die Konkurrenz enorm. Noch letzte Saison musste der Oberländer nach drei Monaten im Weltcup zurück in die zweithöchste internationale Wettbewerbsserie, den IBU-Cup. Nun hat er sich auf höchster Stufe festgebissen.
Zwölf Weltcup-Rennen absolvierte Stalder diesen Winter bisher – gleich viele, wie all die Jahre zuvor.
Vom Pech profitiert
Stalder sagt: «Wenn man immer im Weltcup laufen kann, gibt das natürlich Selbstvertrauen.» In der Loipe hat er gegenüber der Weltspitze weiter an Boden gutgemacht. Und endlich gelang es ihm auch, bei Einzelstarts nahe an die Top 20 zu laufen.
Darauf hatte der Walder seit langem hingearbeitet. Den Sprint in Östersund (SWE) beendete der Athlet des SC am Bachtel als 22., mit Rang 26 in Antholz gelang ihm kurz vor den Olympia-Selektionen die Bestätigung.
Beide Male war er gar nicht für Starts vorgesehen. Er profitierte davon, dass Teamkollege Jeremy Finello zweimal kurzfristig passen musste. In einem dieser Fälle absolvierte der Oberländer sogar ein Intervalltraining vor dem Rennen – im Glauben, an diesem nur als Zuschauer dabei zu sein.
«Geschadet hat es demnach nicht», sagt Stalder und lacht. Eine andere Erkenntnis aber ist nach den bisher zwei besten Weltcup-Ergebnissen für ihn wichtiger. «Es hat gezeigt, was an guten Tagen und mit etwas Wettkampfglück möglich ist.»
Das macht ihm Mut. Für die Olympia-Einsätze, seinen bisherigen Karriere-Höhepunkt, aber auch für die restlichen Weltcup-Rennen des Winters.
